Handel
Weihnachtsschmaus mit schlechtem Gewissen

Gerade zum Fest würden viele Menschen gern einen Braten aus besserer Tierhaltung servieren. Doch auch anderthalb Jahre nach Einführung des vierstufigen Aufzucht-Labels ist das Angebot der Supermärkte und Discounter an Fleisch aus den höheren Haltungsstandards mehr als mager.

Artgerechte Aufzucht Eher die Ausnahme
Artgerechte Aufzucht Eher die Ausnahme (Tho-Ge/Pixabay)

Die Verbraucherzentralen stellten bei einem bundesweiten Test mit 1700 verpackten Fleischprodukten an 30 Verkaufsstellen fest, dass 87 Prozent der Ware aus den Haltungsformen 1 und 2 stammte, also gerade den gesetzlichen Mindeststandards oder dem Niveau knapp darüber entsprach. Fleisch aus der bestmöglichen Haltungsform 4, fast ausschließlich Biofleisch, machte nur 10 Prozent des Angebotes aus. Produkte aus der Haltungsform 3 waren mit drei Prozent in den Regalen kaum vertreten und wurden nur von jedem dritten der untersuchten Läden angeboten.

Seit April vergangenen Jahres markieren acht große Handelsunternehmen, darunter Aldi, Lidl, Rewe und Edeka, ihre Fleischwaren mit dem Haltungsform-Label. Kritiker monieren, dass die Stufe 1 sich nur an den gesetzlichen Mindestanforderungen orientiert. Noch schlechtere Bedingungen wären also ohnehin verboten. Bei Stufe 2 haben die Tiere bleiben die Tiere auch im Stall, haben aber ein bisschen mehr Platz sowie Beschäftigungsmaterial. Die Halter dürfen Rinder nicht anbinden. Stufe 3 bietet den Tieren etwas frische Luft. Das heißt aber nicht, dass sie auf jeden Fall nach draußen dürfen. Eine offene Stalltür reicht. Die Premiumstufe 4 schreibt noch mehr Platz im Stall vor und dazu Auslauf im Freien. Diese Stufe kommt in etwa dem EU-Bio-Siegel gleich.

„Damit Verbraucherinnen und Verbraucher mehr Fleisch aus besserer Tierhaltung kaufen können, müssten Schweine-, Rind- und Geflügelfleisch auch in der Haltungsform 3 und 4 gut verfügbar sein“, verlangt Britta Schautz, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Berlin. „Davon sind die Handelsketten derzeit jedoch weit entfernt.“ Wenn Händler ihren Kunden mehr Orientierung bieten wollen, müssten sie die Haltungsform zumindest konsequent auch an Bedientheken und auf Wurstwaren kenntlich machen und besser über die Kriterien des Labels informieren. Die Verbraucherverbände kritisieren, dass die Kennzeichnung noch kein verlässliches Tierwohllabel sei. Dazu müssen zum Beispiel verhaltens- und gesundheitsbezogene Daten wie etwa Lahmen, Bissverletzungen oder Organbefunde auf den Höfen und am Schlachthof erhoben und ausgewertet werden. Letztlich sei ein ehrgeiziger Umbau der gesamten Nutztierhaltung notwendig, betont Schautz. Nur so könne flächendeckend mehr Tierwohl garantiert werden.

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