Industrie
Stahl ohne Koks

Etwa ein Zehntel der C02-Emissionen weltweit stammt aus Stahlwerken. Doch bis 2050 muss die Herstellung von Stahl klimaneutral werden. Die Konzerne suchen unter Druck nach neuen Wegen, Stahl ohne Koks zu kochen. Wasserstoff ist nur eine Lösung. Bringt das neue Jahr die Weichenstellung für das Ende des Hochofens?

Klassicher Hochofen im Ruhrpott -Stahl mit Koks
Klassischer Hochofen im Ruhrpott Stahl mit Koks (herbert2512/Pixabay)

Damit aus Eisenerz Roheisen – als Vorprodukt zu Stahl – wird, muss dem Erz Sauerstoff entzogen werden. Dazu dienen Hochöfen, die mit Koks und Eisenerz beschickt werden. Ein unerwünschtes Nebenprodukt dieses chemischen Prozesses ist CO2. Deutschlands Stahlwerke schicken Jahr für Jahr rund 50 Millionen Tonnen Kohlendioxyd in den Himmel.

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Die gute Nachricht: Deutschlands Hütteningenieure konnten den CO2-Ausstoß seit den sechziger Jahren um über 60 Prozent vermindern. Doch seit etwa zehn Jahren sind die Möglichkeiten im klassischen Hüttenverfahren ausgeschöpft. Nur durch neue Techniken kann die Branche das Klimaziel erreichen. Das bedeutet auch, dass die heutigen Hochöfen, die im Normalfall rund 40 Jahre arbeiten, schon mittelfristig keine Zukunft mehr haben.

Wird Wasserstoff die Lösung sein? Vieles spricht dafür. So gut wie alle Stahlkonzerne arbeiten jetzt daran, ihre Hochöfen in den kommenden Jahrzehnten durch sogenannte Direkt-Reduktionsanlagen (DR-Anlagen) zu ersetzen. Diese Anlagen entziehen dem Erz den Sauerstoff durch den Einsatz von Erdgas oder – noch nachhaltiger – von grünem Wasserstoff, der unter Einsatz Erneuerbarer Energien gewonnen wird.

Deutschlands traditionsreicher Stahlriese, ThyssenKrupp, baut zurzeit im Hüttenwerk Duisburg-Hamborn einen Hochofen auf Wasserstoff- statt Koksversorgung um und will damit den CO2-Aussstoss um 20 Prozent vermindern. Doch dies ist nur eine Übergangslösung. In drei Jahren soll die erste die erste großtechnische klimaneutrale DR-Anlage in Betrieb gehen. ThyssenKrupp sieht noch einen weiteren Weg zur Klimaneutralität: Hüttengase, darunter auch CO2, werden aufgefangen und zu Basischemikalien für die Dünger-, Kunststoff- oder Treibstoffherstellung verarbeitet.

Thyssen ist nur einer von etlichen europäischen Stahlherstellern auf dem Weg zur Klimaneutralität. Auch der schwedische Stahlriese SSAB, die britische Liberty Steel, die niedersächsische Salzgitter oder die luxemburgische Arcelor-Mittal arbeiten an Lösungen. Die meisten Stahlkonzerne haben sich für die wasserstoffbasierte Direktreduktion entschieden. Zu viel Zeit bleibt ihnen nicht, denn bis 2030 muss der CO2-Ausstoß bereits um dreißig Prozent geringer sein.

Der Umbau trifft die Stahlindustrie in einer schwierigen Lage. Weltweit bestehen rund 30 Prozent Überkapazitäten. Die Stahlpreise sind niedrig, die Ertragslage könnte besser sein. ThyssenKrupp wies im vergangenen Geschäftsjahr 2019/2020 im Stahlgeschäft einen Verlust von fast einer Milliarden Euro (vor Steuern und Zinsen) aus.

Fest steht, dass die Politik der Branche helfen muss – vor allem bei der Abwehr unfairer Handelspraktiken. Denn grüner Stahl kann mit schmutzigem Stahl aus Ländern, für die Klimapolitik ein Fremdwort ist, nicht konkurrieren.

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