Verkehrswende
Projektstart für intelligente Mobilität

Wer Stadtbewohner motivieren will, auf ein eigenes Auto zu verzichten, muss eine attraktive Alternative bieten. Ein Kölner Professor entwickelt dafür eine digitale Plattform, die Bus und Bahn, Leihräder, Sammeltaxis und Carsharing-Angebote mit der Nachfrage synchronisiert.

U-Bahn-Station mit elektronischer Abfahrtstafel
U-Bahn-Station Ziel ist die perfekte Verknüpfung von Verkehrsmitteln und individuellem Mobiliätsbedarf
Foto: MichaelGaida on Pixabay

Partner für die erste Modellanwendung sind die Verkehrsbetriebe in Köln und Bonn. Doch dabei soll es nicht bleiben. Ziel ist der Aufbau eines offenen rechnergestützten Simulationssystems, das jeder Betreiber eines Öffentlichen Personen-Nahverkehrs (ÖPNV) in Europa zügig an seine Bedürfnisse und Voraussetzungen anpassen kann. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer fördert die Forschungsinitiative (MIASS) mit 1,8 Millionen Euro.

Staufrei und sauber durch die Städte

Für Projektleiter Wolf Ketter, Ökonom an der Uni Köln, ist die Herausforderung klar: „Luftverschmutzung, Lärm und Staus lassen sich nur minimieren, wenn es den Städten gelingt, ihren ÖPNV nahtlos mit dem Angebot an leihbaren Rädern, Scootern und Pkws zu kombinieren. Und diese sollten möglichst elektrisch fahren.“

Was zunächst einfach klingt, ist eine gewaltige Koordinierungsaufgabe. Das System muss jederzeit sämtliche Fahrpläne von Bussen und Bahnen samt Verspätungen oder Ausfällen nachverfolgen und zugleich wissen, wieviele zwei- und vierrädrige Transportmittel aktuell an welchen Orten einsatzbereit sind. Und es soll noch mehr leisten. Zum Beispiel die Anbieter über falsch abgestellte Gefährte informieren oder vorübergehende Parkplatzsperrungen. Um all diese Daten zu sammeln, müssen erst einmal Schnittstellen vorhanden sein.

Jederzeit Anschluss statt nerviger Warterei

Mit Hilfe künstlicher Intelligenz (KI) soll die Plattform zudem zuverlässige Bedarfsprognosen aufstellen, erläutert Ketter gegenüber „Greenspotting“: Zu welchen Uhrzeiten wird die Nachfrage an welchen Haltestellen im nächsten Monat besonders hoch sein? Steigen die Fahrgäste bevorzugt auf E-Bikes um, welche Autotypen favorisieren sie? Nur mit diesem Wissen klappt der reibungslose Anschluss aufs nächste Verkehrsmittel ohne lästige Warterei.

Das alles ist noch Planung. Am Ende, so Ketters Vision, sollen die Stadtbewohner per App ihre Beförderungswünsche anmelden; schlaue Algorithmen steuern danach in Echtzeit das Angebot an Verkehrsmittel, um sie schnell und sicher ans Ziel zu befördern. „Nur so kann die grüne Mobilitätswende funktionieren“, ist der Wissenschaftler überzeugt.

Mit dieser Einschätzung hat er wohl recht. Denn so sehr die Deutschen in Umfragen die Klimabewegten mimen – in der Realität kaufen sie jüngsten Statistiken zufolge wieder mehr Privat-Pkw. Der Effekt: Die verkehrsbedingten Treibhausgas-Emissionen steigen wieder. Zum Verzicht auf den eigenen fahrbaren Untersatz wird die Bürger, so die wenig gewagte Einschätzung, allenfalls ein bequemer, zuverlässiger und bezahlbarer öffentlicher Nahverkehr bewegen.

Erfolgreich Rotterdams Busverkehr elektrifiziert

Ketter, der auch an der Rotterdamer Erasmus Universität lehrt, hat Erfahrung mit der Einführung komplexer, KI-gestützter Simulationssysteme. Dem dortigen kommunalen Verkehrsbetrieb RET half er beim Umstieg von Dieselstinkern auf eine elektrisch angetriebene Busflotte mit 55 Fahrzeugen. Seine preisgekrönte Lösung stimmt Fahr- und Ladezeiten so aufeinander ab, dass weder ein Bus mit leerer Batterie liegen bleibt, noch das Stromnetz an den Endhaltestellen überfordert wird. Überdies integriert es Wettervorhersagen und lädt die Akkus bevozugt zu Zeiten, wenn ausreichend CO2-freier Sonnen- und Windstrom im Netz verfügbar ist.

Im Norden Rotterdams steuert Ketters Computermodell den Linienverkehr seit 2019 erfolgreich. Noch in diesem Jahr sollen die südlichen Stadtbezirke daran angeschlossen werden. Die RET hat dafür weitere 35 bis 50 E-Busse bestellt.

Idee für die künftige Bedienoberfläche der Mobilitätsplattform Sammlung von Millionen Daten Quelle: Wolf Ketter