Zählung
Alle Vögel sind nicht da – oder doch?

So wenig Piepmätze gab es selten zum ausklingenden Winter. Vor allem das milde Wetter hielt in diesem Jahr Saisongäste wie Bergfink und Seidenschwanz aus dem Norden und Osten von ihrem gewohnten Besuch ab.

Mittlere jährliche Bestandsentwicklung der 60 häufigsten Wintervogelarten von 2011 bis 2021 (Quelle: NABU/publicgarden)

Der Naturschutz- und Umweltschutzbund NABU veranstaltet seit zehn Jahren eine Aktion namens „Stunde der Wintervögel“, bei der Freiwillige das Vogelvolk an Futterplätzen und in Gärten beobachten und registrieren. In diesem Winter beteiligten sich über 236 000 Menschen. Sie beobachteten 5,6 Millionen Vögel aus 176 Arten. Die Zählung fand vom 8. bis zum 10. Januar statt in deutschlandweit 164 000 Gärten und Parks.

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In diesem Jahr wurden pro Garten nur 34,5 Vögel gezählt. „Das ist der zweitniedrigste Wert seit 2011, zwölf Prozent weniger als im langjährigen Durchschnitt“, erklärte Vogelexperte Lars Lachmann vom Naturschutz- und Umweltschutzbund NABU. Grund für geringen Winterbestände sind allerdings weniger ungünstige Umweltbedingungen, sondern vor allem das veränderte Wanderverhalten der Piepmätze. Seit Beginn der Zählung waren die Zahlen nur im Jahr 2017 niedriger. Auch damals machten sich die typischen Futterplatzbesucher rar wie die verschiedenen Meisenarten, Kleiber, Kernbeißer und Gimpel. Der Winterbestand dieser Arten in Deutschland und vergleichbaren Ländern wird vornehmlich durch den Zuzug aus dem Norden und Osten bestimmt. Wenn die Kälteflüchtlinge wegen milder Witterung ausbleiben, tummeln sich in unseren Gärten auch weniger Vertreter dieser Kategorien.

Weniger Blaumeisen

Gleichzeitig wurde die Population angehoben von Arten, die sich in kälteren Wintern bei uns unwohl fühlen wie Ringeltaube oder Rotkehlchen. Standvögel wie Haussperling oder Amsel blieben bei der diesjährigen Zählung häufig im Bestand stabil oder legten gar zu. Besorgnis erregend ist der Rückgang der Zahlen beim Grünfink, der pro Garten im Durchschnitt nur 0,9 mal gemeldet wurde. Vor zehn Jahren war das gezählte Vorkommen viermal so hoch. Grund für den Rückgang ist laut NABU eine verbreitete Infektion mit Trichomonaden an sommerlichen Futterplätzen.

Die Zahl der Amseln hingegen nimmt wieder zu nach starken Rückgängen im Jahr 2018 aufgrund einer Usutu-Epidemie. Von 2017 bis 2019 ging die Zahl der beobachteten Amseln wegen der Viruserkrankung um rund ein Drittel auf 2,7 zurück. In diesem Jahr registrierten die Aktivisten wieder 2,93 Amseln pro Garten. Auffallend niedrig waren dagegen die Zahlen zur Blaumeise. Allerdings ist unklar, ob dies am fehlenden Zuzug aus kälteren Gebieten lag oder an einer bakteriellen Erkrankung, die im vergangenen Frühjahr viele Blaumeisen dahin gerafft hatte.

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