Lieferkettengesetz
„Das Ziel sollte sein, nach und nach alle Unternehmen in das Lieferkettengesetz einzubeziehen“

Die Chefin des baden-württembergischen Outdoor-Bekleidungsherstellers Vaude, Antje von Dewitz, fordert im Interview mit Greenspotting, dass das geplante Lieferkettengesetz für alle Unternehmen gelten soll – und kritisiert den Widerstand des CDU-Wirtschaftsrates.

Antje von Dewitz, 48, ist Hauptgesellschafterin und Chefin des Outdoor-Bekleidungsherstellers Vaude im baden-württembergischen Tettnang. Die promovierte Ökonomin leitet ein Unternehmen mit 500 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 110 Millionen Euro. Ihren Gegnern wirft die Tochter des Unternehmengsründers Albrecht von Dewitz, der aus seinem Namenskürzel „vD“ die Marke Vaude keierte, ein „extrem zynisches Weltbild“ vor (Foto: Vaude).

Frau von Dewitz, das Bundeskabinett hat den Entwurf eines Lieferkettengesetzes verabschiedet, wonach Unternehmen hier zu Lande dafür sorgen müssen, dass ihre Lieferanten rund um den Globus künftig soziale und ökologische Standards einhalten. Für wie wichtig halten Sie ein solches Gesetz?

Ich halte es für existenziell wichtig. Das ist kein Luxus- und Zeitgeistthema. Ich diagnostiziere viel mehr ein akutes Marktversagen. Unser Markt, wie er gegenwärtig funktioniert, schützt Natur und Mensch nicht ausreichend. Wir konsumieren auf Kosten von Mensch und Natur, und das in einer der reichsten Industrienationen der Welt. Wir unterliegen dem Irrglauben, dass Nachhaltigkeit teuer ist. Und wir schließen die Augen davor, dass andere vielfach den Preis dafür bezahlen, dass wir billig einkaufen. Insofern ist das geplante Gesetz ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, damit die Verantwortung dort hinkommt, wo sie hingehört.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Gesetzentwurf der Bundesregierung?

Ich finde es sehr positiv, dass es den Gesetzentwurf überhaupt gibt. Das ist zunächst das Allerwichtigste. Das sollten alle Kritiker erst einmal zur Kenntnis nehmen. Das ist mir sehr wichtig, weil ich  bei der Einführung des staatlichen Sozial- und Umwelt-Textilsiegels „Grüner Kopf“ 2019 erlebt habe, wie von allen Seiten – von den Grünen bis zu Greenpeace – sofort heftige Kritik geübt wurde, statt zu sagen: Gut, dass wir das haben, aber lasst es uns besser machen. Freuen wir uns doch jetzt erst einmal, dass mit dem Entwurf des Lieferkettengesetzes endlich festgestellt wird, dass die deutsche Industriefür die Einhaltung sozialer und ökologischer Standards mitverantwortlich ist. Zugleich sehe ich aber auch die Schwachpunkte.

Die allermeisten Unternehmen werden von der Verantwortung ausgenommen. Das Gesetz  soll zunächst nur für die 600 Unternehmen in Deutschland gelten, die mehr als 3000 Mitarbeiter beschäftigen. Von 2024  an soll es dann für die  2900 Unternehmen gelten, die mehr als 1000 Beschäftigte haben. Ist es gerechtfertigt, die riesige Mehrheit der Unternehmen von der Mitverantwortung frei zu sprechen, was bei ihren Zulieferern passiert?

Es ist überhaupt nicht gerechtfertigt, die riesige Mehrheit der Unternehmen von ihrer Mitverantwortung frei zu sprechen. Wir bei Vaude haben rund 500 Mitarbeiter und haben ein umfassendes globales Lieferkettenmanagement aufgebaut. Wieso sollten das andere nicht können.

Weil sie es aus eigener Kraft nicht hinbekommen?

In der Textilindustrie etwa muss das auch niemand. Hier existiert beispielsweise das Textilbündnis, das Vaude mitbegründet hat und das den Mittelstand unterstützt. Seit 2010 sind wir auch Mitglied bei Fair Wear, einer gemeinnützigen Stiftung mit Sitz in Amsterdam, die Arbeitsbedingungen vor allem in den Produktionsstätten der Bekleidungsindustrie verbessern will.  Im Board von Fair Wear sitzen Nicht-Regierungsorganisationen, Gewerkschaften und weitere unabhängige Vereinigungen.  Fair Wear ist also keine Einrichtung der Industrie, bei der sich die Industrie selbst kontrolliert. Nach den Richtlinien von Fair Wear werden alle Produktionsstätten aktiv auditiert, das heißt, nicht nur auf dem Papier überprüft, sondern Beschäftigte werden auch anonym und außerhalb des Betriebs interviewt. Zudem hängen in den Fabriken Telefonnummern, bei denen die Beschäftigten sich ohne Namensnennung beschweren können.

Das klingt, als ob einzig die bösen Zulieferer schuld an den Missständen sind und nicht auch die Einkäufer aus den Industrienationen, die ungeheuren Druck auf die Produzenten in den Schwellenländern und deren Mitarbeiter ausüben.

Der Eindruck täuscht. Fair Wear nimmt gerade auch Unternehmen hier in die Verantwortung, indem die Organisation zum Beispiel unser Orderverhalten überprüft und einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess fordert sowie diesen auch jährlich kontrolliert. Nur wer in diesem jährlichen Audit, dem sogenannten Brand Performance Check, gut abschneidet, darf das Label an seinen Produkten führen. Wer über längere Zeit hervorragende Ergebnisse erzielt, bekommt den Leader Status, den Vaude seit 2015 innehat.

Was kostet Vaude das?

Das ist vor allem mit einem hohen personellen Aufwand verbunden. Wir haben drei Vollzeitstellen am Unternehmenssitz in Tettnang, auf denen sich Mitarbeiter um unser Lieferantenmanagement kümmern, die Anforderungen von Fair Wear umsetzen und für die Erfüllung neuer Standards sorgen. Zudem beschäftigen wir drei Qualitätskontrolleure in Vietnam und China, die die Produktionsstätten vor Ort regelmäßig auf Umwelt- und Sozialstandards hin kontrollieren. Hinzukommen die Kosten für Mitgliedsbeiträge, Auditierungen und die Zertifizierung durch Fair Wear sowie andere Organisationen. Die Ausgaben für die Kontrolle der Einhaltung sozialer und ökologischer Standards summieren sich auf einen mittleren sechsstelligen Betrag. Das ist etwa ein halbes Prozent unseres Jahresumsatzes von zuletzt 110 Millionen Euro. Hinzu kommen Mehrkosten durch die Einhaltung der Standards bei den Materialien. Dadurch haben wir zehn bis 15 Prozent höhere Kosten, die wir nur bei einigen Produkten an den Kunden weitergeben können. Den Rest müssen wir selber tragen

Glauben Sie, ein solches Kontrollsystem können alle Unternehmen aufziehen?

Es ist zwar anstrengend und mit Mehrkosten verbunden, aber es muss sein. Und es ist auch machbar. Aus meiner Sicht ist es eine notwendige, moderne Business-Disziplin, ein Lieferantenmanagement-System aufzubauen. Die Textil- und Bekleidungsindustrie in Deutschland besteht überwiegend aus mittelständischen Unternehmen. Durch die Begrenzung auf größere Unternehmen fällt die Branche so gut wie gar nicht unter das Gesetz. Die Bundesregierung entlässt also ausgerechnet einen Wirtschaftszweig quasi komplett aus der Verantwortung, in dem es bekanntlich große ökologische und soziale Probleme gibt.

Halten Sie eine Begrenzung der Verantwortung auf Unternehmen ab einer bestimmten Größe überhaupt für notwendig?

Ich habe nichts gegen die Einführung in Stufen, damit Unternehmen Zeit haben, sich auf die neuen Regeln einzustellen. Ich wäre dafür, dass das Gesetz im dritten Jahr auf Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern ausgeweitet wird. Dann wäre ein großer Teil abgedeckt. Diese Zeit reicht für Unternehmen dieser Größenordnung, um sich darauf vorzubereiten. Das Ziel sollte sein, nach und nach alle Unternehmen in das Lieferkettengesetz einzubeziehen.  Wir können weder unserem Planeten und noch den benachteiligten Menschen dieser Welt zumuten, dass Unternehmen zu klein sind, um Verantwortung zu übernehmen.

… was allen voran Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier, der für die großzügigen Begrenzungen gesorgt hat, aber offenkundig tut.

In der Wirtschaftspolitik haben die Lobbyverbände starken Einfluss mit dem Ziel, die Unternehmen vor gerechtfertigten Ansprüchen wie dem fairen Umgang mit Mensch und Natur zu schützen. Dadurch verhindern sie indirekt, dass die Unternehmen auf diesem Gebiet Kompetenzen entwickeln. Und das in einer Zeit, in der immer mehr Konsumenten erwarten, dass Produkte fair und umweltfreundlich hergestellt werden.

Der Entwurf des Lieferkettengesetzes sieht auch vor, dass betroffene Arbeitnehmer oder Regierungen, deren Bevölkerung unter Umweltverschmutzungen etwa durch eine Fabrik leidet,  keinen Schadenersetz von deutschen Unternehmen verlangen können, wenn sie als Auftraggeber diese Missstände dulden. Haben Sie dafür Verständnis?

Es wäre es ohne Zweifel sinnvoll, den Schaden wieder gut machen zu müssen. Trotzdem halte ich das Gesetz in diesem Punkt nicht für einen zahnlosen Tiger. Denn es soll ja Bußgelder geben, wenn Unternehmen bei ihren Lieferanten wegschauen. Insgesamt glaube ich, dass kein Unternehmen passiv bleiben wird, weil es nur mit einem Bußgeld rechnen muss. Das Gesetz wird sicher für viele Unternehmen ein Impuls sein, etwas zu tun, um seine Lieferketten zu kontrollieren, zumal ja Nicht-Regierungsorganisationen das Recht erhalten sollen, für Geschädigte zu klagen.

Halten Sie das für eine gute Idee?

Ich halte das Klagerecht für Nicht-Regierungsorganisationen für sehr zweckdienlich. Wir haben in der Textil- und Bekleidungsindustrie immer wieder gesehen, welche Kraft Nicht-Regierungsorganisationen entfalten, wenn sie Kampagnen auflegen. Damit haben sie etwas bewegt in unserer Branche. Ich empfinde Nicht-Regierungsorganisationen als ein vernünftiges Regulativ gegen Marktversagen. Sie sollen ruhig den Finger in die Wunde legen.

Auf EU-Ebene ist gerade ein europaweites Lieferkettengesetz in Vorbereitung, das sogar Importverbote erlauben soll, wenn bestimmte Produkte – vom Billighemd bis zu begehrten  Metallen – unter unfairen Bedingungen für Mensch und  Natur hergestellt werden.

Das betrachte ich als sehr sinnvoll, nicht nur wegen des Verbots, sondern auch zur Schaffung gleicher Wettbewerbsbedingungen. Wenn ich mir neben der Bekleidungsindustrie konkret die Outdoor-Spezialisten ansehe, so fällt auf, dass wichtige Wettbewerber aus dem Ausland kommen.  Für sie müssen die gleichen Bedingungen gelten wie für deutsche Unternehmen.

Der CDU-Wirtschaftsrat hat der SPD, deren Arbeitsminister Hubertus Heil zusammen mit Entwicklungshilfeminister Gerd Müller von der CSU die treibende Kraft beim Lieferkettengesetz war, ein Beharren auf „links-ideologischen Themen“ vorgeworfen. Fühlen Sie sich mit angesprochen?

Den Mitgliedern des Wirtschaftsrats würde ich in diesem Fall unterstellen, wenig zu wissen über die Missstände in Lieferketten, wie Lieferkettenmanagement funktioniert und dass das heute ein wesentlicher Teil eines modernen Risikomanagements ist.

Was würden Sie Leuten sagen, die behaupten, Sie würden ja nur ein Gutmenschentum pflegen, das in Wirklichkeit raffiniertes Marketing ist, um Vaude von Wettbewerbern abzuheben und höhere Preise verlangen zu können?

Eigentlich finde ich solche Behauptungen sehr entlarvend. Ja, wir wollen als Unternehmen ganzheitliche Verantwortung übernehmen. Ja, wir sind Teil des Problems und wollen deshalb Teil der Lösung sein. Darin raffiniertes Marketing zu sehen, offenbart für mich ein extrem zynisches Weltbild.

Das Interview führte Reinhold Böhmer