Biking
Von Dänen lernen, heißt siegen lernen

Tricksen statt verbieten – in Kopenhagen redeten die Rad-Aktivisten viel über Verkehrssicherheit. So wurde die dänische Hauptstadt über die Jahre zur Fahrradstadt. Über Umweltschutz sprach kaum einer. Die bessere Luft war ein politisches Abfallprodukt.

Radfahrer in Kopenhagen – Sicher und sauber (Foto: Wikipedia)

Bis in die Sechzigerjahre war Kopenhagen eine Fahrradstadt vergleichbar mit Amsterdam. Dann kam der große Umbau zur autogerechten Stadt. Erst ab Ende der Siebzigerjahre besannen sich – nach einer Reihe von Massendemonstrationen – die Politiker und begannen mit dem Rückbau zur Fahrradstadt.

Entscheidend für die Weichenstellung waren jedoch nicht ökologische Themen, sondern Erzählungen über Verkehrsunfälle. „Das Thema ist lokal, aktuell und konkret“, sagt Theresa Kallenbach. Die Wissenschaftlerin hat für das Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam die Berichterstattung der fünf größten dänischen Tageszeitungen in den Jahren 1977, 1980 und 1983 analysiert. Dabei hat sie vier erfolgreiche kommunikative Strategien für einen Stadtumbau zugunsten der Radfahrer ausgemacht.

Umweltschutz – immer daran denken, nie davon reden!

In Debatten über Verkehr hat der Umweltschutz es nicht leicht. Verkehrspolitischer Umweltschutz sollte sich deshalb hinter andern Forderungen verstecken – zum Beispiel zur Verkehrssicherheit.

Unfälle machen mehr Angst als Kohlendioxid!

Die Forderung nach (Verkehrs-)Sicherheit für Leib und Leben der Bürger zwingt die Stadtmütter und -väter früher oder später zum Bau von Radwegen. Gegen Unfallbilder kommt kein Politiker an.

Sprich von starken und schwachen Verkehrsteilnehmern!

Schon früh kristallisierte sich in Kopenhagen eine Opferkonkurrenz in der Verkehrsdebatte heraus. Fußgänger warfen den Radfahrern rücksichtsloses Verhalten ebenso vor, wie diese den Autofahrern. Dies lenke jedoch, so die Studienautorin, von der politischen Diskussion ab. Der moralische Vorwurf gehe davon aus, dass gutes Verhalten im Straßenverkehr reiche, um das Problem zu lösen. Die Erzählung von strukturell schwächeren Verkehrsteilnehmern zwinge die Politiker hingegen dazu, Autos, Räder und Fußgänger durch den Bau separater Wege zu trennen.

Benenne die Gegner – behandele sie aber als mögliche Verbündete!

Die Radfahrer und ihre politischen Vertreter beschrieben die Autos zwar als Gefahrenquelle. Doch blieben sie anonyme, unkalkulierbare und unbelebte Objekte, die durch bauliche Maßnahmen zu kanalisieren seien. Die Gegner waren andere: Kommunen, die keine Radwege bauen, Verkehrsgesellschaften, die die Mitnahme von Rädern verboten. Doch waren auch diese Gegner an sich nicht böse und wurden als denkbare künftige Partner nicht ausgegrenzt. Sie hatten damit die Möglichkeit, aus der Rolle der Kritisierten in die Rolle der Helfenden zu wechseln.

Die Kämpfe der Achtzigerjahre um die fahrradgerechte Stadt sind vorbei. Heute sind die Kopenhagener zufrieden.  84 Prozent bewerten die dänische Hauptstadt als gute Stadt für Radfahrende, 77 Prozent fühlen sich beim Radfahren sicher. Und 49 Prozent fahren mit dem Fahrrad zur Arbeit oder zur Schule. Insgesamt werden 28 Prozent aller Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt.

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