Afrika
Die meisten Afrikaner fühlen sich verhöhnt, wenn privilegierte Europäer über Abschied vom Wachstum philosophieren

In Afrika entscheidet sich der Kampf ums Klima. Doch Appelle zum Konsumverzicht, wie sie von manchen Umweltschützern hier zu Lande laut werden, sind keine Mittel, um die Probleme zu lösen. Gegenüber Menschen auf der Südhalbkugel wirken sie sogar unfreiwillig zynisch. Der Kontinent braucht viel mehr ein grünes nachhaltiges Investitions- und Innovationsprogramm – sowie positive Impulse aus Europa.

Martin Schoeller, 64, ist Mitgründer und Co-Chairman der Schoeller Group in Pullach bei München und war bis vor kurzem Landesvorsitzender des Verbandes Die Familienunternehmer in Bayern. Zu der Firmengruppe zählen unter anderem der niederländische Verpackungshersteller Allibert und des Logistiker trans-o-flex Express. Schoeller beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Afrika unter anderem als Initiator der Desert Food Foundation, die die wirtschaftlich nachhaltige Entwicklung von Wüstenregionen unterstützt, und als Honorarkonsul der Republik Togo

Von Martin Schoeller und Daniel Schönwitz

Wer aktuelle Debatten verfolgt, gewinnt bisweilen den Eindruck, wir könnten das Klima allein durch Verzicht retten. Weniger fliegen, weniger fahren, weniger Fleisch – und schon ist alles gut? Wer das glaubt, sollte den Blick gen Süden richten. Denn dort haben die Menschen die Nase voll von erzwungenem Verzicht.

Insbesondere in Subsahara-Afrika wollen Hunderte Millionen zur Mittelschicht aufschließen; sie hoffen auf Stromanschlüsse, Waschmaschinen, Kühlschränke. Rund zwei Drittel der Menschen dort haben keinen Anschluss an Strom, Wasser und solide Straßen. Sie fühlen sich verhöhnt, wenn privilegierte Europäer über Abschied vom Wachstum philosophieren.

Afrika ist prädestiniert für grünes Wachstum

Aber kann sich die Welt überhaupt Wohlstand für alle leisten – oder würde ein Wachstumsschub in Afrika unweigerlich in den Klimakollaps führen? Zugespitzt formuliert: Müssen wir Europäer insgeheim hoffen, dass die Armen arm bleiben?

Die Antwort lautet Nein. Denn Wachstum in Afrika muss keineswegs mit massiv steigenden Emissionen einhergehen: Solarstrom, Elektroautos und andere grünen Technologien bieten die Chance, eine CO2-freie Wirtschaft aufzubauen – und dennoch den Wohlstand zu steigern. Gerade der Sonnenkontinent Afrika ist prädestiniert für Green Growth.

Daniel Schönwitz, 43, ist Wirtschaftsjournalist, Kolumnist und Publizist in Düsseldorf. Nach dem Volkswirtschaftsstudium absolvierte er die Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten und arbeitete als Redakteur für die WirtschaftsWoche. Seit 2010 schreibt als freier Autor für Medien wie das Manager Magazin, die WirtschaftsWoche und die GermanBoardNews

Infrastruktur-Offensive für ökologisch-soziale Marktwirtschaft

Damit das gelingt, gilt es jedoch, kräftig in Erneuerbare Energien, grünen Wasserstoff und Green-Tech-Projekte zu investieren. Denn ohne das Nachrüsten der Infrastruktur ist eine ökologisch-soziale Marktwirtschaft nicht denkbar. Und machen wir uns nichts vor: Alleine ist Afrika dazu nicht in der Lage.

Wir fordern deshalb in unserem Buch „Afrika First!“, dass Europa afrikanische Regierungen entschlossen unterstützt – im Rahmen eine breit angelegten Infrastruktur-Offensive. Dazu unterbreiten wir konkrete Vorschläge für innovative europäische Finanzierungsangebote, die für afrikanische Regierungen deutlich attraktiver sind als die Offerten aus China. Der Zeitpunkt dafür ist günstiger denn je: Angesichts niedriger Zinsen und hoher Aktienbewertungen suchen Investoren in den Industrieländern verzweifelt nach Anlage-Möglichkeiten.

Koppelung der Finanzierung an Umwelt und höhere Löhne

Das bietet die große Chance, privates Kapital für den Aufbau Afrikas zu mobilisieren – wir müssten also nicht mal Entwicklungshilfebudgets erhöhen oder neue Schulden machen. Wir plädieren dafür, die Unterstützung an ökologische und soziale Standards zu koppeln, insbesondere Lohnerhöhungen.

Wir sind überzeugt: Unser Infrastruktur-Programm würde unternehmerisches Engagement befeuern, nachhaltige Wachstumsdynamik entfachen und Spielräume für höhere Löhne schaffen. Das wäre ein Gamechanger im Kampf gegen die Armut – und nach Corona besonders wichtig, auch für Europa.

Gemeinsamer Wirtschaftsraum 

Wenn Afrika arm bleibt, droht eine Massenflucht gen Norden, die die Flüchtlingskrise 2015/2016 in den Schatten stellt. Das würde gesellschaftliche Spannungen erheblich verschärfen und vermutlich Populisten an die Macht bringen.

Hinzu kommt, dass Europa direkt von einem breiten Aufschwung in Afrika profitieren dürfte – und zwar in erheblichem Maße. Gemeinsam können die beiden Kontinente einen florierenden Wirtschaftsraum aufbauen und das Modell der Sozialen Marktwirtschaft gegen die Putins, Jinpings und Trumps dieser Welt stärken.

Eine kühne Vision? Ja. Noch.    

Martin Schoeller und Daniel Schönwitz sind die Autoren des Buches „Afrika First!“. Details zu ihren Vorschlägen finden sich auf FAIReconomics.