Klimakrise
„Der Kapitalismus wird zusammenbrechen, wenn er den Preisen nicht erlaubt, die ökologische Wahrheit zu sagen“

Der langjährige Ko-Vorsitzende des Club of Rome, Ernst Ulrich von Weizsäcker, plädiert für einen neuen Mechanismus, um die Welt im Kampf gegen die Erderwärmung zu einen, kritisiert die Blockadehaltung der Entwicklungsländer und lobt die CO2-Steuer als Innovationsmotor.

Ernst Ulrich von Weizsäcker, 81, studierte Physik und Chemie, saß für die SPD von 1988 bis 2005 im Deutschen Bundestag, leitete neun Jahre das Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie und stand von 2012 bis 2018 dem Club of Rome vor. Die Denkfabrik für Zukunftsfragen, besetzt mit hochrangigen Experten aus aller Welt, veröffentlichte schon 1972 einen Aufsehen erregenden Bericht über „Die Grenzen des Wachstums.“ Weizsäcker, erhielt zahlreiche Ehrungen, darunter 2009 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland und 2011 den Adam-Smith-Preis für marktwirtschaftliche Umweltpolitik. Der fünffache Vater und Sohn des Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker schrieb mehrere viel beachtete Bücher. Zu den bekanntesten gehört „Faktor 5. Die Formel für nachhaltiges Wachstum“. Foto: Wikipedia
Herr von Weizsäcker, Corona hat die Klimakrise in den Hintergrund gedrängt. Können wir uns das leisten?

Die Klimakrise lässt sich jedenfalls nicht wegimpfen und bleibt für viele Jahrzehnte ein Megaproblem. Die Entwicklungen sind beunruhigend.

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Wie beunruhigend?

Den Prozess des Auftauens des arktischen und auch von Teilen des antarktischen Eises können wir vermutlich nicht mehr zurückdrehen. Da sind die Kipppunkte schon erreicht, vor denen die Klimaforscher warnen. Die Welt wird wohl das 2015 bei den Pariser Klimaverhandlungen vereinbarte Ziel verfehlen, die Erderwärmung auf höchstens zwei Grad Celsius zu begrenzen.

Die Klimadiplomatie hat offensichtlich versagt. Wer trägt die Schuld am Stillstand?

Dass die USA als zweitgrößter Emittent von Treibhausgasen sich vier Jahre unter Donald Trump nicht mehr um die Erderwärmung geschert haben, war natürlich eine Katastrophe. Zum Glück haben einige Bundesstaaten gut gehandelt; und Präsident Joe Biden bringt das Land wieder an Bord – das lässt hoffen. Aber auch die Entwicklungsländer verhalten sich wenig rühmlich.

Was kritisieren Sie?

Die Gruppe der 77 verlangt, dass der Norden dem Süden jährlich 100 Milliarden Dollar schenkt, damit er sich an den Klimawandel anpassen kann. Das ist insofern berechtigt, als der Großteil des Temperaturanstiegs auf das Konto der Industrienationen geht; Dürren, Stürme, Regenfluten und steigende Meeresspiegel treffen aber die Südländer besonders hart. Dennoch können sie sich nicht einfach aus der Verantwortung stehlen.

Tun sie das?

Sie drücken sich um konkrete Zusagen, was sie gegen die Erderwärmung unternehmen wollen. Wer ihnen das ankreidet, erhält sofort die empörte Antwort: Was geht euch das an! Ihr habt doch das Klima versaut.

Stimmt doch.

Schon. Aber wenn die Entwicklungsländer jetzt Hunderte neue Kohlekraftwerke bauen und damit die Reduktionsanstrengungen des Nordens überkompensieren, ist dem Klima kein bisschen geholfen.

Das Spiel ist altbekannt. Jeder zeigt mit dem Finger auf den anderen. Gibt es ein Instrument der Klimapolitik, das aus dieser Sackgasse heraus führt und von allen Parteien als fair empfunden werden könnte?

Wahr ist: Ein Stellungskrieg Europas gegen die Entwicklungsländer und unwillige Großverschmutzer wie Russland und China bringt nichts. Daher plädiere ich für den Budget-Ansatz als internationale Strategie.

Der was besagt?

Alle Länder der Welt bekommen ein pro Kopf der Bevölkerung gleich großes Anrecht auf Emissionen zugeteilt. Aber die alten Industrieländer haben dieses schon weitgehend verfrühstückt und müssten jetzt in den Entwicklungsländern zusätzliche Emissionsrechte kaufen. Dann würde es für Entwicklungsländer sofort profitabel, den Übergang zu erneuerbaren Energien und Energieeffizienz kräftig zu beschleunigen und die frei werdenden Lizenzen an den Norden zu verkaufen.

Klingt schlüssig. Warum wird es nicht praktiziert?

Länder im Süden wie im Norden, deren Sparbüchse fossile Brennstofflager sind, haben es nicht gerne, wenn diese massiv an Wert verlieren. Und die Schwerindustrie sagt, sie braucht erschwingliche Energie. Deshalb hat man ja bei der Einführung der Emissionslizenzen in der EU diese Lizenzen erstmal verschenkt.

Der Bundesverband der deutschen Industrie klagt, die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Unternehmen leide jetzt schon unter den höchsten Energiepreisen in Europa.

Immerhin akzeptiert der BDI die CO2-Steuer. Die soll ja schrittweise steigen. Ich plädiere dafür, dass sie auf sehr lange Zeit im Gleichschritt mit dem Fortschritt der Dekarbonisierung steigt. Dann weiß der Investor, wohin die Reise geht. Im Übrigen steht die Schwerindustrie heute nicht mehr im Zentrum der deutschen Wettbewerbsfähigkeit. Ferner sollten wir auf das japanische Wunder Ende der 1970er und 80er Jahre schauen. In der Ölkrise leistete sich Japan die mit Abstand höchsten Energiepreise und wurde zum Darling der Weltbörsen.

Was passierte in Japan?

Als die Förderländer den Ölhahn zudrehten, grassierte in Japan die Angst, dem Land könne die Energie ausgehen. Da gab es zwei Antworten: Erstens Atomkraftwerke – nicht meine Präferenz- und zweitens sehr hohe Energiepreise.

Und die Wirtschaft ging nicht in die Knie?

Ganz und gar nicht. Japan entwickelte damals die dritte Computergeneration und stieg bei vielen Technologien zum Weltmeister auf, so etwa in der Festkörper- und Halbleitertechnik, der just-in-time Zulieferlogistik oder auch in der Unterhaltungselektronik. Wer damals wegen der teuren Energie gegen Japan spekulierte, hätte viel Geld verloren.

Die Preise sind der Schlüssel für wirksamen Klimaschutz und Ressourceneffizienz?

In gewisser Weise schon. 1990 habe ich formuliert: Der Kommunismus ist zusammengebrochen, weil er den Preisen nicht erlaubte, die ökonomische Wahrheit zu sagen. Aber liebe Freunde der Marktwirtschaft: Der Kapitalismus wird zusammenbrechen, wenn er den Preisen nicht erlaubt, die ökologische Wahrheit zu sagen!

Das Gespräch führte Dieter Dürand
Der zweite Teil des Interviews erscheint nächsten Freitag, den 26. März.