Kernfusion
Die Illusion vom sauberen Atomstrom

Seit Jahrzehnten träumen Physiker davon, auf Erden die Sonne nachzubauen: Atomkerne, die in Fusionsreaktoren verschmelzen, sollen unbegrenzt Energie erzeugen. Ein neues Projekt startet in Australien. Doch am Ende ist Strom aus Wind und Sonne billiger – und sicherer.

Die große Verheißung So funktioniert die Kernfusion – theoretisch

Vor rund 70 Jahren mutmaßten Fusionsforscher zum ersten Mal, in spätestens 30 Jahren könne man in ihren Reaktoren echten Strom produzieren. Seither wurden immer wieder vermeintliche Durchbrüche bei der Kernfusion verkündet, die sich aber allesamt als Fehlschlag erwiesen. Jetzt glaubt das australische Startup HB11 den Stein der Weisen gefunden zu haben und kündigt einen ersten Prototypen für 2030 an.

Ein perfekter Stromerzeuger – zumindest in der Theorie

Das neue Reaktorkonzept der Ausgründung aus der Universität von New South Wales basiert im Wesentlichen auf Grundlagenarbeiten des inzwischen emeretierten deutschen Professors Heinrich Hora, der an der dortigen Hochschule lehrte. Er verschmilzt Wasserstoff mit dem Isotop Bor 11, daher der Unternehmensname. Es entstehen positiv geladene Heliumkerne, die bestrebt sind, vier fehlende Elektronen zurück zu bekommen. Gelänge es, diese in eine Umlaufbahn um die Heliumkerne zu zwingen, hätte man einen perfekten Stromerzeuger (siehe Video) – zumindest in der Theorie.

Noch haben die australischen Entwickler eine Menge technischer Probleme zu knacken, um die Kettenreaktion zuverlässig in Gang zu setzen und noch wichtiger: kontrollieren zu können. Der Direktor des Startups, Warren McKenzie, gibt sich dennoch euphorisch. „Unsere Technologie arbeitet schon eine Milliarde Mal besser als erwartet.“ Genaue Zahlen über Kosten hält er aber unter Verschluss. Dafür versichert er, dass der Reaktor in der Lage sei, 90 Prozent der Fusionsenergie in Strom umzuwandeln.

Europa und der Rest der Welt treiben mit dem Iter ein eigenes Projekt voran

Die Australier sind nicht die einzigen, die der Sonne Konkurrenz machen wollen. Ende Juli vergangenen Jahres fiel im südfranzösischen Cadarache der Startschuss für die Montage der Fusionstestreaktors Iter, den Europa, China, Indien, Japan, Südkorea, Russland und die USA gemeinsam vorantreiben. Die internationale Kooperation zeigt schon, dass kein Land sich zutraut oder gewillt ist, die enormen Entwicklungsinvestitionen allein zu stemmen. Denn ob der Reaktor jemals die Erwartungen erfülllen wird, steht in den Sternen.

Es entstehen Radioaktivität und atomwaffenfähige Spaltprodukte

Der Physiker Ernst Ulrich von Weizsäcker, langjähriger Direktor des UN-Zentrums für Wissenschaft und Technologie und Ko-Präsident des Club of Rome, hält eine sichere Energieversorgung durch Kernfusion gar für ein Illusion, technisch, ökonomisch wie ökologisch. Beim Iter beweifelt er, dass die Radioaktivität, die entsteht, wenn Deutrium und Tritium zu Helium verschmelzen, sicher gegen ein Austreten in die Umwelt abgeschirmt werden kann. Zugleich entstünden bei dem Prozess atomwaffentaugliche Spaltprodukte, kritisiert Weizsäcker.

Erntefaktor von Wind- und Solarenergie ist deutlich höher

Vor allem aber sei der Erntefaktor, sprich das Verhältnis der nutzbaren zur vorher eingesetzen Energie, „jämmerlich gering“. Jedenfalls viel kleiner als 30 – dem typischen Erntefaktor von Windstrom. Elektrizität aus Photovoltaik-Anlagen würde heute schon zeitweise für weniger als zwei Eurocent je Kilowattstunde gehandelt. Um auf solche Preise zu kommen, müsste die Iter-Technologie, irgendwann einmal kommerzialisiert, „sensationelle ökonomische Ergebnisse“ erreichen. Der Vordenker hegt daran große Zweifel. „Das kann ich mir heute nicht vorstellen.“

Ein wenig verhält es sich mit der Kernfusion wie mit der angeblich sicheren und wirtschaftlichen neuen Generation an Kleinkernkraftwerken. Unter anderen begeistern sich US-Präsident Joe Biden und Microsoft-Gründer Bill Gates dafür. Ein Gutachten des Bundesamts für Sicherheit der nuklearen Entsorgung (Base) entlarvt die Vorstellung als unhaltbar. „Sie können die Zukunftsfrage des Klimawandels nicht lösen“, urteilt Base-Chef Wolfram König.

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