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Radwege sind mehr als nur Symbolpolitik

Wenn Stadtmütter und -väter Geld für Radtrassen ausgeben, beschwichtigen sie nicht nur eine Wählerklientel. Tatsächlich gilt die gleiche Regel wie beim Auto: Mehr Wege schaffen mehr Verkehr. Der Unterschied ist, dass die Schaffung von Radwegen die Kosten im Gesundheitssystem senkt.

Fahrräder in Amsterdam Mehr Radler dank besserer Politik (Foto: Schuman/Pixabay)

Ausgangspunkt waren Erhebungen zu so genannten Corona-Radwegen. Seit dem Ausbruch der Pandemie haben viele Städte provisorische Radwege angelegt, um des wachsenden Bedarfs nach Radspuren Herr zu werden. Dazu werteten die Markt- und Klimaforscher von MCC Berlin (Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change) die Messungen von 736 amtlichen Zählstellen in 106 europäischen Städten sowie die Beobachtungen des Europäischen Radfahrverbandes aus.

Die Forscher wollten die Kausalität zwischen Ausbau von Radstrecken und höherem Radverkehrsaufkommen unabhängig von den Auswirkungen der Pandemie zu ermitteln. „Klar, dass viele Leute wegen Corona sowieso aufs Rad umsteigen, um nicht im vollen Bus zu sitzen“, sagt Sebastian Kraus, Politik-Analyst am MCC und Leitautor der Studie. „Aber wir zeigen, dass die neuen Radwege darüber hinaus in beträchtlichem Umfang zusätzlichen Radverkehr bewirkt haben.“

Die Studie vergleicht Städte, die provisorische Wege angelegt haben mit einer Vergleichsgruppe von radpolitisch inaktiven Gemeinden. Statistische Störfaktoren eliminierten die Forscher. Dazu zählen beispielsweise die Standorte der Zählstationen, das Angebot von Bus und Bahn, die Größe der Stadt oder die Popularität von „grünem“ Lebensstil. Nach dieser statistischen Bereinigung ergaben die Zählungen, dass die Pop-up-Radwege im Zeitraum von März bis Juli des vergangenen Jahres eine Zunahme des Radverkehrs zwischen elf und 48 Prozent bewirkten.

Die Ergebnisse sind noch vorläufig, weil nicht alle Corona-Faktoren herausgerechnet werden konnten. „Ob sich ein solcher Wirkungszusammenhang auch in Nicht-Pandemie-Zeiten ergibt, könnte Gegenstand weiterer Forschung sein“, meint Nicolas Koch, Co-Autor der Studie. Der Leiter des Policy Evaluation Lab am MCC warnt deshalb vor politischen Schnellschlüssen: „Es ist nicht zielführend, wenn man aufgrund fehlender Evidenz ideologische Grundsatzdebatten über Verkehrsplanung führt – besser ist eine sauber gemachte Wirksamkeitsevaluierung.“

Jede Menge Kohle gespart

Über Kosten und Erträge möglicher Fahrradpolitik haben sich die Berliner Wissenschaftler dennoch Gedanken gemacht. Eine Pop-Up-Radtrasse kostete in Berlin 9 500 Euro pro Kilometer. Im Durchschnitt legten die Städte 11,5 Kilometer an. Lokal, so eine Faustregel aus der US-Forschung, gilt, dass jeder geradelte Kilometer einen halben Dollar an Gesundheitskosten spart. In den untersuchten Städten, die Pop-up-Radwege markiert haben, würde sich nach Rechnung der MCC-Forscher der Nutzen auf mindestens eine Milliarde Dollar im Jahr addieren – sofern der Effekt nach der Covid-19-Welle anhält.

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