Finanzmarktcrash
Explosive Mischung: Warum Covid-19 und Klimakrise den nächsten Finanzmarktcrash auslösen können

Dutzende Staaten türmen riesige Schuldenberge auf, um die Pandemie zu bekämpfen und mit Umweltdesastern fertig zu werden. Ökonomen zweifeln, dass sie das Geld zurückzahlen können und sehen große Risiken für die Weltwirtschaft. Droht ein neuer Finanzmarktcrash?

Verwüstete Antilleninsel Dominica nach Durchzug des Hurrikans Maria Tausende Tote und schwere Schäden
Foto: wikipedia.org

Drei Topökonomen der britischen Universität Oxford sehen die Stabilität des globale Finanzmarktsystems in Gefahr. Der Grund: Um die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie mit Hilfsgeldern und Konjunkturprogrammen abzufedern, nahmen nach Berechnungen des Trios Länder weltweit über die Ausgabe von Staatsanleihen schon 783 Milliarden US-Dollar bei privaten Investoren auf. Meist rückzahlbar in 30 oder 50 Jahren.

Den Blindflug beenden

Soweit normales Geschäft. Die Crux jedoch dabei, warnen Arjuna Dibley , Thom Wetzer und Cameron Hepburn vom Institute for New Economic Thinking (INET): 77 Prozent der Staaten blenden dabei aus, wie stark Klimakatastrophen in diesem Zeitraum die Wirtschaft ihrer Ländern schädigen könnten. Fällt das Wachstum aber schwächer aus als erwartet, steht in Frage, ob sie die Schulden überhaupt begleichen können. In dem Fall droht ein neuer Finanzmarktcrash, mindestens jedoch sind heftige Verwerfungen zu befürchten. Eine Sorge, die auch die US-Notenbank Fed teilt.

Hepburn fordert dringend dazu auf, „den Blindflug“ zu beenden. „Die Klimarisiken müssen gründlich offengelegt werden.“

Schäden in Höhe von 220 Prozent der Wirtschaftsleistung

Wie groß diese sind, rechnen die Volkswirte am Beispiel saudi-arabischer Bonds vor, die 2060 fällig werden. Eine höhere Sterblichkeit und eine gesunkene Produktivität, ausgelöst durch ein extrem heißes Klima, könnten die Wirtschaftsleistung des Öllandes zu diesem Zeitpunkt um 60 Prozent einbrechen lassen.

Übertriebener Alarmismus? Die Forscher sehen das anders und halten ihr Szenario für eher konservativ berechnet. Um klar zu machen, wie brutal Klimaschocks eine Volkswirtschaft ins Taumeln bringen können, verweisen sie auf das Beispiel des Inselstaats Dominica in der östlichen Karibik. Dort hinterließ der Hurrikan Maria 2017 Schäden in Höhe von geschätzten 220 Prozent des Bruttoinlandprodukts.

Investitionen auf den Aufbau einer klimaresilienten Wirtschaft konzentrieren

Würden sich die Investoren erst einmal darüber klar, wie sehr der Klimawandel die Zahlungsfähigkeit vieler Staaten womöglich beeinträchtigt, zögen sie sich als Geldgeber zurück, oder verlangten drastische Risikoaufschläge. Die Gefahr, so die Ökonomen: Die Länder erhielten gerade dann kein Geld mehr, wenn sie es zur Milderung der Klimaschäden am dringensten benötigten.

Um dieser Falle zu entgehen, bringen Vertreter des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank neuerdings ins Gespräch, besonders vom Klimawandel gebeutelten, ärmeren Ländern ihre „grünen“ Schulden ganz oder teilweise zu erlassen.

Deutschland steht gut da

Die Oxford-Ökonomen kritisieren zudem, viel zu wenige Staaten würden ihre Corona-Konjunkturprogramme vornehmlich auf den Aufbau einer grünen, klimaresilienten Wirtschaft konzentrieren. Als positive Ausnahmen nennen sie unter anderen Deutschland, Finnland und Frankreich. Düster sieht es ihnen zufolge hingegen in wichtigen Industrienationen wie China, Japan, Australien und Südkorea aus (siehe Grafik).

Falsche Prioritäten Zu wenig Länder investieren in einer „grüne“ Wirtschaft

Thom Wetzer verbindet die Studie der Oxford-Gelehrten mit einem glasklaren Appell: „Sie ist ein Aufruf zum Handeln. Jedes Land muss seine Klimarisiken klar benennen und seine Covid-19-Erholungsprogramme nutzen, um sich gegen die Klimakrise zu wappnen“ Zugleich, so schließt er, sollten die besonders gefährdeten Schuldnerländer unterstützt werden.

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