Klimaschutz und Gewerkschaften
„Regionalflughäfen müssen schließen“

Beatrix Sassermann und Helmut Born von der Vereinigung „Klimagewerkschafter“ sagen, weshalb sie einen früheren Kohleausstieg wollen, warum sie für drastische Einschnitte im Flugverkehr sind – und wie feindselig sie sich von der Industriegewerkschaft Chemie Bergbau Energie behandelt fühlen.

Beatrix Sassermann, 67 (Mitte), Helmut Born, 69 (rechts), gehören der Vereinigung „Klimagewerkschafter“ an und sind Mitglieder der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. Die ehemalige Betriebsrätin arbeitete als wissenschaftliche Dokumentarin bei dem Chemiekonzern Bayer. Der frühere Betriebsratsvorsitzende der Kaufhof-Filiale Am Wehrhahn in Düsseldorf ist zudem Vertreter der Linken im Düssseldorfer Stadtrat. Die von beiden mitgegründeten „Klimagewerkschafter“ zählen nach ihren Angaben um die 100 aktive Mitglieder, darunter die meisten von Ver.di, aber auch von der Industriegewerkschaft Bau, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sowie von der IG Metall (Foto: Klimagewerkschafter / Beatrix Sassermann).
Frau Sassermann, Herr Born, es gibt den Kohleausstieg bis 2038, den Atomausstieg bis 2022. Zudem stammen bereits 50 Prozent des Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Quellen und die Elektromobilität kommt langsam in Fahrt. Wieso braucht es da noch eine Gruppe von Leuten, die in den Gewerkschaften Dampf für die Klimarettung machen?

Born: Dazu muss man an die Anfänge der Klimagewerkschafter im Jahr 2016 zurückgehen. Damals hatten die Gewerkschaften den Klimaschutz nicht im Fokus, sondern sprachen immer nur von Arbeitsplätzen, Arbeitsplätzen, Arbeitsplätzen. Und das, obwohl klar war, dass die Klimakatastrophe auf uns zu rollt und sie von Menschen verursacht wird. Trotzdem war man in den Gewerkschaften dafür, die Kohle, vor allem die besonders klimaschädliche Braunkohle, bis 2045 für die Stromproduktion zu verfeuern. Das konnten wir als Gewerkschafter nicht hinnehmen.

Was haben Sie sich von der Gründung der Klimagewerkschafter versprochen?

Sassermann: Uns störte, dass führende Vertreter der Gewerkschaften frontal gegen die Klimabewegung arbeiteten…

zum Beispiel mit Transparenten vor den Kraftwerken des Essener RWE-Konzerns mit der Aufschrift „Wenn die Braunkohle stirbt, stirbt die Region“.

Sassermann: Das war eines von vielen Beispielen. Für uns ist es und war es nicht hinnehmbar, dass sich eine Gewerkschaft für einen Konzern verwendet, hier für den Essener Stromriesen RWE, ohne Rücksicht auf die Leidtragenden der Geschäftspolitik. Mit Verlaub: Wenn die Braunkohle stirbt, dann stirbt im rheinischen Braunkohlevier deswegen überhaupt niemand. Wenn jemand wegen der Braunkohle stirbt, dann sind das die meist ärmeren Menschen in jenen Regionen der Welt, die besonders unter dem Klimawandel leiden, der durch die Verbrennung der Braunkohle mitverursacht wird.

Wogegen wenden Sie sich innerhalb der Gewerkschaften konkret?

Sassermann: Es fing damit an, dass wir nicht mitmachen wollten bei den aggressiven Kampagnen etwa der IG Bergbau Chemie Energie, kurz: IGBCE. Die richteten sich gegen die jungen Leute, die im rheinischen Braunkohlerevier mit ihren Klima-Camps gegen die Erderwärmung durch Braunkohlestrom demonstrierten. Wichtig war für uns deutlich zu machen, dass es in den Gewerkschaften auch andere Mitglieder gibt, ob in der IGBCE oder in der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, in der ebenfalls viele Kolleginnen und Kollegen aus der Energiebranche organisiert sind. Mit diesen Mitgliedern, die sich Sorgen um unseren Planeten machen, wollen wir dafür sorgen, dass diese Bedrohung der Menschheit durch den Klimawandel ein Thema für die Gewerkschaften ist.

Wie ist das mit der IG BCE, die den Klimagewerkschaftern wegen ihrer Unterstützung des Kohleausstiegs sogar Verrat an den Beschäftigten vorgeworfen hatte. Machen IG-BCE-Mitglieder überhaupt mit bei Ihnen?

Born: Leider nur, wenn sie Rentner sind. Wir hatten im vorigen Jahr eine Konferenz in Köln zusammen mit den Globalisierungskritikern von Attac. Da waren auch Leute aus dem Braunkohlerevier dabei. Und die haben gesagt, wenn sie noch im Betrieb wären, würden sie es nicht wagen, bei uns mitzumachen.

Spätestens 2038 ist der Spuk mit der Kohle in Deutschland vorbei. Gibt es angesichts dessen überhaupt noch einen Grund, innerhalb der Gewerkschaften gesondert für den Klimaschutz einzutreten?

Born: Unbedingt. Die neuesten Zahlen zeigen, wie dramatisch der Ausstoß von CO2 weiter wächst und die Temperatur in der Erdatmosphäre ansteigt. Dies muss gestoppt werden bei gleichzeitiger sozialer Abfederung der Folgen für die Beschäftigten, etwa durch Altersteilzeit oder Frühverrentung. Beides zusammen zu denken, ist unsere Forderung, für die wir kämpfen. Dabei geben wir uns nicht mit dem Ausstieg bis spätestens 2038 zufrieden. Wir fordern viel mehr ein Ende der Kohleverstromung bis 2030 einschließlich politischer Konzepte für die Schaffung umweltfreundlicher Ersatzarbeitsplätze. Damit sind wir bei Ver.di bisher leider nicht durchgedrungen…

Was für politische Konzepte sollen das sein?

Sassermann: Wir haben auf dem Bundeskongress von Ver.di 2018 erreicht, dass Ver.di den Erhalt des Hambacher Waldes und der Dörfer im rheinischen Revier fordert, die nach den gegenwärtigen genehmigten Plänen von RWE dem Braunkohleabbau zum Opfer fallen sollen. Dafür kämpfen wir weiter.

Wie halten es Klimagewerkschafter mit dem Elektroauto, das einerseits den CO2-Ausstoß reduziert, dessen Herstellung aber gleichzeitig weniger Arbeitskräfte benötigt?

Sassermann: Für uns ist die Elektromobilität nicht die einzige Alternative zum Verbrennungsmotor. Wir kritisieren, unter welchen unmenschlichen Bedingungen viele dafür erforderlichen Metalle wie Lithium oder Kobalt gewonnen worden. Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass nicht so viele Pkw gebaut werden sollten, weil dadurch Landschaft und Städte zerstört werden. Das Geld sollte besser in einen schnellen großzügigen Ausbau des öffentlichen Nah- sowie des Eisenbahnverkehrs fließen. Dadurch könnte man innerdeutsche Flüge verbieten, wie dies Frankreich gerade entlang einiger Hochgeschwindigkeitsstrecken seiner Fernzüge vormacht.

Großartig in Erscheinung getreten sind Sie mit Ihren Forderungen bisher nicht. Dürfen wir mit öffentlichkeitswirksameren Aktionen der Klimagewerkschafter in nächster Zeit rechnen?

Born: Corona macht gerade alles sehr schwierig. Trotzdem tun wir uns gerade mit Gruppen zusammen, die gegen den Betrieb von Regionalflughäfen aktiv sind. An deren Aktionen werden wir uns beteiligen. Regionalflughäfen müssen schließen, zumindest mittelfristig. Die Landesregierungen und die Landkreise subventionieren hier etwas, was wirtschaftlich völlig unnötig und klimapolitisch untragbar ist. Wir wollen dazu beitragen, dem ein Ende zu bereiten.

Das Interview führte Reinhold Böhmer