Buchbesprechung Avantgarde der Angst
Gestatten, Naturfeind

Der deutsche Medienphilosoph Norbert Bolz ergreift entschlossen Partei für den Fortschritt und kämpft gegen ein Phantom – die Angst. Ein krasserer Gegenpol zum Klima-Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist kaum vorstellbar.

Kampfschrift gegen Klimaaktivisten: Neues Buch von Bolz

Das Wichtigste vorweg: Erstens kommt das Buch, wie von einer höheren Macht gelenkt, zur rechten Zeit. Hier das Bundesverfassungsricht, das gerade die laxe Klimaschutzpolitik der Bundesregierung als verfassungswidrige Einschränkung der Freiheiten künftiger Generationen verwarf; dort ein führender konservativer deutscher Intellektueller, der das Eintreten für Umwelt- und Klimaschutz unter Hysterieverdacht stellt. Zweites ist es ein Vergnügen, dieses Buch zu lesen, selbst wenn einem die ganze Richtung nicht passt – und es ist eine Zumutung. Beides gehört zusammen. Kein deutscher Gelehrter beherrscht die Rhetorik der Überrumpelung und Verblüffung so virtuos, wie der emeritierte Professor für Medienwissenschaft an der TU Berlin. Der Leser staunt über die Formulierungsgabe, die Pointenlust und den polemischen Furor des Autors, der eine Idee nach der anderen aus dem Hut zaubert. Und er wundert sich über den Mangel an argumentativer Stringenz.

Auf schnelle Attacke

Norbert Bolz ist ein Meister der aphoristischen Zuspitzung, als Meister disziplinierten Denkens ist er noch nicht aufgefallen. Auch diesmal setzt er auf schnelle Attacke statt auf Nachdenklichkeit. Worum geht es? Um die Abgründe der deutschen Seele: um ihre Sehnsucht nach der Katastrophe, um ihre Angstlust am Untergang. Gemeint ist natürlich der Umgang mit der Klimakrise, der Erwärmung der Erde und ihrer Folgen. Die Deutschen, so die Diagnose des Autors, zeigen sich angesichts der ökologischen Herausforderungen als ein Volk von daueralarmierten Besorgten, die am liebsten die ganze Welt retten würden: Ihr Idol, ihre umschwärmte Führerin in eine bessere Welt, ist die heilige Greta.

Religiöse Überhöhung

Unterstützt werden die besorgten Deutschen von einer „medialen Angstindustrie“, die, statt zu informieren, lieber Panikpropaganda verbreitet. Die Apokalypse wird von ihr „als Ware verkauft“, als „Unique Selling Proposition“, als „hochprofitables Geschäft“. Und sie ist deshalb so attraktiv, weil sie das Erlösungsbedürfnis eines Publikums anspricht, das, nach dem Niedergang der Kirchen, metaphysisch heimatlos geworden ist. Das Sinn-Vakuum in der entzauberten Welt wird durch „grünen Pantheismus“ gefüllt; der Verlust des gnädigen Gotts wird durch den „Kult der Natur“, durch die „Liebe zum Lebendigen“ kompensiert. Hinter der Öko-Bewegung, so die nicht ganz taufrische These des Autors, verberge sich eine Öko-Religion, eine politische Theologie, die an die Stelle der Erbsünde den Naturfrevel setzt: Der Mensch als planetarischer Schädling, als Schänder von Mutter Erde, als Störfaktor der Natur.

Leerstellen in der Argumentation

Bolz nennt auch gleich im ersten Kapitel die intellektuellen Stichwortgeber, die hinter dieser Unheilserzählung stecken: den Biologen Ernst Haeckel (1834-1919), den „Erfinder“ der Ökologie, also der Lehre vom „Haushalt“ der Natur, und den Philosophen Hans Jonas (1903-1999), den Autor des „Prinzips Verantwortung“, dessen zentrale These freilich unerörtert bleibt: dass die Macht der modernen Technik eine Reichweite erlangt habe, die uns eine „nie zuvor erträumte Dimension der Verantwortung aufzwingt“; dass die Freiheit des Menschen eine fundamentale Voraussetzung hat: die Intaktheit der menschlichen und außermenschlichen Natur, weshalb unter den Bedingungen der wissenschaftlich-technischen Zivilisation nicht die Schädlichkeit, sondern die Unschädlichkeit von technischen Eingriffen in die Natur nachgewiesen werden müsse. Letzteres bezeichnet Bolz zurecht als Beweislastumkehr: Techniken müssen nach den Regeln des „Precautionary Principle“ beherrschbar, Risiken kalkulierbar bleiben.

Unbeantwortete Frage

Gewiss, das schränkt die Freiheit technischen Handelns ein: Der voranschreitende Fortschrittsfreund wird immer wieder gebremst. Aber ist damit, wie Bolz meint, jedes riskante Verhalten ausgeschlossen? Zur Erinnerung: Menschliches Handeln ist immer riskant, auch das Unterlassen von Handlungen. Die Frage ist nur: Welche Risiken wollen wir eingehen? Bolz beantwortet sie nicht, dann müsste er sich nämlich mit realen Risiken beschäftigen. Stattdessen spricht er von einem „latenten Bürgerkrieg zwischen Machern und Mahnern“, wobei er keinen Zweifel lässt, auf wessen Seite er steht, auf der Seite der Macher gegen die „Avantgarde der Angst“ – und dabei vergisst, dass auch die Mahner die Macher sein können, etwa wenn sie gegen die Kernkraft opponieren.

Herabwürdigung der Mahner

Bolz‘ Alternative „Macher vs. Mahner“ verstellt den Blick auf das eigentümliche Doppelgesicht der Moderne, wie es der Soziologe Gerhard Schulze beschrieben hat: Sie bricht immer wieder auf zu neuen Ufern und mobilisiert zugleich Gegenbewegungen in Gestalt der Bedenkenträger, die vor den Kosten des Fortschritts warnen; beide, der Pionier und der Besorgte, prägen spätestens seit dem 19. Jahrhundert das Bild der Moderne. Bei Bolz indes kommen die Mahner entweder als „Unheilspropheten“ vor, die im Sinne einer sich selbst zerstörenden Prophezeiung vor Katastrophen warnen, die nicht eintreffen, oder sie erscheinen als Opfer der Technikangst, die er als eine deutsche Domäne ansieht, obwohl er etliche amerikanische Autoren anführt.

Nun gibt es tatsächlich im konservativen deutschen Bildungsbürgertum eine „antitechnische“ Tradition, die von der Romantik über die Jugendbewegung zu Martin Heidegger und den Grünen der ersten Stunde reicht. Doch schon in den 1990erjahren fiel auf, dass nirgendwo so viele Laptops zu sehen waren wie auf den Parteitagen der Grünen. Weder machen ihre Anhänger in den urbanen, besserverdienenden Milieus den Eindruck, dass Angst ihr Lebensgefühl grundiere, noch üben sie sich in Konsumaskese, trotz der Predigten vom „großen Weniger“. Im Gegenteil, Bolz sagt es selbst: „Öko“ ist für die Bewohner der reichen Industrieländer ein Statussymbol geworden, das den „feinen Unterschied“ macht – wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu im doppelten Sinn das Vermögen der Eliten nannte, sich von der Menge durch Zeichen und Zaster abzuheben.

Bolz liegt zuweilen einfach falsch

Sehen so Konsumenten aus, die aus lauter Angst vor der „drohenden Zukunft“ die Gegenwart „nicht mehr genießen“? Natürlich sollen solche Formulierungen provozieren. Intelligente Übertreibungen sind immer erlaubt. Doch anders als Karl Kraus, der für sich in Anspruch nahm, über das Ziel hinaus zu schießen, aber nie daneben, liegt Norbert Bolz zuweilen einfach falsch. Etwa wenn er erkenntniskritisch sagt, Wissenschaft formuliere „kein Wissen über die Zukunft“, sondern „Meinungen“.

Mahnende Wissenschaftler hatten durchaus recht

Richtig ist, dass, nach Karl Popper, Wissenschaft immer Vermutungswissen produziert und damit vorläufig ist. Skepsis gehört zu ihren Grundtugenden. Das schließt indes nicht aus, dass Wissenschaftler ziemlich zuverlässige Prognosen abgeben können. So haben sich zum Beispiel die Bevölkerungsvorausschätzungen der Demographen, die in den 1970erjahren für Deutschland voraussagten, dass wir es in Zukunft dauerhaft mit mehr Sterbefällen als Geburten zu tun haben werden und deshalb, trotz Zuwanderung, mit einer Schrumpfung und Alterung der Bevölkerung rechnen müssen, als richtig herausgestellt. Und die Ingenieure, die voraussagen, dass wir uns, in Deutschland und weltweit, bei unverändertem Baustoffverbrauch ein Sandversorgungsproblem einhandeln, werden – wenn nicht ein Wunder geschieht – auch recht behalten.

Nicht viel mehr als knackige erste Sätze

Aber derlei Einwände werden den Autor kaum beeindrucken. Er ist Philosoph, kein empirischer Wissenschaftler. Deshalb kann er auch mit der ihm eigenen Entschlossenheit behaupten: Die „Selbstbehauptung des Menschen gegen die Natur als dem absoluten Feind prägt das Wesen der Technik.“ Worauf man ihm mit dem Philosophen Robert Spaemann antworten möchte: „Herrschaft über die Natur wird illusorisch, wenn sie als Kampf gegen die Natur verstanden wird. Diesen Kampf kann der Mensch nur verlieren.“ So fragt sich der Leser nach sechzehn kurzweiligen Kapiteln, die manchmal nicht viel länger als ein Leitartikel sind, was bleibt: vor allem die Erinnerung an einen Autor, der knackige erste Sätze formuliert: „Das Risiko ist die Gegenwart der Zukunft.“ „Wir leben im Goldenen Zeitalter und merken es nicht.“ „Wer die Welt retten will, ist krank.“ „Ethik ist meistens nur das, was Banausen glauben von Philosophen erwarten zu dürfen.“

Lieber nur noch ganz kurze Stücke

Vielleicht sollte er in Zukunft nur noch ganz kurze Prosastücke schreiben, wie sein Vorbild, der Autor der „Fröhlichen Wissenschaft“: Nietzsche ist, neben Niklas Luhmann, sein wichtigster Gewährsmann. Womöglich aber für einen anderen Verlag. Matthes & Seitz, seine neue Adresse, ist nicht einmal in der Lage, das Zitat auf der Rückseite des Einbands korrekt wiederzugeben.

Norbert Bolz: Avantgarde der Angst, Matthes & Seitz, 14 Euro

Von Christopher Schwarz