Postwachstumsökonomie
„Wenn die materiellen Ansprüche nicht reduziert werden, kann die menschliche Zivilisation nicht überleben“

Der Wachstumskritiker Niko Paech propagiert ein Wirtschaftsmodell, dass durch radikalen Verzicht im globalen Maßstab ein gutes Leben für alle ermöglichen soll, ohne die Ökosphäre zu ruinieren. Er kritisiert die Energiewende als zu kurz gesprungen, attackiert Technikgläubigkeit und will die bezahlte Arbeitszeit auf 20 Stunden begrenzen.

Niko Paech, 60, lehrt und forscht an der Universität Siegen über Plurale Ökonomik. Bekannt geworden ist der studierte Volkswirt mit seinem Konzept einer Postwachstumsökonomie; mit seinem Buch über die „Befreiung vom Überfluss“ stieg er zur Ikone der deutschen Nachhaltigkeitsbewegung auf. Der gebürtige Niedersachse aus Schüttorf ist auch ein Mann der Tat. Als Agenda-21-Beauftragter der Stadt Oldenburg trieb er Repaircafes voran, coachte Prozesse der Subsistenzwirtschaft. Und er handelt persönlich konsequent: Er fliegt nicht, isst kein Fleisch, besitzt weder ein Handy noch ein Fernsehgerät und Auto, ja nicht einmal einen Föhn. Schwer fällt ihm der Lebensstil „des ökologischen Anstands“ laut eigenem Bekunden nicht: „Es bleibt immer noch so viel übrig, was man an Spaß und Erlebnissen für sich in Anspruch nehmen kann.“
Herr Paech, Wirtschaftswachstum schafft seit Jahrzehnten verlässlich Arbeitsplätze, Wohlstand und soziale Sicherheit. Sie fordern: Schluss mit Wachstum! Warum wollen Sie den Menschen ihr gutes Leben rauben?

Ich stelle in Abrede, dass Wachstum per se Arbeit schafft. Es bringt vor allem jobsparende technologische Innovationen hervor, beispielsweise die Digitalisierung. Der Produktivitätszuwachs erspart Arbeit, so dass im Saldo ein sogenanntes „Jobless Growth“ auftreten kann: Das Bruttosozialprodukt steigt, aber der Arbeitsmarkt stagniert.

ANZEIGE
Ohne Wachstum gingen aber erst recht Jobs verloren, die soziale Sicherheit bliebe auf der Strecke.

Der Spatz in der Hand oder die Taube auf dem Dach wäre die adäquate Frage. Wachsender Wohlstand resultiert aus globalisierter, zunehmend komplexerer Arbeitsteilung und immenser Technisierung. Das damit aufgetürmte System ist unkontrollierbar und ähnelt einem Kartenhaus. Tauchen Störereignisse auf oder greifen Krisen Platz, stürzt es schnell ein. Das zeigt nicht nur die Corona-Pandemie. Außerdem werden Menschen durch diese Wirtschaftsform immer hilfloser. Sie verlernen, sich selbst zu versorgen. Krisenstabilität und damit soziale Sicherheit sind durch eine geringere Industrialisierung und Globalisierung zu haben. 

Wollen Sie liebgewonnene Gewissheiten der Nationalökonomie auf den Kopf stellen?

Als Vertreter der Pluralen Ökonomik ist es mir wichtig, ökonomische Lebenslügen aufzudecken, um dieser Gesellschaft nicht auch noch ein wissenschaftliches Alibi für eine öko-suizidale Daseinsform zu liefern. Wenn die materiellen Ansprüche nicht reduziert werden, kann die menschliche Zivilisation nicht überleben.

Wie wäre es mit dem Versuch, Wachstum von ökologischen Schäden frei zu halten?

Diese Entkopplungsstrategie ist nicht einmal theoretisch plausibel darstellbar, weil sie Naturgesetze ignoriert. Ganz zu schweigen davon, dass sie in der Praxis krachend gescheitert ist, siehe die deutsche Energiewende. Diese hat keine nennenswerte Reduktion der Klimagase gebracht, legitimiert und forciert aber die Zerstörung der letzten Naturgüter, verlagert das Problem also nur, statt es zu lösen. Sie gleicht einem letzten Amoklauf, um einen Wohlstand zu retten, der nicht zu retten ist..

Sie denken an Windräder inmitten von Wäldern?

Klar, aber auch an Maisfelder für Biogasanlagen, an verspiegelte Täler durch Photovoltaik-Anlagen und an ein Tesla-Werk, das gerade mitten in die Grünheide bei Berlin zum Wohle der Elektromobilität gehackt wird. Und ich denke an die Abraumhalden für Kupfer, Lithium, Neodym und andere Ressourcen, auf denen das angeblich grüne Wachstum beruht.

Sie sprachen die Pandemie an. Hätte der Staat in Wachstumsphasen nicht ein finanzielles Notfallpolster erwirtschaftet, wäre er jetzt nicht in der Lage, die Krise ökonomisch und sozial abzufedern.

Das erinnert an eine Heroin-Notration für den Fall, dass der Dealer Urlaub hat. Nötig wäre eine Entzugskur, um unabhängig und dauerhaft stabil zu werden. Dasselbe Wachstum, das angeblich ein Notfallpolster erzeugt, führt überhaupt erst zu Krisen, die dann zu polstern sind. Im Übrigen ist die Rede von einer erwirtschafteten Rücklage reine Politikerromantik: Faktisch erleben wir eine historisch einmalige Verschuldung, die uns dazu zwingt, jetzt noch mehr zu wachsen, um die Schulden abzutragen, oder sie auf zukünftige Generationen abzuladen.

Sie wollen unsere Wirtschaft in die Entzugsklinik einweisen?

Sie können momentan in Echtzeit erleben, dass die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung nach dem Motto erfolgt: „Gelddrucken bis das Papier ausgeht“. Diese ökonomischen Schulden werden schließlich in ökologische Schulden verwandelt, weil die Politik zu feige ist, sie unter anderem über eine Vermögenssteuer zu tilgen. Also bleibt nur Wachstum bis zur nächsten Krise.

Die Politik drückt sich vor der Wahrheit?

Sie wagt es jedenfalls nicht, den Bürger:innen zu sagen, dass wir unseren Wohlstand nach unten anpassen müssen – selbstverständlich sozialverträglich. Es wird schnell behauptet, dies sei Verzicht. Wie aber kann jemand auf etwas verzichten, was ihm Kraft plünderungsfreier Arbeit ohnehin nie zugestanden haben kann? 

Soll heißen?

Wir würden durch eine Reduktionsstrategie in Richtung Postwachstumsökonomie nur eine Beute zurückgeben, die wir uns durch technisch verstärkten Raubbau angeeignet haben.

Ginge es dem Planeten nicht gleich viel besser, wenn die Energie aus sauberen Quellen stammt und wir Rohstoffe wiederverwenden, statt sie zu vergeuden?

Aber klar. Nur: Auch die dafür nötigen Technologien sind nie und nimmer zum ökologischen Nulltarif zu haben. Also lösen sie das Wachstumsproblem nicht, sondern verschieben es zumeist in eine andere Dimension. Erneuerbare Energieträger entlasten die Ökosphäre nur, wenn die Energieverbräuche radikal gesenkt werden, so dass der Restverbrauch mit wenig Anlagen ohne Naturzerstörung befriedigt werden kann.

Sie meinen, der Bau von Passivhäusern und Windrädern hilft uns nicht weiter?

Erneuerbare Energien sind alternativlos. Doch wenn wir sie in einer ökologisch verträglichen Dosis nutzen, lässt sich darauf keine Konsum-, erst recht keine Wachstumsgesellschaft gründen.

Ganz offenbar misstrauen Sie jeder Technikgläubigkeit?

Sicher bin ich ein Fortschrittskritiker. Aber deshalb bin ich nicht per se gegen Technologien, sondern zeige deren Grenzen auf und decke die Widersprüche einer fortschrittsbesoffenen Gesellschaft auf.

Wo liegt das Gleichgewicht, was wir der Erde entnehmen können, ohne sie zu verfrühstücken?

Die von mir vorgeschlagene Postwachstumsökonomie greift die Ursprungsidee einer nachhaltigen Entwicklung auf: globale Gerechtigkeit innerhalb unverhandelbarer ökologischer Grenzen. Verteilungsgerechtigkeit kann nur auf interpersoneller Basis beschrieben werden.

Heißt praktisch?

Jedem Menschen kann nur zustehen, was multipliziert mit 7,7 Milliarden nicht zur ökologischen Schädigung der Lebensgrundlagen führt.

Wieviel steht jedem Erdenbürger nach dieser Formel zu?

Bezogen auf den Klimaschutz hätte jeder Mensch eine Tonne an CO2-Äquivalenten pro Jahr. Darauf hat Achmed im Iran den gleichen Anspruch wie Gudrun in Berlin. Wie die beiden ihr Dasein in diesem gerechtigkeitsfähigen Rahmen gestalten, bleibt ihnen überlassen – alles andere wäre mit Freiheit und Liberalismus nicht zu vereinbaren.

Und was ist mit der Ressourcennutzung?

Phosphor, Wasser, seltene Erden, strategische Metalle, Flächenverbräuche, Abfälle und vieles mehr müsste ebenfalls mit einer Obergrenze versehen werden, die im Gegensatz zur Besonderheit der Treibhausgase nicht immer auf individueller Ebene zu konkretisieren wäre.

Das ist Mengensteuerung. Liberale Ökonomen vertrauen lieber auf Preissignale, um ein umweltverträgliches Verhalten zu fördern. Selbst der langjährige Vorsitzende des Club of Rome, Ernst Ulrich von Weizsäcker, fordert, die Preise die ökologische Wahrheit sagen zu lassen.

Politische Mehrheiten für hinreichend hohe Preise sind utopisch. Und selbst wenn sie durchsetzbar wären, würde dies die Gesellschaft entzweien, in jene, die sich ihren Wohlstand dann immer noch leisten könnten, und jene, die nicht mehr über die Runden kommen. Die Einführung einer CO2-Steuer könnte sogar kontraproduktiv sein.

Wie das?

Nehmen wir an, es würde als politischer Kompromiss ein Steuersatz von 50 Euro pro Tonne durchgesetzt. Dann ist das reine Symbolik, weil ein wirksamer Steuersatz mehr als 200 Euro pro Tonne CO2 erfordern würde. Was würde passieren?

Verraten Sie es uns.

Nun ist jeder von eigener ökologischer Verantwortung befreit, weil ja mit den ökologisch wahren Preisen alles geklärt ist. Er kann noch öfter auf Malle fliegen, zahlt eben nur etwas mehr und hat neuerdings sogar ein reines Gewissen.

Wie sieht ihr Gegenentwurf aus?

Anstelle eines Preisregimes wäre eine Politik vonnöten, die zu ökologisch verantwortbaren Lebensstilen und Versorgungsformen befähigt.

Was müssen wir uns darunter vorstellen?

Zunächst sind Bildung und Erziehung gefragt, um Menschen mit den Kompetenzen auszustatten, die ein genügsames, sesshaftes und teilweise auf Selbstversorgung beruhendes Dasein ermöglichen. Weiterhin sollten sich alle am Wandel beteiligten Institutionen an individuellen Öko-Bilanzen und nicht an symbolischen Einzelhandlungen und Lösungen orientieren. Interessant sind Projekte, die vieles bündeln, was einem postwachstumstauglichen Leben zuträglich ist. So könnte in jeder Stadt und jedem Landkreis in einer brachgefallenen Immobilie ein Ressourcenzentrum eingerichtet werden. Darin werden Dinge verliehen, geteilt, repariert und teilweise selbst hergestellt. Handwerker bieten profitable Dienstleistungen an, die solidarische Landwirtschaft und Foodsharing haben hier ein Zuhause. In Workshops werden Fähigkeiten der Selbstversorgung vermittelt. 

Das alles klingt ein wenig nach Volkshochschule.

Es ginge um einen außerschulischen Lernort, der zugleich Versorgungs- und Vernetzungszentrum wäre. Aber hier werden Praktiken ausgeführt und nicht nur Vorträge angehört. Auch dort gehen Menschen freiwillig hin, um ihren Horizont zu erweitern. In den Zentren lernen sie in Gruppen spielerisch den Wert einer wachstumsunabhängigen Lebensführung kennen und üben sie ein. Sie holen sich Erfolgserlebnisse, erwerben die notwendigen Kompetenzen und erfahren Selbstwirksamkeit. Und es kostet viel weniger als alles, was wir momentan machen.

Es ist schwierig sich vorzustellen, für diese Art der Lebensführung eine Mehrheit zu begeistern. Brauchen Sie die aber nicht für Veränderungen – zumindest in einer Demokratie?

Gerade in einer Demokratie ist Wandel, der auf reduktiver Anpassung beruht, erst mehrheitsfähig, wenn er zuvor in Nischen erprobt wurde.

Eine Avantgarde geht voran?

Exakt, nur Pioniere, Blaupausen und Reallabore, die das Neue vorwegnehmen und als gelebte Praxis sichtbar machen, können den nötigen Wandel stimulieren.

Ein solcher Kultur- und Bewusstseinswandel bräuchte viel Zeit – die wir aber nicht haben.

Es ist genau umgekehrt: Die Reduktion und Rückbesinnung auf einfachere und lokale Lösungen ist das Voraussetzungsloseste, insbesondere Schnellste, das sich vorstellen lässt. Wissen Sie, wieviel Zeit und Geld es demgegenüber kostet, eine Sieben-Megawatt-Windkraftanlage zu projektieren?

Sie sagen: Keep it simple?

Genau. Es ist eine Eigenschaft einer überakademisierten Gesellschaft, nur hoch komplizierte Lösungen zu akzeptieren, sonst sind die Menschen unterfordert und viele Zuständigkeiten und Geschäftsfelder werden überflüssig.

Welche Rolle spielt in Ihrem Menschen- und Gesellschaftsbild die Vernunft? Nur wer die Fakten ignoriert, kann behaupten, wir könnten weiter wirtschaften wie gewohnt.

Erstens, es existieren verschiedene Formen von Vernunft, und zwar je nach Fortschrittsgläubigkeit. Wer technologische Lösungen für möglich hält, ist streng genommen nicht unvernünftig. Und er leugnet auch nicht die Krise, wenn er grünes Wachstum fordert, folglich auch keine Lebensstilveränderungen für nötig hält. Zweitens heißt Vernunft noch längst nicht, über die Fähigkeit zu verfügen, die logischen Konsequenzen daraus zu ziehen.

An welcher Stelle hakt es?

Der aktuelle Wohlstand hat viele Menschen dergestalt deformiert, dass sie ähnlich einem Abhängigen schlicht nicht in der Lage sind, anders zu leben. Wir sind dabei, in einen Modus der Krisenvernunft hineinzugleiten. Das heißt, wir reagieren auf schicksalhafte Störereignisse, die nicht mit sich reden lassen und uns reduktive Anpassungen abverlangen. Siehe Lehman und Covid 19.

Sind umwelt- und kapitalismuskritische Bewegungen wie Fridays for Future, Extinction Rebellion und Attac, in der sich besonders viele Jüngere engagieren, natürliche Verbündete für ihr Zukunftsmodell?

Nur bedingt. Inhaltlich fordern sie im Wesentlichen ja nur, was Angela Merkel in Sonntagsreden schon seit mehr als zehn Jahren von sich gibt, beklagen nur lautstark das Umsetzungsdefizit. Es besteht eine vage Hoffnung, dass speziell die Fridays-for-Future-Bewegung endlich zu einem Protest-Modus findet, der anstelle bequemer und abstrakter Forderungen zu stellen, die Gesellschaft mit einer glaubwürdig vorgelebten Verweigerung klimaschädlicher Handlungen konfrontiert.

Sie fordern mehr Selbstverantwortung ein?

Je freier Menschen sind, desto weniger Ausreden existieren dafür, sich der Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns zu entziehen. Das gilt umso mehr als keine Technologie existiert, an die sich die überlebensnotwendigen Reduktionsleistungen abführen lassen. Wer politische Forderungen an die Politik richtet, statt in Vorleistung zu gehen, verrät, dass er sich selbst und die Zivilgesellschaft für unfähig hält, aus Einsicht in die Notwendigkeit zu handeln. Aber dann frage ich mich, wie sich auf Basis eines solchen Menschenbildes überhaupt eine Demokratie gründen lässt.

Welches Vorgehen, welche Haltung empfehlen Sie den Klimarebellen?

Wandel, der nicht technischer Art ist, kann sich nur entfalten, wenn er in gesellschaftlichen Nischen erprobt wird, sich dort bewährt, so dass er andere zur Nachahmung inspiriert. Je öfter dies erfolgt, desto präsenter wird die Neuerung, so dass auch zurückhaltende Nachahmer auf den Plan treten. Das bewirkt dreierlei: Wachstumskritische Gegenkulturen konfrontieren lebensfeindliche Handlungen, für die sie zweitens maximalen sozialen Rechtfertigungsdruck aufbauen und befördern drittens – anstelle symbolischer Ersatzhandlungen und reiner Forderungsrhetorik – glaubwürdige Nachhaltigkeitskommunikation, weil die ökologischen Maßstäbe von den Akteuren auf sich selbst angewandt werden.

Ein guter Klimaschützer ist demnach nur, wer handelt und sein tägliches Tun an den ökologischen Notwendigkeiten ausrichtet. Fordern Sie dem Einzelnen zu viel ab?

Nein. Und zwar schon deshalb nicht, weil ich diese Vorgehensweise zunächst auf funktionale Eliten projiziere, die dazu fähig und willens sind. Dies lässt es für andere leichter werden zu folgen. Ein Problem sehe ich eher in einem Supermarkt der Ausreden, der von den Wissenschaften bedient wird.

Beispiele bitte!

Dominante Teile der Geisteswissenschaften erklären den Menschen für ohnmächtig, weil er dem Kapitalismus ausgeliefert ist. Die Soziologen sehen den Menschen Systemlogiken ausgeliefert, gegen die er angeblich nichts ausrichten kann. Die Ökonomen entschuldigen jedes ruinöse Verhalten mit falsch gesetzten Anreizsystemen. Die Bildungswissenschaftler erklären, dass es an Bildung für Nachhaltigkeit mangelt. Die Naturwissenschaftler behaupten, es müsse erst noch mehr geforscht werden, um die richtigen technischen Lösungen zu entwickeln. Und dann kommen noch die Künstler und Literaturwissenschaftler und erklären, es läge an den fehlenden Narrativen oder positiven Bildern. Mit diesem Potpourri an Ausreden lässt sich jede schädliche Handlungsweise selbst von denen rechtfertigen, die genau wissen, was sie tun.

Dies alles ist ein Diskurs unter Wohlgenährten. Was aber ist mit den Millionen Habenichtsen auf dieser Welt? Denen Verzicht zu predigen, wäre zynisch.

Nein, umgekehrt. Der von mir zu Beginn unseres Gesprächs skizzierte gerechtigkeitsfähige Handlungsrahmen von circa einer Tonne CO2 pro Kopf und Jahr bedeutet doch gerade, dass die derzeit noch circa 700 bis 800 Millionen in Armut lebenden Menschen sogar einen Zuwachs an materiellem Konsum verzeichnen können.

Jetzt reden Sie die Not klein. Es geht um eine menschenwürdige Existenz.

Genau, aber die setzt voraus, dass der Reichtum abgebaut wird, um ökologische Freiräume für die ökonomische Entwicklung der Ärmsten zu ermöglichen, Es gibt in Afrika Regionen mit Wachstumsbedarf. Aber wir sollten nicht übersehen, dass unsere Konsumkultur kein Maßstab für das Wohlergehen anderer Kulturen sein kann, für die Subsistenz eine andere Bedeutung hat. Gleichwohl stehen eine akzeptable Gesundheitsversorgung, gesunde Ernährung, ein Mindestmaß an Elektrifizierung, auch Rechtssicherheit und eine stabile Infrastruktur nicht zur Disposition.

Hat nicht der ganze Kontinent einen riesigen Nachholbedarf?

In immer mehr afrikanischen Ländern grassiert eine Entwicklung, die von allen Ökonomen als Wirtschaftswunder bezeichnet wird. Das passt zwar nicht in manches linke postkoloniale Denkmuster, ist aber Realität.

An welche Länder denken Sie?

Nigeria, Südafrika, Ägypten, Algerien, Marokko, Angola, Äthiopien, Kenia, Ghana, Tansania, Botswana, Senegal, um einige zu nennen.

Gemessen am Wohlstand der Industrienationen sind sie doch immer noch arme Schlucker?

Die Orientierung an einer relativen Armut lehne ich ab; sie definiert ständig bislang akzeptierte Daseinsformen in Armut um, ohne dass irgendwer – absolut betrachtet – ärmer geworden ist, sondern sogar stetige Zuwächse verzeichnet haben kann.

Die Welt vereint in Armut?

Wenn Sie das Minimum an Selbstbegrenzung, um ökologisch überleben zu können, als Armut bezeichnen, ist das Ihr Problem.

Es entsteht doch eine gefährliche Geldblase, wenn die reichen Nationen bei gleichem Einkommen ihren Konsum so stark einschränken, wie Sie es für ökologisch geboten halten?

Niemand behauptet, dass eine Transformation zur Postwachstumsökonomie einfach oder risikolos wäre. Aber erstens treffen Finanzkrisen am ehesten jene, die geld- und konsumabhängig sind. Deshalb empfehle ich die Stärkung eines ergänzenden Subsistenzsektors, der ohne Geld funktionieren kann. Um den zu unterfüttern, brauchen Menschen genug Zeit. Aber die hätten sie, wenn pro Woche durchschnittlich nur 20 Stunden gearbeitet würde. Dies wiederum wäre ohnehin die Konsequenz, wenn wir bei verringerter Industrieproduktion Vollbeschäftigung erreichen wollen. Außerdem: Durch eine Vermögens- und Tobin-Steuer könnten wir Finanzblasen sehr wohl entschärfen.

Wie sähe Subsistenz für einen Deutschen konkret aus?

Subsistenz ist nur eine Ergänzung, die zusätzlich zum Einkommen einer 20-Stunden-Beschäftigung ausgeführt wird. Wichtig ist, neue Nachbarschaften und Netzwerke aufzubauen, in denen arbeitsteilig repariert, getauscht, produziert, angebaut wird und in denen Güter vor allem gemeinsam genutzt werden. Diese Form des Wirtschaftens macht niemanden arm, aber viele reicher an Selbstwirksamkeit, Erfolgserlebnissen und sozialer Anerkennung.

Und mit 20 Stunden bezahlter Arbeit kommen alle über die Runden?

Wie viel Geld spart jemand, der die Nutzungsdauer seiner Textilien, Möbel, Fahrräder, elektrischen Geräte et cetera verdoppelt oder verdreifacht? Und wie viel lässt sich sparen, wenn sich jeweils fünf Leute ein Auto, einen Rasenmäher, Werkzeuge, Staubsauger teilen? Und was lässt sich zusätzlich sparen, wenn Nahrungsmittel selbst angebaut oder auf Basis der solidarischen Landwirtschaft beschafft werden? Und was lässt sich sparen, wenn man sein Leben von allem dekadenten Luxus befreit, der sowieso nur unser Leben verstopft?

Sie definieren Wohlstand mit dieser Formel ganz neu?

So ist es. Selbstwirksamkeit, soziale Einbettung durch gemeinsames Agieren vor Ort und Genügsamkeit sind wichtiger als Geld, um ein zufriedenes Dasein zu meistern. Und sie verschaffen zudem mehr Krisensicherheit. Außerdem bedeutet die Gewissheit, ein verantwortbares Leben zu führen, sich nicht ständig selbst belügen zu müssen.

Das Gespräch führte Dieter Dürand