Unternehmensfinanzierung
„Die Welt wird einfach ehrlicher“

Der Chef des Münchner Beteiligungsunternehmens CM-Equity, Michael Kott, über die Finanzierung nachhaltiger Firmen, das Heuschrecken-Image seiner Zunft – und wieso die Digitaltechnik Blockchain für mehr Gerechtigkeit sorgt.

Michael Kott, 55, ist ein waschechter Investmentbanker. Er baute in den 1980er Jahren die Baader Bank in Unterschleißheim bei München mit auf, die sich im Aktienhandel und im Handel mit Finanzierungsinstrumenten einen Namen erwarb. Danach machte er sich in der Private-Equity-Branche selbstständig, die vom Einstieg in Unternehmen und dem Weiterverkauf der Firmenanteile lebt. Während der Zunft der Ruf anhaftet, Unternehmen wie Heuschrecken abzugrasen, steigt Kott in junge nachhaltige Firmen ein, um deren erfolgreiches Wachstum zu finanzieren.

Herr Kott, sind Sie eine grüne Heuschrecke?

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Ich fühle mich weder als Heuschrecke noch als totaler Grüner. Ich bin ein ganz pragmatischer Mensch, der Grünes und Bio schätzt und der im Investmentbereich auf Nachhaltigkeit setzt.

Sind Sie nicht aber doch einer derjenigen, die der ehemalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering 2005 als Heuschrecken bezeichnete, weil sie sich an Unternehmen beteiligen, diese finanziell ausbluten und dann mit Gewinn weiterverkaufen?

Genau das ist eben nicht unser Geschäftsmodell. Wir investieren zwar auch in Unternehmen, indem wir uns an ihnen beteiligen. Von Ausbluten kann jedoch nicht im Entferntesten die Rede sein, im Gegenteil. Wir erwerben Anteile und stellen Unternehmen auf diese Weise Geld zur Verfügung, damit sie wachsen und ihr Geschäft zum Erfolg führen. Auf diese Weise hoffen wir, unsere Anteile dann einmal für mehr Geld verkaufen zu können, als wir dafür ausgegeben haben. Das machen wir übrigens nicht, weil jetzt gerade umweltgerechte und soziale Unternehmensführung, kurz: ESG, in Mode kommt, von der viele gar nicht so recht wissen, was das überhaupt bedeutete.

Trotzdem ist das doch genau das, was man Private Equity nennt, als der private Erwerb von Firmenanteilen zwecks späterem Wiederverkauf zu einem höheren Preis.

Ja, aber es kommt darauf an, was man in der Zeit macht, in der man die Firmenanteile besitzt. Da gab es in den vergangenen Jahren durchaus eine Heuschreckenplage, wie Ex-SPD-Chef Müntefering das nannte. Wir sehen darin eine große Chance, uns davon abzuheben und aussichtsreiche nachhaltige Firmen durch den Erwerb von Anteilen zu fördern und an deren Erfolg teilzuhaben.

Was konkret machen Sie anders?

Wir sind nicht projekt-, sondern von Menschen getrieben…

… das ist uns, mit Verlaub, zu süßlich.

Ich meine damit, wir bauen vor allem auf die Menschen, in deren Firmen wir einsteigen. Sind sie beseelt von ihrer Firma, sind sie seriös und vertrauenswürdig. Das spüren wir zum Beispiel, wenn die Gründer all ihre Aktivitäten dokumentieren und transparent machen, wie wir das etwa bei dem kanadischen Start-up Li-Cycle erlebt haben, an dem wir uns 2017 beteiligten. Das Unternehmen hat sich dem Recycling von Lithium-Batterien verschrieben. Wir beteiligen uns an solchen Firmen nicht, um versteckte Vermögen oder Produktivitätsreserven zu heben, sondern um sie zu entwickeln. Dazu steigen wir möglichst früh ein. Insofern würde ich unseren Ansatz auch Corporate Building nennen, also Aufbau von Unternehmen. Das geht nur mit Menschen, mir denen man gemeinsam ein Business aufbauen kann. Dafür steuern wir mit unserer Expertise die Bausteine Finanzierung, Internationalisierung und Zugang zu Märkten bei.

Wie lang halten Sie die Firmenanteile zu diesem Zweck?

Wir wollen mit Firmen in der Regel mindestens drei bis fünf Jahre zusammenarbeiten. Da kann man eine tolle Wertschöpfung für alle Beteiligten schaffen:  für die Kunden, die Mitarbeiter der Firma, für die Investoren, die die Firma finanzieren.

Wie müssen wir uns das in der Praxis vorstellen.

Wir haben uns zum Beispiel an der Münchner Firma Ewia beteiligt, die sich der Finanzierung von Solaranlagen in Afrika verschrieben hat. Greenspotting hat darüber berichtet. Wir unterstützen Ewia bei der weiteren Unternehmensfinanzierung und werden weitere Anteile erwerben. Wir glauben, dass Afrika ein Megatrend ist.  Im Zentrum stehen dabei die regenerativen Energien, vor allem Solaranlagen. Das wird in den nächsten zwei, drei Jahrzehnten ein bestimmendes Thema und somit eine große Chance für Investoren.

Reicht es, einem Unternehmen, hier aus der Green Economy, einfach Geld durch den Erwerb von Firmenanteilen zu verschaffen, damit es fliegt?

Nein, nur sehr selten. Den Batterie-Recycler Li-Cycle in der kanadischen Hauptstadt Toronto haben wir zum Beispiel unterstützt, Partner im Ausland zu finden, wodurch Geschäftsbeziehungen entstanden sind. Inzwischen hat Li-Cycle ein internationales Netzwerk mit dem Who is Who der Batterie- und der Autohersteller. Das Unternehmen entwickelt sich mit der Anlage in Rochester im US-Bundesstaat New York zum größten Batterie-Recycler in Nordamerika und  geht in diesem Quartal mit Hilfe eines bereits börsennotierten Firmenmantels in den USA an die Börse.

Was lehrt dieser  Fall einem Unternehmen, das auf Nachhaltigkeit setzt?

Li-Cycle ist eine Vorlage für solche Unternehmen. Erstens folgt Li-Cycle einem weltweiten Megatrend, der sich aus künftigen Gesetzen sowie den Forderungen von Kunden und Investoren nach Nachhaltigkeit ergibt, hier nach recyclingfähigen Produkten. Zweitens ist das Geschäftsmodell sonnenklar. Das Unternehmen  übernimmt verbrauchte Batterien, schreddert diese und separiert mit Hilfe chemischer Laugen die Metalle. Auf diese Weise werden die Rohstoffe in den Batterien zu deutlich über 90 Prozent zurückgewonnen. Und drittens überzeugt Li-Cycle durch seine Menschen.

An wie vielen Unternehmen sind Sie aktuell beteiligt?

An rund zehn. Die Palette spannt sich von einer Firma in Indonesien, die an einer elektronischen Geldbörse im Personalausweis arbeitet, über ein Unternehmen, das digitale Daten von Sensoren  sichtbar macht für unzählige innovative Anwendungen und Industrien bis hin zum Solaranlagen-Finanzierer Ewia eben.

Weshalb, glauben Sie, brauchen Unternehmen, die auf Nachhaltigkeit setzen, Sie und leihen sich nicht einfach Geld von der Bank.

Als früherer Börsenmakler für internationale Aktien bin ich viel in der Welt herumgekommen und habe die Erfahrung gemacht, dass es tolle Menschen mit tollen Ideen gibt, die jedoch keinen Leumund haben und deswegen nicht einmal ein Bankkonto bekommen. Es ärgert mich, dass solche Menschen dadurch vielfach keinen Zugang zu Finanzierungen haben. Das ist beispielsweise in Indonesien so. Deshalb unterstützen wir dort ein Familienunternehmen in Indonesien, damit viele Menschen über einen biometrische verifizierten digitalen Geldbeutel auf dem Personalausweis erstmalig bankfähig werden.

Wie können sich Anleger an Ihren Aktivitäten beteiligen?

Für das indonesische Projekt haben wir einen Spezial-Alternativ-Investmentfonds nach Kapitalanlage-Gesetzbuch aufgelegt. Hier können professionelle oder semi-professionelle Anleger ab 200 000 Euro investieren.

Sie werben auch damit, auf die Blockchain-Technologie zu setzen, bei der Akteure  – grob gesprochen – Datensätze einfach und sicher untereinander weiterreichen können, ohne über andere Anbieter gehen zu müssen. Inwiefern trägt dies zu einer nachhaltigeren und gerechteren Welt bei?

Mit Blockchain kann man etwa in der Industrie Lieferketten nachvollziehen, zum Beispiel ob Kobalt sauber und fair gefördert wurde. Man kann Zwischenhändler ausschalten, was fairere Preise für die Produzenten in den jeweiligen Ländern ermöglicht. Wir haben begonnen, dies in den Firmen, die mit Rohstoffen zu tun haben, umzusetzen. Die Welt wird einfach ehrlicher mit Blockchain und bietet jedem Zugang zum jeweiligen Geschäftsfeld. Das ist eine Demokratisierung aller Vermögensklassen und ermöglicht gerade auch Gründern grüner und nachhaltiger Unternehmen, Finanzierungen nicht nur über die Banken und Börsen abzuwickeln, sondern alles über einen Klick über das Handy.

Das Interview führte Reinhold Böhmer