Bundestagswahl
Wuppertal-Institut: So ist das Klima noch zu retten

Die Forscher verlangen von der neuen Bundesregierung nach der Wahl im September entschiedene Maßnahmen in sieben Bereichen: Verkehr, Ressourcen, Energie, Städte, Ernährung, Konsum und Industrie – und schlagen ein 100-Tage-Sofort-Programm vor.

Fahrradfahrer auf Radschnellweg
Radschnellspuren Attraktive Alternative zum Auto Foto: FabricioMacedoPhotos on Pixabay

Nach der Urteilsklatsche der Verfassungsrichter in Karlsruhe Ende April, die Klimawende nicht auf den Sankt Nimmerleinstag zu verschieben, überbieten sich die Parteien mit neuen Zielen. Und auch die Bundesregierung schärfte ihr Klimagesetz schleunigst nach.

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Geht alles nicht weit genug, urteilen die Experten des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. In Person des wissenschaftlichen Geschäftsführers Manfred Fischedick fordern sie die künftige Regierungsmehrheit auf, umgehend ein ambitioniertes 100-Tage-Sofort-Programm aufzulegen. „Die nächste Legislaturperiode ist die entscheidende Zeit, um die 2020er Jahre zu einer Dekade der Umsetzung zu machen und den Klimaschutzpfad unumkehrbar zu betreten“, betont er.

Fischedick rät: Klotzen statt kleckern und weg mit dem Klein-Klein. Dazu müssten in sieben Sektoren entschiedene Maßnahmen eingeleitet werden. Die Kernempfehlungen der Wuppertaler lauten:

Energie

Verdoppelung der Ausbaugeschwindigkeit der Erneuerbaren wie Wind- und Sonnenstrom, rasche Entwicklung einer Wasserstoff-Infrastruktur und ein deutliches Vorziehen des Kohleausstiegs. Zugleich sollen Stromspeicher und eine intelligente Nachfragesteuerung sicher stellen, dass immer genügend Elektrizität im Netz ist. Zudem dürften die Behörden nur noch klimaneutrale Neubauten genehmigen.

Ressourcen

Die Industrie soll neue Produkte von vornherein so gestalten, dass sie wiederverwertet werden können und möglichst wenig Neumaterialien benötigen. Ziel ist ein sparsamer Materialkreislauf, der den heutigen Ressourcenhunger zügelt und die Naturzerstörung stoppt. Wichtig dafür sei auch ein effizientes, rechnergestütztes Management der Abfallströme.

Ernährung

Zügige Umstellung auf eine ökologische Landwirtschaft und eine fleischärmere Ernährung mit deutlich reduzierter Tierhaltung, mahnen die Forscher an. Kitas, Mensen, Betriebskantinen, Krankenhäuser und Pflegeheime sollten dabei unterstützt werden, öfter vegetarische Kost anzubieten und auf Fleisch-Ersatzprodukte zurück zu greifen. Zudem bringen die Wuppertaler einen niedrigeren Steuersatz auf pflanzliche Produkte ins Spiel.

Städte

Oberste Priorität hat dort das Angebot eines gut getakteten, flächendeckenden Bus- und Bahnnetzes sowie eines engmaschigen, komfortablen und sicheren Verbunds an Fuß- und Fahrradwegen. Begrünte Fassaden und Dächer verbessern das Stadtklima. Die Experten räumen der Modernisierung und Umwidmung bestehender Gebäude, etwa von Büros zu Wohnungen, Vorrang ein vor Neubauten. Mit der Neunutzung, auch von Gewerbeflächen, wollen sie die Flächenversiegelung zurück drängen und Grünflächen bewahren.

Verkehr

Hier setzen die Forscher neben einem für alle bezahlbaren öffentlichen Nahverkehr darauf, Wohnen, Arbeiten und Freizeit räumlich eng zusammen zu bringen, um Fahrtwege zu vermeiden. Sie sprechen sich für eine deutliche Anhebung der Lkw-Maut und die Abschaffung des Dienstwagenprivilegs aus, schlagen vor, Lastwagen auf Autobahnen elektrisch fahren zu lassen und fordern den zügigen Ausbau der Elektromobilität. Rasch steigende CO2-Preise auf Diesel und Benzin sollen fossile Kraftstoffe baldigst aus dem Markt drängen.

Industrie

Der Staat soll die Erforschung und Entwicklung klimaneutraler Produktionsverfahren finanziell fördern, insbesondere für die Stahl-, Zement- und Chemische Industrie. Damit Ökostrom und Wasserstoff konkurrenzfähig bei den industriellen Zentren ankommen, müsse die Politik den Ausbau von Fernleitungstrassen und Pipelines sowie den Aufbau von internationalen Märkten für grünen Wasserstoff unterstützen. Bonus-Systeme, Quoten und strenge Standards für die Weiterverarbeitung, zum Beispiel in der Autoindustrie, könnten grünen Grundstoffen einen Marktvorteil verschaffen, schreiben die Autoren.

Konsum

Über unabhängige öffentliche Informationssysteme, schlägt das Institut vor, sollen Verbraucher mit wenigen Klicks ermitteln können, welchen ökologischen Fußabdruck ihre Kaufentscheidung hinterlässt. Verpflichtende digitale Produktpässe schaffen ebenfalls Transparenz. Für sehr wichtig halten die Experten zudem den staatlichen geförderten Aufbau von Reallaboren und Experimentierräumen, in denen die Konsumenten genügsame Lebensstile kennerlernen und erproben können.

Institutschef Fischedick spricht von „Zukunftsimpulsen“ und bezeichnet die sieben Handlungsfelder „Transformationsarenen des Wandels“. Inkrementelle Verbesserungen reichten nicht mehr aus, ist für den Wissenschaftler klar. Seine Botschaft an die neue Bundesregierung: „Um einen maßgeblichen Beitrag für die Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf 1,5 Grad Celsius zu leisten, muss Deutschland mehr tun als bisher im Klimaschutzgesetz festgelegt.“

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Von Dieter Dürand