Solarindustrie II
Europa und Deutschland wagen – noch zaghaft – den Neustart für eine eigene Photovoltaik-Produktion

Weltweit installieren Länder in rasendem Tempo Solarstromanlagen, um ihre Klimaziele zu erreichen. Ein Riesengeschäft für Chinas Zellproduzenten, die bei dieser Kerntechnologie ein Quasi-Monopol halten. Können Europa und Deutschland wieder Anschluss finden?

Test mit einem Autobahn-Solardach Nur eine von vielen Ideen Foto: Austrian Institute of Technology

Ohne sie geht nichts. Es sind die Solarzellen, die das Licht der Sonne in verwertbare Energie für unsere Stromversorgung umwandeln. Die erste leistungsfähige Generation bauten zu Beginn des Jahrtausends damals noch deutsche Hersteller wie Q Cells aus Bitterfeld, der heute dem südkoreanischen Unternehmen Hanwha gehört.

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Selbst Vietnam hängt Europa ab

Lange vorbei. In wenigen Jahren drängten vor allem chinesische Produzenten, teils mit Kampfpreisen, die Konkurrenz aus dem Markt. Heute beherrschen sie mit einem Anteil von 94 Prozent das weltweite Geschäft; Europa und die USA kommen zusammen nicht einmal auf ein Prozent (siehe Grafik). Weniger als das kleine Vietnam produziert (1,1 Prozent).

Sturz in die Bedeutungslosigkeit Europa hat bei der Produktion von Solarzellen nichts mehr zu melden Quelle: ISE

Der langjährige Chef des Fraunhofer Instituts für solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg, Eicke Weber, warnt vor einer strategisch bedenklichen Abhängigkeit des Westens in einer Schlüsseltechnologie der künftigen grünen Energieversorgung von China. Im Greenspotting-Interview fordert er, Europa müsse sich dringend wieder „auf eigene Beine stellen“. Und stellt dafür in seiner neuen Rolle als Ko-Präsident des Beratungsgremiums der europäischen Solarhersteller, dem European Solar Manufacturing Council (ESMC), einen dezidierten Fahrplan vor.

Erste Pflänzchen sprießen wieder. Sie lassen hoffen, dass aus dem Comeback etwas werden könnte.

Comeback für Bitterfeld

Am Standort von Q Cells in Bitterfeld startete der Schweizer Technologiekonzern Meyer Burger vor kurzem die Produktion einer neuen Generation hocheffizienter Solarzellen mit sogenannter Heterojunction-Technologie. Sie bringt auf gleicher Fläche höhere Erträge. Zugleich eröffneten die Eidgenossen eine neue Modulfabrik, die sie zügig auf eine Produktionskapazität von einem Gigawatt ausbauen wollen.

Noch ambitionierter sind die Pläne einer spanischen Investorengruppe um das Startup Greenland Giga Factory. Es will in spätestens zwei Jahren in der Freihandelszone des Hafens von Sevilla die Produktion von Solarzellen und einbaufertigen Modulen aufnehmen. Fünf Gigawatt sind das Ziel. Mit an Bord: der Stuttgarter Steuerungstechnik- und Antriebsspezialist Bosch Rexroth.

Hoffnungsträger Perowskit-Paneele

Und dann ist da noch das polnische Unternehmen Saule Technologies. Es nahm jetzt eine erste Produktionslinie in Betrieb, auf der es flexible Solarzellen auf Basis der Minerals Perowskit fertigt. Mit einem Perowskit beschichtete Photovoltaik-Paneele vereinen mehrere Vorteile: Sie sind leicht, biegsam und können fast auf jede Oberfläche aufgetragen werden – sogar in Gebäuden produzieren sie Strom. Die Herstellung ist vergleichsweise billig, die Schichten lassen sich mit einer Art Tintenstrahldrucker auftragen.

Der nach wie vor bestehende technologische Vorsprung ist das dickste Pfund, das Europa und Deutschland beim Neustart in die Waagschale werfen können. Erst jüngst setzten Helmholtz- und Fraunhofer-Forscher neue Rekordmarken und schoben den Wirkungsgrad von Solarzellen Richtung 26 Prozent. Heutige Typen schaffen bestenfalls 23 Prozent.

Mehr: pv-magazin france 24

Von Dieter Dürand