Solarindustrie I
„Bei einer Schlüsseltechnologie der künftigen Energieproduktion sollte Europa auf eigenen Beinen stehen“

Der Ko-Präsident des European Solar Manufacturing Councils (ESMC), Eicke Weber, fordert die rasche Wiederbelebung einer europäischen Zellproduktion, um sich aus der Abhängigkeit von China zu befreien. 50 Milliarden Euro Umsatz und 180 000 Arbeitsplätze im Blick.

Eicke Weber, 70. führte zehn Jahre das weltweit renommierte Fraunhofer-Institut für solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg. Zeitweise saß er im Aussichtsrat des einst größten Solarzellenherstellers der Welt, Q Cells, und kennt die Branche seither im Inneren aus dem Effeff. Der gebürtige Franke und promovierte Physiker lehrte an der Universität von Kalifornien in Berkeley und an der Uni Freiburg. 2016 kandidierte er für die FDP bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg.
Foto: wikipedia.org

Herr Weber, kurz nach der Jahrtausendwende fertigte kein Unternehmen mehr Solarzellen als Q Cells im sachsen-anhaltinischen Thalheim. Heute tendiert die Zellproduktion in Deutschland gegen Null. Wie kam es zu diesem Absturz beim Strom erzeugenden Herzstück jeder Photovoltaikanlage?

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Der Kardinalfehler war, dass die Bundesregierung der damals mit Stromgewinnungskosten von 50 Eurocent je Kilowattstunde noch völlig unrentablen Photovoltaik zwar mit einer garantierten Einspeisevergütung zum Markteintritt verholfen hat. Sie war aber nie gewillt, mit einer gezielten Industrie- und Förderpolitik eine schlagkräftige, weltweit agierende Solarbranche aufzubauen. Industriepolitik ist für hiesige Marktideologen ja ein „dirty word“ – ein schmutziges Wort. Man könnte auch sagen: ein Tabu.

In diese Leerstelle sind die Chinesen gesprungen?

Genau. Sie beschlossen, die Photovoltaik zu einer strategischen Schlüsselindustrie für die künftige Energieversorgung aufzubauen und stellten dafür umgerechnet circa 50 Milliarden US-Dollar an Kreditgarantien bereit. So abgesichert schossen in China Solarfabriken im Dutzend wie Pilze aus dem Boden. Seither beherrscht das Land den Weltmarkt.

Zur Wahrheit gehört doch auch, dass die exponentiell steigenden Solarkosten nach dem Erneuerbaren Energien Gesetz vor allem die Tarife für den Haushaltsstrom enorm verteuerten. Zugleich gefährdeten die Preissprünge die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Musste die Politik also gegensteuern?

Dass Haushaltsstrom so schnell teurer wurde, lag an der Entscheidung der schwarzgelben Bundesregierung im Jahr 2009, stromintensive Industrien von der EEG-Umlage zu befreien – auch solche, die nicht international konkurrierten. Die privaten Verbraucher mussten die Ausfälle kompensieren. Das war politisch gewollt.

Die Photovoltaik (PV) sollte in Misskredit gebracht werden?

Das war unübersehbar. Genau in dem Moment, zu dem Solarenergie anfing, wettbewerbsfähig zu Kohlestrom zu werden, wurde in einer konzertierten Aktion massiv gegen die Energiewende polemisiert. Etwa mit Kampagnen der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Die fossilen Energieerzeuger fürchteten um ihre Pfründe und fanden in der schwarzgelben Bundesregierung einen willfährigen Vollstrecker. Sie beendete zum Beispiel abrupt die Förderung von Freiflächenanlagen. Plötzlich kippte auch die Stimmung in der Bevölkerung. Wir können uns die Energiewende nicht leisten, hieß es nun.

Schnee von gestern könnte man sagen. Die Chinesen beliefern die Welt zuverlässig mit preiswerten und auch guten Solarzellen. Sie aber setzen sich vehement für die Wiederbelebung einer starken europäischen und deutschen Zellfertigung ein. Ist der Zug nicht längst abgefahren?

Vorweg: Inzwischen kostet die Erzeugung einer Kilowattstunde Strom in sonnenreichen Gegenden kaum mehr als einen Eurocent; bei uns reden wir von rund vier Cent. Das heißt: Photovoltaik ist heute die billigste Art, Strom zu produzieren.

Das wäre sie auch mit zugekauften Solarzellen.

Gegenfrage: Warum wollen wir in Deutschland mit aller Macht eine Batteriezellenproduktion aufbauen, bei der wir technologisch weit entfernt sind führend zu sein – im Gegensatz zur Photovoltaik. Die Batteriezellen könnten wir auch aus China billig in Wahnsinnsmengen beziehen.

Warum also?

Weil die hiesigen Autobauer bei einer solchen Schlüsselkomponente der Elektromobilität nicht abhängig sein wollen von dortigen Lieferungen – und die Politik unterstützt sie dabei. Auch bei der Schlüsseltechnologie für die künftige weltweite Energieerzeugung sollten wir Unabhängigkeit schätzen. Gerade nach den Erfahrungen aus der Corona-Pandemie. Sie hat uns vor Augen geführt, welchen wirtschaftlichen Schaden brechende Lieferketten anrichten und was es bedeutet, dass wir in Europa zentrale Wertschöpfung verloren haben, beispielsweise bei Mikrochips und vielen Arzneien. Bei den Solarzellen, von denen nicht einmal ein halbes Prozent der globalen Herstellung hier produziert wird, sollten wir uns auf eigene Beine stellen.

Was außer der Unabhängigkeit spricht noch für ein Comeback der europäischen Solarindustrie?

Seit 1992 wächst der Welt-PV-Markt jährlich im Durchschnitt um unglaubliche 38 Prozent – und befindet sich dennoch erst in einem embryonalen Zustand. Global war vergangenes Jahr eine Leistung von 700 Gigawatt (GW) installiert. Den Klimaprognosen zufolge brauchen wir aber 2040 eine PV-Kapazität von mindestens 30 000 oder sogar 60 000 Gigawatt, um die Erderwärmung erträglich zu halten. Darin steckt ein gigantisches Geschäftsvolumen. Warum sollten wir das den Chinesen überlassen?

Weil sie längst über das überlegene Produktions-Know-how verfügen?

Wir sollten nicht vergessen, dass deutsche Maschinenbauer viele der Anlagenkomponenten liefern. Das Wissen liegt also auch hier. Unabhängig davon steht jetzt ein Wechsel auf eine Zellentechnologie an, die höhere Stromerträge bringt und bei der wir in Europa einen Entwicklungsvorsprung haben. Die neuen Zelltypen wandeln mehr als 24 Prozent des Lichts in elektrische Energie um – mindestens! Die aktuelle Generation schafft bestenfalls diese 24 Prozent.

Die Chinesen könnten ihre Fabriken rasch nachrüsten.

Irrtum! Für den Bau der Heterojunction-Solarzellen braucht es ganz neues Equipment, mithin neue Fabriken. Der Technologiewechsel und der absehbare gigantische Bedarf sind die einmalige Chance für Deutschland und Europa, wieder ins Geschäft einzusteigen.

China hält mit einem Weltmarktanteil von 94 Prozent ein Quasi-Monopol bei den Solarzellen. Wie sieht der Revival-Plan des Verbands der europäischen Solarhersteller ESMC aus, dem sie vorsitzen, dieses zu brechen?

Wir schlagen vor, 20 Milliarden Euro aus dem europäischen 750-Milliarden-Euro-Wiederaufbaupaket für die Wirtschaft nach Corona in den Aufbau einer PV-Industrie zu investieren – von den Wafern über die Leistungselektronik und die Zellen bis zum fertigen Modul. Das Geld müsste nach chinesischem Vorbild nicht einmal ausgezahlt werden, sondern stünde in Form von Kreditgarantien bereit. Käme dann noch eine Abnahmegarantie dazu, resultierten daraus nach unseren Berechnungen bis 2026 Umsätze von 50 Milliarden Euro und es entstünden fast 180 000 Arbeitsplätze.

Wieviel PV-Produktion wollen Sie unter dem Strich zurück nach Europa holen?

Wir streben an, dass drei Viertel der hier installierten Solarleistung aus deutschen, spanischen, polnischen und französischen Werken stammen und zwei Drittel unserer Produktion exportiert wird.

Technologiewechsel, gigantische Nachfrage, klimapolitischer Druck – unter solchen idealen Rahmenbedingungen sollten sich doch genügend Investoren in Europa finden, auch ohne dass ihnen die Politik zur Seite springt?

China verfügt bereits über eine Produktionskapazität von 200 GW, wir fangen bei null an. Ein klares Startsignal der Politik ist da wichtig. Sie macht die Milliarden ja ohnehin locker, auch im Rahmen des Green New Deals. Die Frage ist: In welchen Industrien stiftet das Geld den meisten Nutzen, um Europa zukunftsfest zu machen.

Was konkret ist damit gemeint?

Ich denke etwa an die dringend notwendige Dekarbonisierung der besonders viel klimaschädliches CO2 ausstoßenden Stahl- und Zementindustrie. Dafür brauchen wir enorme Mengen Wasserstoffs aus sauberen Energiequellen, ebenso als Energiespeicher für die Rückverstromung, wenn Wind und Sonne sich rar machen.

Ist das wirklich zu Ende gedacht? Wenn jetzt in dem von Ihnen beschriebenen Ausmaß weltweit massiv Solarzellfabriken entstehen, ist der globale Bedarf sagen wir in spätestens 15 Jahren gedeckt. Bei einer mindestens 20-jährigen Haltbarkeit der Module ist der Ersatzbedarf überschaubar. Stehen dann nicht überall Investitionsruinen in der Landschaft?

Das Zeitfenster ist knapp, das stimmt. Wir müssen in den nächsten zwei bis drei Jahren die notwendigen Entscheidungen treffen. Nach einem Modell aus Finnland, das ich favorisiere, wäre es sinnvoll, dass bis 2025 weltweit 100 Zellfabriken mit einer Kapazität von jeweils 60 GW aufgebaut werden. Mit ihnen erreichten wir nach zehn Jahren die 60 000 Gigawatt, die weltweit installiert sein müssen, um das letzte Kohlekraftwerk abzuschalten, ohne unsere Energieversorgung zu gefährden, und den Klimawandel auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Die Fabriken hätten sich nach spätestens fünf Jahren amortisiert und könnten dann zurückgebaut oder umgewidmet werden.

60 000 Gigawatt! Für Deutschland hieße das, jeden Bergrücken mit Windrädern zu bestücken und die Täler mit Solarpaneelen zuzupflastern. Klima gerettet – Natur zerstört?

Wir müssen uns klar machen: Auf dem Spiel steht mehr als der Erhalt der Natur und der Artenvielfalt. Es geht um unser Überleben. Wollen wir riskieren, Stürme zu erleben, die mit 250 bis 300 Kilometer pro Stunde übers Land fegen und alles mit sich reißen? Wohl nicht. Noch immer ist zu wenigen Menschen bewusst, dass wir  am Rand des Abgrunds stehen.

Die jungen Aktivisten der Fridays-for-Future-Bewegung warnen genau vor diesem Szenario. Ihr Parteikollege, FDP-Chef Christian Lindner, empfiehlt denen, Klimaschutz den Profis zu überlassen. Ein guter Rat?

Das war eine der dümmsten Bemerkungen, aber ich bin sicher, dass er sie schon tausend Mal bereut hat. Ich verstehe, dass die Aktivisten auch in 60 Jahren noch auf diesem wunderschönen blauen Planeten leben können wollen. Deswegen verstehe ich, dass sie Woche für Woche auf die Straße gehen und protestieren. Und die Proteste werden nicht abflachen, sondern immer lauter und drängender werden.

Noch eine persönliche Frage. Was hält Sie in einer FDP, die Industriepolitik strikt ablehnt und lieber dem Markt vertraut?

Ich gehöre zu einer kleinen Kerntruppe von Ökoliberalen, die keinen Gegensatz zwischen Ökonomie und Ökologie sehen und die Bewahrung der Umwelt im Einklang mit den Freiburger Thesen von 1971 für ein fundamentales Menschenrecht halten. Wäre die FDP bei dieser Erkenntnis von Flach, Scheel und Genscher geblieben, hätte es die Grünen wohl gar nicht erst gegeben. Echter Liberalismus muss doch diese Welt auch für künftige Generationen erhalten. Insofern betätige ich mich in der FDP gern als Untergrund-Wühlmaus – besonders in diesem Jahr, in dem wir 50 Jahre  Freiburger Thesen feiern werden!

Das Gepräch führte Dieter Dürand