Sri Lanka
Die Havarie der X-Press Pearl war eine Katastrophe mit Ankündigung

Das Land wird zehn bis fünfzehn Jahre brauchen, um sich von dem schwersten Umweltdesaster in seiner Geschichte zu erholen. Die mangelnde Regulierung der internationalen Schifffahrt begünstigt Unfälle dieser Art. Woche für Woche gibt es größere Lecks von Chemie-Containern und Beinahe-Unfälle auf See, die nicht ans Tageslicht kommen.

X-Press Pearl „Freiheit der Meere“ und ungezügeltes Profitstreben sind Angriff auf Natur und Menschheit (Amit Bhardwaj/YouTube)

Diese Aussage machte der CEO der Reederei des Schiffes, X-Press Feeders, in einem Interview mit dem Nachrichtenkanal CNA. „Es gibt viele Zwischenfälle wie diese auf See“, sagt Shmuel Yoskovitz, „mahnchmal helfen die Häfen und manchmal nicht.“ Das Salpetersäure-Leck war bereits am 11. Mai im Hafen von Hamad in Katar gemeldet worden, aber die Hafenbehörden hatten das Schiff wieder auf See geschickt. Angeblich mangelte es an fachkundigem Personal, um die giftige Ladung zu entsorgen. Ähnlich war die Reaktion wenige Tage später im indischen Hafen von Hazira. Das Schiff hatte dann Kurs zum Zielhafen Singapur aufgenommen. Vor der Küste von Sri Lanka war das entzündliche Material in Brand geraten.

ANZEIGE

Yoskowitz hatte betont, dass die Reedereien sich zwar stärker als früher der Gefahren bewusst wären. In den vergangenen Jahren hätte es aber unzählige Brände gegeben. „Ganz zu schweigen von den Lecks, die wahrscheinlich wöchentlich vorkommen, von denen wir nichts hören, weil, Gott sei Dank, keine Katastrophe passiert ist.“ Ein Grund für die häufigen Unfälle und Beinah-Zwischenfälle sei die Tatsache, dass die Container verschlossen und versiegelt seien. „Wir sind abhängig von der (wahrheitsgemäßen) Deklarierung.“

Das Schiff war hatte erst vor drei Monaten seine Jungfernreise angetreten und ist technisch auf der Höhe der Zeit. Es war mit 1486 Containern beladen. 400 Container davon waren Schmiermittel. 81 Containern enthielten 25 Tonnen Salpetersäure. Dazu kamen noch 278 Tonnen Schweröl und 50 Tonnen mit speziellem Kraftstoff sowie 28 Container Plastikgranulat. Inzwischen ist der Brand nach dreizehn Tagen gelöscht. Das Heck des Schiffs ist bis auf den Meeresgrund in 21 Meter Tiefe gesunken. Andere Teile des Schiffes befinden sich aber noch immer oberhalb der Wasserlinie.

Strengere Regulierung notwendig

Die Mannschaft von 25 Personen befindet sich in sri-lankischem Gewahrsam und wird zurzeit verhört. Für Sri Lanka, bislang bekannt als Natur- und Tourismusparadies, ist die Havarie ein ökologisches und wirtschaftliches Desaster. Die Küstenfischerei ist weitgehend gesperrt. Große Teile der ob ihrer Schönheit gerühmten Strände sind mit Plastik verseucht. Naturschützer befürchten langjährige Folgen für die nahe des Unglücksortes liegende Region Negombo. Das dortige Biosystem beherbergt 29 Sorten von Mangroven und über 140 registrierte Fischarten.

Der Unfall und die Erklärungen von Reederei-Chef Yoskovitz werfen ein grelles Schlaglicht auf die Seeschifffahrt und die damit verbundenen Gefahren. Bereits im vergangenen Jahr hatte der Präsident der US-Aufsichtsbehörde National Cargo Bureau, Ian Lennard, Alarm geschlagen: „Der Zusammenhang zwischen nicht und falsch deklarierten sowie schlecht verstauten Gefahrengütern und die zunehmenden Fälle von Bränden auf Containerschiffen ist nur schwer zu ignorieren.“

Von den 32 000 Gefahrengut-Inspektionen der Behörde im Jahr 2019 war etwa jede vierzehnte fehlerhaft wegen mangelnder Sicherung und Verpackung oder Fehldeklaration. Die Administration beobachtet eine Potenzierung der Gefahr durch die zunehmend größeren Container-Schiffe. Ein von Lennard lanciertes Papier forderte im vergangenen Sommer – ungeachtet des zu erwartenden politischen Gegenwindes während der Trump-Administration – dringende Reformen und strengere Regulierung.

Mehr: CNA