Agrarreform
Zukunftskommission drängt auf massiven Umbau des Agrar- und Ernährungssektors

Artgerechte Tierhaltung, weniger Pestizide, weniger Fleisch, mehr Ökolandbau – mit solchen Maßnahmen soll die Landwirtschaft klima- und naturgerecht reformiert werden. Es ist eine Kampfansage an Billigwahn und Verschwendung auf Kosten der Umwelt.

Landwirt düngt sein Feld
Immer feste druff Es soll Schluss sein mit der Überdüngung von Feldern Foto: Ehrecke on Pixabay

So viel Einigkeit ist selten. Wann kommt es schon einmal vor, dass sich Bauernverbände, Natur-, Tier- und Verbraucherschützer, Handel, Wissenschaft und Agrarchemie zu einem gemeinsamen Papier für ein tief greifende Agrarwende durchringen. Ob der Burgfrieden hält, wenn die neue Bundesregierung die Empfehlungen der Zukunftskommission Landwirtschaft in konkrete Gesetze und Vorgaben umsetzt und sich zeigt, welche Lasten die einzelnen Akteure zu tragen haben, wird sich zeigen.

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Die Transformation verursacht Kosten von bis zu acht Milliarden Euro jährlich

Klar ist, dass der Land- und Forstwirtschaft bei der Klimarettung eine Schlüsselrolle zufällt. Sie gestalte mehr als 80 Prozent der Oberfläche Deutschlands und übe damit entscheidenden Einfluss auf Umwelt und Natur aus, auf Böden, Tiere, Gewässer und biologische Vielfalt, heißt es im Abschlussbericht der Kommission. „Er ist ein richtig guter Fahrplan, die Landwirtschaft nachhaltig und zukunftsfähig aufzustellen„, lobt der Präsident des Naturschutzbunds Deutschland (NABU) Jörg-Andreas Krüger. Und schlägt vor, konkrete Leistungen der Bauern für den Klima- und Naturschutz künftig aus Steuermitteln zu entlohnen.

Krügers Vorstoß zeigt: Die radikale Transformation der Agrarbranche wird nicht zum Nulltarif zu haben sein. Steigende Preise für Nahrungsmittel sind die eine Seite der Medaille, massive Investitionen in die Umgestaltung die andere. Die Kommission schätzt sie auf jährlich fünf bis acht Milliarden Euro.

Das Fachmagazin „agrarheute“ schlüsselt sie auf:

  • Stilllegung von Ackerflächen

Um konform mit der EU-Biodiversitätsstrategie zu sein, müsste Deutschland acht bis neun Prozent seiner Landwirtschaftflächen aus der Produktion nehmen und darauf Hecken, Blumenwiesen und Bäume wachsen lassen. Mehrkosten laut Kommission: bis zu einer Milliarde Euro pro Jahr.

  • Umsetzung der EU-Naturschutzrichtlinien

Das Ausweisen und die Betreuung von Gebieten, die ihrer natürlichen Entwicklung überlassen bleiben, ob Wälder oder Graslandschaften, schlägt ebenfalls mit einer Milliarde Euro zu Buche.

  • Renaturierung von Mooren

Die Wiedervernässung trocken gelegter Moorlandschaften trägt ein Preisetikett von bis zu 1,35 Milliarden Euro. Bundesweit geht es um eine Fläche von fast einer Million Hektar. Das entspricht in etwa der vierfachen Größe des Saarlandes.

  • Förderung des Ökolandbaus

Bis 2030 sollen die Landwirte ein Fünftel ihrer Felder nach dem Vorschlag der Kommission ökologisch bewirtschaften. Die Mehrkosten der jährlichen Umstellung von 160 000 Hektar auf Grün hängen von der Nachfrage der Verbraucher und der Höhe der ökologischen Ausgleichszahlungen ab, die der Staat den Bauern gewährt. Im günstigsten Fall kalkuliert das Gremium mit 1,6 Milliarden Euro pro Jahr an zusätzlichen Geldern; im ungünstigen Fall mit 2,4 Milliarden.

  • Verzicht auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln

Würden die Landwirte komplett nicht mehr gegen Unkraut und Schädlinge spritzen, entstünden durch Ertragsausfälle und Mehraufwand Kosten von bis zu 3,8 Milliarden Euro. Je mehr Ackerflächen vom Totalverbot ausgenommen werden, um so preiswerter wird es.

  • Einführung von Nachhaltigkeits-Checks

Die Kommission plädiert für die Etablierung neuer Bewertungs- und Zertifizierungssysteme, um die Einhaltung von Artenvielfalt, Biodiversität, Tierwohl und Nachhaltigkeit zu kontrollieren und zu bestätigen. Kosten: 133 Millionen Euro pro Jahr.

  • Artgerechte Haltung

Der Ausstieg aus der Massentierhaltung und mehr Tierwohl müssten der Gesellschaft jährlich zwischen 2,5 und 4,1 Milliarden Euro Wert sein.

Das sind erst einmal nur Zahlen. Wenn es zum Schwur kommt, wer in welchem Maße profitiert und wer draufzahlt, könnte es mit der Harmonie schnell vorbei sein. Experten erwarten, dass ein Verteilungskampf über den Ökoausgleich programmiert ist. Zumal auch die EU ein Umsteuern in der Landwirtschaft beschlossen hat, dass viele Spielregeln ändert. Das große Rechnen bei den Betroffenen hat begonnen.

Mehr: agrarheute Tagesschau