Folienflut
Verhüllte Felder – Landwirte beerben Christo

Der Künstler bekleidete Landschaften und versteckte den Reichstag unter Stoffbahnen. Immer mehr Bauern tun es ihm nach: Obst und Gemüse reifen unsichtbar unter Plastikfolien heran. Die Umweltbilanz der Folienflut fällt zwiespältig aus.

Plastikfolien soweit das Auge reicht Erdbeer- und Tomatenanbau um Almeria Foto: ANE/wikimedia commons

Andalusien-Urlaubern ist das Meer aus Plastikfolien im Hinterland der Küsten längst ein vertrauter Anblick. Spaniens Gemüsebauer ziehen darunter seit Jahren riesige Mengen Avocados, Erdbeeren, Mangos und Zitrusfrüchte heran, um sie zumeist zu Spottpreisen auch an deutsche Supermärkte zu liefern.

ANZEIGE

Doch auch wer heimatliche Gefilde bereist, stößt immer öfter auf weitläufige Folienstädte, zum Beispiel im Rheinland rund um Köln oder am Bodensee. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wuchs ihre Fläche von 2005 bis 2016 um elf Prozent. Neuere Zahlen liegen nicht vor.

Selbst Biobauern werden sündig

Niemand behauptet, sie wären – anders als Christos Kunstwerke – ein Zierde. Doch selbst Biobauern greifen vermehrt auf den – Fachjargon: geschützten Anbau – zurück. So hat Swen Seemann aus Eberdingen bei Stuttgart einen Teil seiner Erdbeerfelder inzwischen übertunnelt. Dank der Folien, rechtfertigt er ihre Verwendung, könne er sicher sein, selbst bei schlechtem Wetter eine finanziell auskömmliche Menge seines Hauptprodukts ernten zu können.,

Denn allein von der reinen Lehre können auch Ökofarmer nicht leben. So weist das Informationsportal Ökolandbau ohne schlechtes Gewissen auf Studien hin die besagen, dass Landwirte im Folientunnel selbst im Winter „ökonomisch rentabel“ Salate ziehen können, um sich eine zusätzliche Einnahmequelle zu erschließen.

Schutz gegen Schädlinge und Pflanzenkrankheiten

Aber auch andere Argumente sprechen aus Sicht der Befürworter für den geschützten Anbau: Was hier produziert wird, muss nicht umweltschädlich über hunderte Kilometer hertransportiert werden. Die Technik erleichtert eine gezielte Bewässerung, spart also kostbares Nass. Und die Pflanzen sind besser gegen Schädlinge und Krankheiten geschützt, weshalb die Betreiber weniger Pestizide spritzen.

Mikroplastik verseucht die Böden

Die Negativseite führt die Verseuchung der Böden mit schwierig bis gar nicht abbaubarem Mikroplastik an. Einer jüngsten Studie von Fraunhofer UMSICHT und des Instituts für Ökologie und Politik (Ökopol) zufolge, reichern sich aus Folien, Netzen und Beschichtungen jährlich 556 Tonnen Kunststoffe in den hiesigen Böden an – und bleiben dort auf ewig. Ein ernstes Problem, zumal unter der Belastung die Mikroorganismen in der Krume leiden, die Böden also tendenziell veröden.

Tiere finden keine Nahrung in den Folienwüsten

Zudem finden Vögel, Hasen, Amphibien und Insekten in den Folienwüsten weder Nahrung noch Unterschlupf. Naturschützer fordern daher, zum Beispiel ausreichend Blühstreifen zwischen den Tunneln anzulegen, um wenigstens einen gewissen Ausgleich zu schaffen.

Schließlich ruhen die Hoffnungen auf der Entwicklung von Plastikplanen aus nachwachsenden und kompostierbaren Rohstoffen wie Mais, die sich einfach unterpflügen lassen, und dem Aufbau eines Recyclingsystems für ausrangiertes Material. Forschung und Erprobung stehen allerdings noch am Anfang.

Mehr: BR