Weltraumtourismus
Dreist, dreister, Jeff Bezos

Der Amazon-Gründer verkauft seinen Kurztrip in den Orbit als Beitrag zur Klimarettung. Auf Erden würden die Irrsinnssummen jedoch weit mehr Nutzen stiften. Die Kritik am neuen Vergnügen weniger Multi-Milliardäre wächst.

Weltraumgleiter VSS Unity von Branson Unten wüten die Klimadesaster, oben vergnügen sich die Superreichen
Foto: Virgin Galactic

Kaum war der reichste Mann der Welt nach elf Minuten im All zurück auf Erden, verkündete er Großes: „Wir müssen alle umweltverschmutzende Industrien in den Weltraum auslagern, um die Erde als das Juwel zu bewahren, das sie ist.“ Klar: Für jemanden wie Bezos, der sich selbst für einen Visionär hält, gibt es nichts Näherliegendes.

ANZEIGE

Was kümmert ihn da, wenn sich die stetig beschleunigende Erderwärmung gerade rund um den Globus in verheerenden Katastrophen entlädt: Sturzfluten in Deutschland, in dem Ausmaß nie dagewesene Überschwemmungen in China, Feuerwalzen in Kalifornien, Kanada und Oregon, mit ausgelöst durch anhaltende Gluthitze.

Die Erde kocht, während Superreiche ihr privates Weltraumrennen austragen

Nicht nur die Klimaaktivisten der globalen Graswurzelbewegung 350.org empören sich über Bezos Spaßausflug ins All, während am Boden Hunderte Menschen in Indien, Uganda und Deutschland in den Fluten schlimmer Überschwemmungen stürben. Auch Ex-US-Arbeitsminister Robert Reich twittert sarkastisch: „Stört es irgendjemanden, dass Milliardäre ihr privates Weltraumrennen austragen, während alle Rekorde brechende Hitzewellen Feuerwalzen auslösen und Muscheln in ihren Schalen verbruzzeln?“

Bezos und der britische Multi-Unternehmer Sir Richard Branson, der wenige Tage vor Bezos Richtung Weltall abhob, verteidigen sich mit dem Hinweis, die Antriebe ihre wiederverwendbaren Raumfahrzeuge würden vergleichsweise wenig Treibhausgase ausstoßen – weit weniger zum Beispiel als ein Großraumjet auf einem Atlantikflug. Ohne allerdings genaue Daten offen zu legen.

Die CO2-Emissionen der Raketenantriebe lagern sich in der oberen Erdatmosphäre ab

Doch die Wahrheit ist umfassender. Eloise Marais, Professorin für physiche Geographie am University College in London, die den Einfluss von Treibstoffen und Industrien auf die Atmosphäre erforscht, weist zum Beispiel darauf hin, dass die 300 Tonnen CO2-Emissionen der Raketenantriebe direkt in die obere Erdatmosphäre gelangen und dort bis zu drei Jahren verweilen. Und sie hinterließen dort auch Wasser, das Wolken bilden kann, die wiederum die Erwärmung begünstigten. „Selbst etwas so unschuldig erscheinendes wie Wasser kann Spuren hinterlassen“, betont Marais.

Bezos und Branson wollen Geld verdienen

Vor allem aber: Bezos wie Branson verfolgen weitreichende Pläne für den Aufbau eines florierenden Weltraumtourismus‘. Schließlich sind sie im Herzen Geschäftsleute, die Geld verdienen wollen. Ein aktueller Report schätzt laut dem „Guardian“, dass der Markt für Weltraumtransporte und -tourismus im kommenden Jahrzehnt jährlich um 17,15 Prozent wächst und 2031 einen Wert von fast 2,6 Milliarden US-Dollar erreicht. Was es fürs Klima bedeutet, wenn Blue Origin (Bezos) und Virgin Galactic (Branson) loslegen, hat noch niemand berechnet.

Keine steuefreien Ausflüge für die Reichen

Der niederländische Forscher für nachhaltigen Tourismus, Paul Peeters, hält die Pläne für ausgemachten Unsinn. “Wir kämpfen hart mit den Problemen des Klimawandels und der Anpassung daran. Die Probleme für ein paar Minuten Spaß noch zu verschärfen, finde ich schwierig“.

Amazon pustet jährlich so viel CO2 wie 13 Kohlekraftwerke in die Luft

Den demokratischen Abgeordneten im US-Kongress, Earl Blumenauer, stört noch etwas anderes. Er will analog zur Luftfahrt Steuern auf kommerzielle Weltraumtrips einführen. „Sie sind keine steuerfreien Ausflüge für die Reichen“, findet der Politiker.

Sorgte sich Bezos wirklich so um die Zukunft des blauen Planeten wie er vorgibt, hätte er in seinem Unternehmen genug zu tun. 2019 sprang Amazons CO2-Fußabdruck gegenüber dem Vorjahr um satte 15 Prozent auf fast 52 Millionen Tonnen. Das entspricht in etwa der Menge, die 13 Kohlekraftwerke im Jahr frei setzen.

Mehr: Independent

Von Dieter Dürand