Forschung
Die reichen Nationen forschen zu wenig gegen Hunger, Artensterben und Klimawandel

2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf 17 Ziele einer nachhaltigen Entwicklung. Bis 2030 will sie etwa die Armut besiegen und Umwelt und Klima wirksam schützen. Doch ausgerechnet die wohlhabendsten Länder vernachlässigen die Forschung auf diesen Gebieten.

Forscherin im Labor
Forscherin im Labor Industrieländer setzen die falschen Prioritäten Foto: jarmoluk on Pixabay

Das Schulterklopfen war allseitig, nachdem sich die UN-Mitgliedsstaaten nach zähen Verhandlungen im September 2015 in Paris geeinigt hatten. Nun, mehr als fünf Jahre später, hat die Wissenschaftsagentur der UN nachgeschaut, wie intensiv die einzelnen Länder ihre Forschung auf 56 wichtige Handlungsfelder ausgerichtet haben, die entscheidend sind für ein friedliches Zusammenleben und den Bestand des Planeten.

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Die Reichen überlassen den Armen die Suche nach Auswegen aus der Misere

Das Fazit der Studie ernüchtert. Anders als die Schwellen- und Entwicklungsländer lassen die reichen Industrienationen die wissenschaftliche Suche nach neuen Lösungen zum Erreichen der nachhaltigen Entwicklungsziele (SDG – Englisch kurz für: Sustainable Development Goals) schleifen. Ob die USA, Japan, Südkorea oder die meisten europäischen Staaten. Und das, obwohl die Klimakrise gerade rasend Fahrt aufnimmt.

Dabei ist die Welt auf das Engagement der Starken angewiesen, finanzieren sie doch global gesehen 64 Prozent aller Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE).

Vor allem Entwicklungsländer machen Tempo bei der Enwicklung von Biokraftstoffen

Dagegen haben die ärmeren Länder im Rahmen ihrer Möglichkeiten reagiert und setzen neue Forschungsprioritäten. So hat sich ihr Anteil an allen Forschungsveröffentlichungen zur Photovoltaik zwischen 2011 und 2019 verdreifacht und ist von 6,2 auf 22 Prozent gesprungen. Ähnlich stark haben sie bei der Forschung zu Biokraftstoffen und Biomasse zugelegt. Und sie treiben entschieden die Züchtung klimaresistenter Getreidesorten voran und erkunden, wie Kleinfarmer ökologisch wie ökonomisch Vieh halten und Feldfrüchte anbauen können.

Namentlich heben die Autoren Ecuador, Äthopien, Indonesien, Irak, Russland und Vietnam hervor, die praktisch auf allen Forschungsfeldern Tempo machten.

China forscht zu Wasserstoff und Batterien – der Westen zu Plastikmüll

Doch niemand reicht an China ran. Der UNESCO zufolge, innerhalb der UN zuständig für Wissenschaft und Bildung, stehen dortige Forscher inzwischen für die Hälfte der Ergebnisse zur Effizienz von Batterien. Fast ebenso intensiv kümmern sie sich um Wasserstoff, CO2-Bepreisungssysteme und Möglichkeiten, das Klimagas einzufangen und sicher zu speichern. Deutschland, Frankreich und die USA fallen auf diesen Gebieten dagegen zurück.

Das einzige Feld, in dem sich die wohlhabenden Nationen hervortun, ist der Plastikmüll in den Weltmeeren, so der Bericht. Insgesamt seien sie jedoch in 54 der 56 relevanten Forschungsbereiche zurückgefallen – ein Armutszeugnis, wo gerade ihre politischen Führer sich gerne als Weltenretter ausgeben.

Die wohlhabenden Nation subventionieren lieber ihre eigene Industrie

„Das ist enttäuschend“, schreiben die UN-Autoren denn auch. Zugleich sehen sie in dem Verhalten ein Muster. Nach ihrer Übersicht unterstützten die reichen Staaten internationale Entwicklungsprojekte zu Klimaschutz und Artenvielfalt von 2000 bis 2013 mit gerade einmal umgerechnet 21 Milliarden Euro. Ein Fünftel des Betrags, mit dem sie Innovationen und die Industrie im eigenen Land förderten.

Immerhin wuchsen die FuE-Ausgaben weltweit stärker als die globale Wirtschaftsleistung (siehe Grafik). In Deutschland stieg ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt von 2,87 auf 3,09 Prozent. Nur Israel, Japan und Südkorea investierten mehr Geld in ihre Zukunft.

Anteil der Forschungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt Deutschland steigerte seine Zukunftsinvestitionen Quelle: UN

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Von Dieter Dürand