Schlecht fürs Klima
Deutsche gönnen sich immer mehr Wohnraum

Wer sein Traumhaus oder den Umzug in eine schicke Altbauwohnung plant, trübt die Vorfreude ungern mit Gedanken an die CO2-Bilanz. Der Gleichmut hat Folgen. Global gesehen versündigt sich kaum ein Land mehr beim Wohnen gegen das Klima als Deutschland.

Einfamilienhaus im Rohbau
Einfamilienhaus im Rohbau Schlechte Ökobilanz Foto: Capri23auto on Pixabay

Energieeinsparverordnung (EnEV), Dämmoffensive, Heizungsmodernisierung – die Bundesregierung stellt seit Jahren immer neue Programme auf, um das Bauen ökologischer zu machen. Genutzt hat es nichts: Seit 2014 verharren die direkten CO2-Emissionen im Gebäudebestand wie festbetoniert bei rund 120 Millionen Tonnen im Jahr. Ein verhängnisvoller Stillstand. Denn weltweit sind Bau und Nutzung von Immobilien für fast 40 Prozent des Ausstoßes an Treibhausgasen verantwortlich.

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Deutsche sind alles andere als ein Vorbild

Sehr schlecht schneidet Deutschland ab, obwohl sich das Land der Ingenieure gerne an der Spitze des ökologischen Fortschritts wähnt. In einer Übersicht der Internationalen Energieagentur (IEA) entpuppt sich nur Belgien bei den Pro-Kopf-Wohnemissionen aus Klimasicht als noch üblerer Schmutzfink. Jeder Deutsche setzt dernach allein in diesem Bereich jährlich mehr als eine Tonne CO2 frei (siehe Grafik).

Schmutzfink Deutschland An der Kälte kann es nicht liegen, das beweisen die skandinavischen Ländern Quelle: IEA

Als einen Hauptpunkt, warum alle Anstrengungen an Rhein und Elbe bisher verpuffen, machen die Autoren einer aktuellen Studie der genossenschaftlichen DZ Bank den Drang der Bundesbürger aus, sich großzügig auszubreiten. Seit 1995 stieg die Wohnfläche pro Kopf von 36 auf 47 Quadratmeter. Das bedeutet: Mehr Neubau, mehr Beton, mehr Flächenfraß, höherer Energieverbrauch fürs Heizen. Alles wenig förderlich fürs Klima.

Jeden Tag verschwinden 30 Hektar Boden unter Beton

Auch zu den Ursachen der gerade ganz Deutschland aufwühlenden Starkregenkatastrophe liefert die DZ-Studie eine interessante Zahl. Tag für Tag verschwinden hier zu Lande 30 Hektar Boden unter neuen Gebäuden – das ist mehr als die Hälfte des gesamten Flächenverbrauchs. Hinzu kommt jährlich ein gewaltiger Müllberg von 230 Millionen Tonnen aus Bau- und Abbruchabfällen. Experten machen die ungebremste Bodenversiegelung entscheidend für die alles mitreißenden Sturzfluten verantwortlich und fordern Konzepte, Versickerungsflächen für die Wassermassen zu schaffen, etwa in Form sogenannter „Schwammstädte“.

Dämmen um jeden Preis ist unwirtschaftlich und ressourcenschädlich

Was also tun? Im Greenspotting-Interview verdammt der Immobilien-Ökonom Harald Simons das staatlich subventionierete Dämmen um jeden Preis als unwirtschaftlich und sogar ressourcenschädlich. Und er warnt: „Die vielen politischen Erwartungen überfordern den Markt.“

Was gibt es Besseres? Die DZ-Autoren steuern ein paar Ideen bei:

  • Sie schlagen vor, den extrem energieintensiven Beton wo immer es geht durch den nachwachsenden, klimaneutralen Rohstoff Holz zu ersetzen. Bäume entziehen der Atmosphäre beim Wachsen CO2.
  • Sie drängen darauf, weit mehr Baumaterialien als heute wiederzuverwenden und dafür eine Kreislaufwirtschaft aufzubauen (Cradle-to-Cradle). Der Ansatz ist Bestandteil des European Green Deals.
  • Schließlich plädieren sie dafür, Heiz- und Mobilitätskonzepte nicht mehr auf das einzelne Gebäude hin zu optimieren, sondern dafür ganze Quartiere ins Visier zu nehmen. Je mehr Nutzer es gibt, um so wirtschaftlicher werden Investitionen in Geothermie und Fernwärme, ebenso wie zum Beispiel in gemeinsame Ladestationen, argumentieren die Experten.
Investoren müssen umdenken

Natürlich hat die Bank auch für Investoren Hinweise in petto. Die Nachfrage nach nachhaltigkeitszertifizierten Immobilien wachse, und sie brächten tendenziell höhere Verkaufs- oder Mieterlöse. Hingegen könnten gerade die gefragten – und teuren – Innenstadt- und Wasserlagen an Küsten und Flüssen an Wert einbüßen, wenn die Bereitschaft der Käufer sinke, sommerliche Dauerhitze und erhöhte Überflutungsrisiken in Kauf zu nehmen.

Mehr: DZ Bank

Von Dieter Dürand