Chemieunfall
Dioxin-Entwarnung, doch Gefährdung für Leib und Leben bleibt

Tage nach der Explosion im Chempark Leverkusen geben die Behörden Entwarnung. Die Ruß- und Staubpartikel, die sich über die angrenzenden Stadtteile abgesetzt haben, sind wahrscheinlich nicht gefährlich. Allerdings wurde die Anlage wohl mangelhaft überwacht.

Feuerwehrmann vor Explosion War der Chempark-Unfall in Leverkusen auch Folge von Behördenversagen? (Schäferle/Pixabay)

Bei dem Unfall kamen mindestens fünf Menschen zu Tode. Zwei Mitarbeiter der Verbrennungsanlage für Sondermüll werden noch vermisst. Unterdes haben Untersuchungen des Landesumweltamtes von Nordrhein-Westfalen (LANUV) ergeben, dass die Staub- und Rußniederschläge kein Dioxin enthalten. Auch die Anteile an PCB und PAK lägen unterhalb der Grenzwerte. Polychloriertes Biphenyl (PCB) gilt zwar als wenig gefährlich bei einmaligen Kontakten, bei dauerhafter Einwirkung jedoch als hochgiftig. Zu den Folgen zählen Haarausfall, Schädigung des Immunsystems oder Leberschäden. Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) ist ein krebserregendes Nebenprodukt unvollständiger Verbrennung von organischen Verbindungen wie Benzin, Öl oder Tabak oder Fleisch.

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Die ausgebliebene Dioxinbelastung erklärt sich durch die blitzschnelle Verpuffung mit hohen Temperaturen. Unfällen mit hohem Dioxinanfall – wie bei der Seveso-Katastrophe 1976 – liegen in der Regel langsamere chemische Prozesse mit weniger hohen Temperaturen zugrunde.

Behörden tappten im Dunkeln

Dennoch rät die Stadtverwaltung Leverkusen, auf den Verzehr von Obst und Gemüse aus dem Garten zu verzichten. Spielplätze bleiben geschlossen. Die Bürger sollten darauf achten, keine Partikel in Wohnungen oder Büros zu tragen und Straßenschuhe am Eingang auszuziehen. Inzwischen weiß die zuständige Kölner Bezirksregierung, dass in den Tanks über 100 000 Liter flüssige, phosphor- und schwefelhaltige Reststoffe aus Chemikalien für die Landwirtschaft gelagert wurden. Noch am Freitag hatte LANUV-Abteilungsleiterin Angelika Notthoff bekannt gegeben, ihr Amt habe im Prinzip nicht gewusst, „welche Stoffe in den Tanks tatsächlich gelagert“ hätten. Offensichtlich kam es zu der Explosion beim Ab- und Umpumpen von hochentzündlichen Stoffen, die als Gemisch explodieren.

Überwachung vernachlässigt?

Kritiker werfen den Behörden mangelhafte Überwachung der Anlage vor. Laut des Hamburger Nachrichtenmagazins Der Spiegel wurden die Abfallströme zuletzt Anfang 2016 eingehend kontrolliert. Die Untersuchung dauerte damals nur eine Stunde. Eine für April dieses Jahres geplante große Inspektion der Anlage hätte wegen der Covid-19-Pandemie nicht abgeschlossen werden können. Zu der Kontrollprozedur gehören Unterredungen und Begehungen am Ort. Jedoch konnten die Gespräche Corona-bedingt nur über Video stattfinden. Die Begehung war für den laufenden Monat geplant.

Die Sondermüllverbrennungsanlage befindet sich auf dem Gelände eines Chemieparks, auf dem auch der Pharma- und Agrochemieriese Bayer tätig ist. Betreiber des Parks ist die ehemalige Bayer-Tochter Currenta. Bayer hatte im Jahr 2019 seine Beteiligung von 60 Prozent an das australische Finanzhaus Macquarie veräußert.

In dem Entsorgungszentrum traten nach Informationen des Netzwerkes Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG) immer wieder Störfälle auf. So sei 2011 nach einer Störung ein Sandregen über Teile von Leverkusen ergangen. 2010 sei es zu einem Feuer gekommen und 2009 nach einem Defekt in der Dosieranlage der Abluftbehandlung Schadstoffe ausgetreten. Im Jahr 1980 kam es schon einmal zu einer Explosion. Ein Mensch starb. Die Ursache des Unglücks wurde nicht geklärt.

Weiterhin Gefahr für die Umgebung

Die CBG kritisiert, dass die Müllverbrennung von Wohngebieten umgeben und nur eine Rheinbreite von der Millionenstadt getrennt sei. Explosionen dieser Art können Kettenreaktionen auslösen und als Ergebnis in einen Chemie-GAU münden. „Für Windräder gelten gigantische Abstandsregeln, aber Bayer & Co dürfen in unmittelbarer Nähe zu Großstädten scheinbar tun und lassen was sie wollen. Dabei geht es hier um einen der größten Umschlagplätze für Chemiegifte in der Region! Bayer und Currenta müssen die Öffentlichkeit informieren, was da überhaupt explodiert und verbrannt ist und wie sie das in Zukunft verhindern wollen!“, kommentiert Simon Ernst, Vorstand der CBG die Chempark-Explosion.

Mehr: Süddeutsche Zeitung