Regionalflughäfen
Ökologischer und ökonomischer Irrsinn

Um den Flugplatz Arnsberg-Menden im Sauerland ist ein Streit entbrannt, der exemplarisch die ganze Unvernunft der Regionalflughäfen in Deutschland illustriert. Im Zentrum steht ein publizitätssüchtiger Mittelständler, der Kabeltechnik-Hersteller Ulrich Bettermann – und im Hintergrund der CDU-Grande und mögliche künftige Bundeswirtschaftsminister Friedrich Merz.

Unnötiger Flugplatz, kerosinfressender Jet: Düsenflugzeug von OBO Bettermann auf dem Flugplatz Arnsberg-Menden

Die Verantwortlichen der Stadt Arnsberg im tiefen Sauerland waren vorgewarnt. Das winzige Tierchen, die Dunkers Quellschnecke (lateinisch: Bythinella dunkeri), hatte schon einmal einen großen Plan ins Wanken gebracht. Naturschützer sahen das vier Millimeter kleine Weichtier mit eigenem Häuschen so sehr durch ein neues Gewerbegebiet bedroht, dass der damalige grüne nordrhein-westfälische Umweltminister Johannes Remmel das Projekt höchst persönlich stoppte.

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Das war vor gut fünf Jahren rund eine Autostunde entfernt, im Kreis Olpe westlich von Köln. Die Amtsleute in Arnsberg ließ die Niederlage der Kollegen im Oberbergischen jedoch kalt. Statt auf die erforderliche Sondergenehmigung durch den Hochsauerlandkreis zu warten, erteilten sie dem Fluplatz zwischen ihrer Stadt und dem nahegelegenen Menden die Genehmigung zum Ausbau der Start- und Landebahn.

BUND macht Stress

Doch der muss jetzt erst einmal warten. Denn das Gelände steht unter Landschaftsplanschutz. Und der Bund für Naturschutz: kurz: BUND, hat eine Stellungnahme eingereicht, über die sich nun die Kreisverwaltung in Meschede eine Meinung bilden muss. Dazu haben die Umweltschützer fein säuberlich erfasst, wo die schützenswerte Molluske auf dem Gelände des Flugplatzes überall herumkriecht und inwiefern sie von der geplanten Erweiterung der Start- und Landebahn geschädigt würde. Bis zum Bescheid ruhen die Bauarbeiten.

Der Hickhack um den kleinen Kriechling ließe sich in die vielen Streitereien der vergangenen Jahrzehnte einreihen, in denen Umweltaktivisten mit der Begründung des Tierschutzes Deutschlands wirtschaftlichen Fortschritt aus Sicht von Gewerbeförderern angeblich zu bremsen suchten. Doch in der entlegenen Mittelgebirgsregion im Herzen Deutschlands liegt die Sache anders. Nirgendwo sonst lässt sich derzeit treffender der ganze ökologische und ökonomische Irrsinn der hiesigen Regionalflughäfen studieren als hier, am Flugplatz Arnsberg-Menden im Sauerland.

Flugplatz vor der Haustür

Statt Arbeitsplätze zu sichern und die Wirtschaft der Gegend zu stärken, wie von Politikern gern behauptet, erweist sich die umwaldete Start- und Landebahn in der Provinz nämlich vor allem als Klimasünder sowie als Subventionierung eines flug- und publizitätssüchtigen Mittelständlers, des Kabelhalterungsherstellers Ulrich Bettermann mit seiner Firma OBO Bettermann. Denn der heute 74-Jährige hat in der Region in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur ein Unternehmen mit rund 600 Millionen Euro Jahresumsatz, 4300 Beschäftigten, davon 1200 am Stammsitz in Menden, aufgebaut, das ihm mehrheitlich gehört. Er stellte sich gleichzeitig auch drei Düsenflugzeuge so gut wie vor seine Haustür, mit denen er oder seine Manager unablässig vom Flugplatz Arnsberg-Menden über die Sauerländer hinweg in die Welt donnern.

Prominentester Nutzer des Fliegerhorsts ist allerdings der gescheiterte Kandidat für den CDU-Parteivorsitz, Friedrich Merz, der im Hochsauerland-Kreis nun für den kommenden Bundestag kandidiert und von hier aus zu Polit- und Geschäftsterminen abhebt. Wie unnötig der ganze Flughafen für ihn wie für Bettermann und die Region ist, wie viel Steuergelder der Mini-Airport bisher geschluckt hat und welche Belastungen für das Klima damit einhergehen, zeigen wochenlange Recherchen von Greenspotting und dem ZDF-Magazin Frontal 21.

Millionenschwere staatliche Vorleistungen

Begonnen hat die Geschichte des Flugplatzes Arnsberg-Menden (kurz: FAM) vor genau 50 Jahren als Lande- und Startbahn im Eigentum des damaligen Landkreises, der sich anschickte, das Areal die folgenden Jahrzehnte schrittweise aufzumotzen. Es sollte eine Geschichte der stetigen Subventionen werden, und das bis zum heutigen Tag. Das zeigt die Antwort des nordrhein-westfälischen Verkehrsministeriums auf eine Anfrage des verkehrspolitischen Sprechers der SPD-Fraktion im Düsseldorfer Landtag, Carsten Löcker, die Greenspotting vorliegt.

Da war der Bau einer Flugzeughalle im Jahr 1972 für umgerechnet gut 231 000 Euro, die zu 96 Prozent vom Land bezahlt wurde. Im Jahr darauf folgten die Fertigstellung des Vorfeldes der Start- und Landebahn, ein Strom- und Wasseranschluss einschließlich Abwasseranlagen und Umzäunung. Die umgerechnet rund 277 000 Euro übernahm zu 87 Prozent ebenfalls das Land. Bis 1977 kamen Abfertigungs- und ein Betriebsgebäude hinzu im Gesamtwert von knapp 750 000 Euro, zu weit über die Hälfte finanziert aus dem Landeshaushalt. In drei Jahrzehnten summierten sich die Überweisungen aus Düsseldorf auf 1,4 Millionen Euro, so die Antwort das NRW-Verkehrsministeriums auf die SPD-Anfrage.

Rekordsubvention nach Privatisierung

Richtig dick flossen die Steuergelder jedoch erst von 2007 an, allerdings nicht als weitere Zuschüsse für den Landkreis, sondern nun als Geschenk für einen privaten Unternehmer. Denn  zuvor, am 1. September 2006, waren das „Flugplatzgelände und die damit verbundene Infrastruktur auf die Flugplatzgesellschaft Arnsberg-Menden mbH übergegangen“. So steht es noch heute auf der Website des Flugplatzes. Und damit jeder weiß, wer dadurch das Sagen auf dem Kontrollturm erhielt, heißt es weiter: „Hinter der Flugplatzgesellschaft steht die OBO Bettermann Gruppe, die alle Geschäftsanteile seit April 2012 hält.“ Im Klartext: Bettermann und sein Unternehmen hatten sich 2006 den mit öffentlichen Mitteln hergerichteten Flugplatz Arnsberg-Menden einverleibt. Wie viel er dafür bezahlte, will Bettermann auf Anfrage von Greenspotting nicht beziffern.

Dass nun ein prosperierendes Unternehmen aus Eigeninteresse den ehemals kommunalen Flugplatz betrieb, störte die Politiker in Düsseldorf bei der weiteren Bezuschussung nicht. So war das Flugplatzgelände zum Zeitpunkt des Verkaufs nur gepachtet. Also machte die damalige schwarz-gelbe Landesregierung unter CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers 2007 die Rekordsumme von rund 1,25 Millionen Euro locker, damit OBO Bettermann nur die Hälfte des Kaufpreises von 2,49 Millionen Euro aus der Unternehmenskasse bezahlen musste. „Der ausgeschüttete Betrag in Höhe von 1 245 037,00 Euro diente dem Erwerb des bis dahin nur gepachteten gesamten Flugplatzgeländes“, heißt es dazu in einer Fußnote versteckt in der Antwort des Landesverkehrsministeriums auf die SPD-Anfrage.

Wieder eine schwarz-gelbe Landesregierung

Einen noch besseren Schnitt macht Bettermann und sein Unternehmen bei den aktuellen Baumaßnahmen, gegen die sich gerade der BUND stellt. Wieder ist es eine schwarz-gelbe Landesregierung, diesmal unter dem CDU-Vorsitzenden Armin Laschet, die Steuergelder über dem Flugplatz von OBO Bettermann ausschüttet. Dadurch kostet die begonnene Verbreiterung der Start- und Landebahn um fünf auf 25 Meter, laut Landesregierung für mehr Sicherheit nötig, das Unternehmen gerade mal 281 000 Euro. Die übrigen 522 000 Euro, rund zwei Drittel der veranschlagten Kosten, übernimmt der Steuerzahler. Für die Erneuerung der Wetterstation holen sich Bettermann und sein Unternehmen sogar 80 Prozent der veranschlagten Kosten aus dem Landessäckel, insgesamt 132 811, 12 Euro. An ihm und seiner Firma bleiben lediglich 33 202,78 Euro hängen.

Verlustbringer und Umweltsünder

Nun sind Regionalflughäfen in Deutschland fast immer Zuschussbetriebe zu Lasten der Steuerzahler, und dass auch ohne den Einbruch bei den Fluggastzahlen durch Corona. Der umstrittene Airport in Kassel-Calden etwa erwirtschaftete 2018 trotz eines Rekordwerts bei den Passagieren 5,9 Millionen Euro Verlust. Die Pandemie verschlimmerte alles nur noch. Tragen müssen die Defizite das Land Hessen, mit 68 Prozent größter Anteilseigner, die Stadt und der Kreis Kassel (jeweils 14,5 Prozent) sowie die Gemeinde Calden (drei Prozent). Sowohl die Umweltschützer vom BUND als auch der Bund der Steuerzahler fordern deshalb in ungewohnter Eintracht die Stilllegung.

Nicht viel besser sieht es an anderen Regionalflughäfen hier zu Lande aus. Die im Hunsrück gelegene Start-und Landestation Frankfurt-Hahn etwa kam bis zur Corona-Krise nie aus den Miesen. Und auch der Airport Dortmund, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Arnsberg-Menden, machte die ganzen Jahre trotz wachsender Passierzahlen ununterbrochen Miese, 2019 gut zehn Millionen, im Vorjahr rund 14 Millionen Euro. Aufkommen muss dafür die Stadt Dortmund. Das Geld fehlt für Kindergärten, Schulsanierung und Soziales. Deswegen sowie aus Umweltgründen fordert auch die Organisation Klimagewerkschafter, sämtliche Regionalflughäfen hier zu Lande dicht zu machen.

Schlecht für Steuerzahler und Umwelt: Regionalflughäfen in Deutschland (Abbildung: Lencer)

Wie viel Umsatz sowie Gewinn oder Verlust der Flugplatz Arnsberg-Menden macht, veröffentlicht das Unternehmen nicht. Sicher ist nur, dass die öffentlichen Zuwendungen Balsam für die Bilanz sind.  Der Bezirksregierung Münster teilte die Flugplatz-Geschäftsführung lediglich mit, dass die Zahl der Flüge im vergangenen Jahr um fast ein Fünftel auf 10 307 zurückgegangen sei. Nicht einmal jeder zehnte Flug sei gewerblich gewesen. Und für so eine Veranstaltung machte das Land Millionen an Steuergeldern locker.

Umweltschützern sowie Kennern des Flugplatzes Arnsberg-Menden treibt dies vor allem deshalb den Adrenalinspiegel nach oben, weil hier Steuergelder für einen privaten Flugplatz verprasst werden, obwohl ein anderer, technisch viel besser ausgestatteter Airport in unmittelbarer Nähe liegt: der Flughafen Dortmund. Würde Bettermann seine drei Jets nicht bei sich, sondern am Rande der Ruhrmetropole parken und von dort abfliegen, wäre für die Steuerzahler und die Umwelt viel gewonnen. Doch derlei zählt für ihn offenbar nicht, lieber wirft er wortreich mit Nebelkerzen. „Es ist für mich eine Erleichterung, von A nach B zu kommen und Termine wahrzunehmen, gerade wenn man aus dem Sauerland irgendwohin will“, rechtfertigte er gegenüber der Deutschen Welle, den firmeneigen Fluplatz. „Nach Düsseldorf oder nach Köln braucht man eineinhalb Stunden mit dem Pkw, da müssen Sie noch Stau einrechnen, das ist für uns eine wesentliche Erleichterung.“ Der Flugplatz Arnsberg-Menden lohne sich deshalb für sein Unternehmen, „weil wir eben so weit von Standorten entfernt sind, wo wir mit Linienflugzeugen fliegen können.“

Millionen Steuergelder für neun bis zwölf Minuten Zeitersparnis

Dabei zeigt eine einfache Rechnung, dass Bettermann damit sich und aller Welt etwas vormacht. Denn selbst wenn er mit eigenen Maschinen anstelle von Linienflugzeugen fliegen müsste, um seine Werke etwa in der Schweiz oder in Ungarn zu besuchen, könnte er das ohne bemerkenswerten zeitlichen Mehraufwand von Dortmund aus tun. So benötigt Bettermann vom OBO-Firmensitz am Hüingser Ring 52 in Menden mit dem Auto über die B7 zu seinem firmeneigenen Flugplatz laut Google Maps 18 Minuten. Zum Flughafen Dortmund sind es 27 Minuten – ganze neun Minuten mehr.

Auch CDU-Grande Merz müsste nicht um wertvolle Zeit fürchten, flöge er mit seiner DA 62 statt von Bettermanns Platz von Dortmund los. Die Autofahrt von seinem Büro in der Möhnestraße 53 in Arnsberg über die A445 und A4 zum Dortmunder Flughafen würde ihn ganze zwölf Minuten mehr kosten als zum Flugplatz Arnsberg-Menden. Millionen Euro aus der Landeskasse, damit Leute wie Bettermann und Merz neun beziehungsweise zwölf Minuten Zeit gewinnen – schlimmer lassen sich Steuergelder kaum vergeuden.

Kein Kommentar zu Subventionierung und Klimaschädigung: CDU-Politiker Merz (Foto:

Greenspotting wollte von Merz wissen, für wie wichtig er den Flugplatz Arnsberg-Menden und dessen finanzielle Förderung durch die Landesregierung halte und ob er diese umwelt- und wirtschaftspolitisch als gerechtfertigt ansehe – obwohl die Autofahrt von Arnsberg zum Flugplatz Arnsberg-Menden laut Google-Maps nur umwesentlich kürzer ist als zum Flughafen nach Dortmund. Weil diese und andere Fragen zum „privaten Bereich“ zählten, so sein Pressesprecher, wolle Merz darauf nicht antworten.

Ultrakurze Flüge in der Region

Die Auswirkungen der staatlichen Stütze für den Flughafen Arnsberg-Menden auf das Klima sind am Himmel abzulesen. Das zeigt eine Auswertung der Flugbewegungen der Bettermannschen Maschinen mit Hilfe des Flugbeobachtungsportals Flightaware. Demnach müssen die Jets des Sauerländers offenkundig immer wieder zu besonders umweltschädlichen ultrakurzen Flügen abheben: mal zwischen Arnsberg-Menden und Dortmund, mal zwischen Arnsberg-Menden und Düsseldorf. Allein in den vergangenen acht Monaten passierte dies mindestes achtmal. So ortete Flightware Bettermanns größten Jet (Kennzeichen D-COBO) am 21. Juni von 7.37 Uhr bis 8.01 Uhr auf dem Weg von Arnsberg-Menden nach Düsseldorf – erfasste Flugzeit: 25 Minuten. Vier Tage später hatte Flightaware die gleiche Maschine von 12.36 Uhr bis 12.54 Uhr von Düsseldorf nach Arnsberg-Menden auf dem Schirm – erfasste Flugdauer: 18 Minuten. Noch kürzer waren die Zeiten, in denen Flightware D-COBO im Februar zwischen Arnsberg-Menden und Dortmund registrierte: das eine Mal sechs Minuten, das andere Mal fünf Minuten.

Greenspotting konfrontierte Bettermann mit den Aufzeichnungen. Weshalb die Maschine die Ministrecken nach Düsseldorf und Dortmund flog, etwa zur Wartung, weil es dazu in Arnsberg-Menden keinen entsprechenden Service gibt, oder als Zubringerdienst an Stelle des Autos, dazu will er nichts sagen.

Seltsame Trips nach Sylt und übers Sauerland

Ebenso wenig äußert sich Bettermann zu Flügen, denen schwer anzusehen ist, ob sie dem Geschäft oder dem Freizeitvergnügen dienten. So registrierte Flightware seine Maschine D-IOBB am Pfingstfreitag dieses Jahres von 11.03 Uhr bis 11.49 Uhr auf dem Weg von Arnsberg-Menden nach Sylt und von 12.28 Uhr bis 13.14 Uhr zurück nach Arnsberg-Menden. Wer die Passagiere waren, ob der Trip zu der Promi-Insel geschäftlich oder privat veranlasst war, wollte Bettermann auf Anfrage von Greenspotting nicht beantworten.

Auch zur Rundreise derselben Maschine am Samstag, den 3. Juli, zu der Greenspotting ihn befragte, wollte Bettermann nichts sagen. So flog D-IOBB laut Flightware an diesem Tag morgens um 10 Uhr im schweizerischen Buochs los, wo Bettermann in der Nähe ein Werk und ein Haus besitzt, düste bis 10.56 Uhr nach Kassel, blieb dort eine knappe halbe Stunde, hob dann um 11.22 Uhr wieder ab und setzte eine Viertelstunde später in Arnsberg-Menden auf. Nach knapp fünf Stunden Rast, um 16.43 Uhr, ging es dann 19 Minuten wieder nach Kassel Calden. Gut eine Stunde später ortete Flightaware D-IOBB dann auf dem Weg nach Zürich, wo die Registrierung um 19.24 Uhr abbrach. Am nächsten Morgen tauchte die Maschine von 11.15 Uhr bis 11.23 Uhr bei Flightware wieder auf – von Zürich zurück zum Ausgangspunkt Buochs.

Ein Beobachter auf dem Flugplatz Arnsberg-Menden will einen der Söhne Bettermanns am Steuerknüppel gesehen haben und interpretiert den Rundflug am Wochenende als private Spritztour durch die Lüfte – wie andere eben mit dem Motorrad durchs Sauerland dröhnen. Greenspotting konfrontierte Bettermann mit der Beobachtung, dass einer seiner Söhne die Maschine geflogen habe, und fragte nach dem Anlass für die Rundreise. Bettermann wollte die Informationen weder bestätigen noch dementieren und auch keine Angaben zu den von Flightaware erfassten Flügen machen.

Katastrophale Umweltbilanz

Dass Politiker all dies indirekt mit Steuergelder unterstützen, ist der eine Skandal, der vermeidbare Schaden für das Klima der andere. Denn mit und für Bettermann beziehungsweise für seine Firma heben stets Jets vom Typ Cesna ab, also Düsenflugzeuge,  die besonders viel klimaschädliches Kerosin verbrennen. So verbraucht eine Cesna Citation 3+, die mit Bettermanns D-COBO vergleichbar ist, 87 Liter Kerosin auf 100 Kilometer. Fliegt nur Bettermann, ein Familienanghöriger oder ein OBO-Manager mit, ergibt das – bezogen auf zwei Personen – 43,5 Liter pro Nase auf 100 Kilometer. Das ist mehr als das Zehnfache der 4,18 Liter, die die Maschinen der Deutschen Lufthansa nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr pro Passagier auf 100 Kilometer verbrauchten. Schlimmer als Bettermanns Jet-Touren kann Fliegen das Klima kaum schädigen.

Dabei gibt es klimaschonendere Alternativen. Eine moderne Turboprop-Maschine vom Typ Pilatus PC 12 etwa, die sich mit einem Propeller an der Flugzeugnase durch den Äther schraubt, verbraucht pro 100 Kilometer nur 6o Prozent dessen, was eine Cesna 3+ schluckt. Eine Turboprop-Maschine vom Typ TBM 940 kommt sogar mit gut 40 Prozent dessen aus. Moderne zweimotorige Propellerflugzeuge vom Typ DA62, wie sie CDU-Politiker Merz steuert, verbrauchen noch weniger. Sie geben sich mit nur 14 Liter pro 100 Kilometer zufrieden, das ist nicht großartig mehr, als eine dicke Limousine bei Höchsttempo auf der Autobahn frisst.

Minimaler Zeitverlust mit verbrauchsärmeren Maschinen

Dass solche Maschinen langsamer sind als kerosinfressende Jets, fällt in der Praxis kaum ins Gewicht. Auf der 550 Kilometer langen Strecke von Arnsberg-Menden nach London etwa dauert der Flug mit einer Pilatus PC 12 oder einer TBM 940 nur rund elf beziehungweise 22 Minuten länger. Lediglich die D62, die Merz fliegt, braucht fast eine Stunde mehr.

Weshalb er anstelle der Cesnas keine verbrauchsärmeren Turboprops einsetzt, wollte Bettermann auf Anfrage von Greenspotting nicht erklären. Für ihn ist das offenbar ziemlich nebensächlich. Selbst für Kurztrips zu Bekannten benutzt er seine Jets, so zum Besuch einer Abendveranstaltung mit Geschäftspartnern vor gut zwei Jahren –  keine 100 Kilometer entfernt, Ziel: Flugplatz Allendorf, in dessen Nähe der Heizungsbauer Viessmann sitzt. Rund 1300 Meter Höhe, rund eine Viertelstunde Flug, Bettermanns Lebensgefährtin Dagmar Ballweber fühlt sich wohl an Bord des Klimaschänders. „Es ist schon ein Unterschied, weil es erstens ruhiger zum Teil ist, zweitens man sitzt hier viel gemütlicher drin“, so die Charity-Event-Betreuerin gegenüber einem Journalisten der Deutschen Welle. „Und es macht auch viel mehr Spaß, so zu fliegen.“

Rindvieh oder Cesna, wer ist der schlimmere Klimasünder?

Wie wenig Spass das für das Klima bedeutet, will Bettermann, so scheint es, nicht wahrhaben. Stattdessen macht er zum CO2-Ausstoß seiner Jets eine ganz eigene Rechnung auf. „Ich denke mal, wenn man das mal auf den Lebenszyklus von so einem Flugzeug ausrichtet, dann ist das so minimal, dann ist das manchmal in der Größenordnung von einer Kuh“, erläuterte er gegenüber der Deutschen Welle. „Es wird alles verbrannt. Ich kenne jetzt die wissenschaftlichen Werte nicht, aber sie sind sehr sehr gering.“

Methan-Rülpser Kuh gegen CO2-Schleuder Düsenjet: Gleichsetzung entpuppt sich als plumpes Ablenkungsmanöver (Foto: John Ionnadis / pixabay)

Greenspotting hat nachgerechnet*, was Bettermanns „sehr sehr gering“ und sein Vergleich mit einer Kuh für das Klima bedeuten – und kommt zu entwaffnenden Ergebnissen. Um im gleichen Maß dem Klima zu schaden, wie eine Cesna Citation 3+ dies in einer einzigen Stunde tut, die mit Bettermanns D-Cobo vergleichbar ist, müsste eine Kuh sage und schreibe 154 bis 269 Tage lang rülpsen. Oder anders gerechnet: Eine Cesna Citation 3+ in der Luft malträtiert schon in 13 bis 24 Sekunden das Klima in einem Maße, wie eine Kuh dies in 24 Stunden tut. Das ist 3 600- bis 6 646- mal so heftig – und das nennt Bettermann „sehr sehr gering“.

Wenig, um groß Staat zu machen

Dass der selbstgerechte Sauerländer sich gegen jede wirtschaftliche und ökologische Vernunft mit einem eigenen Flughafen und drei Jets zuzüglich Piloten schmückt, erklärt sich vermutlich aus seinen persönlichen Eigenheiten. Was gibt es nicht für berühmte Mittelständler in Deutschland, vom Motorsägen-Hersteller und Ehrenvorsitzenden des Deutschen Industrie-und Handelskammertages Hans Peter Stihl über die 2018 verstorbene baden-württembergische Lasermaschinen-Ikone Berthold Leibinger bis zu Wolfgang Grupp, dem Eigentümer des schwäbischen T-Shirt-Herstellers Trigema und Pop-Star unter den deutschen Familienunternehmern.

Doch anders als diese verfügt der behäbige Sauerländer weder über die Produkte noch über die Bedeutung, weder über die Bildung noch über das Charisma, um damit Staat zu machen. Wer interessiert sich schon für seine Elektroinstallationskanäle, Unterfluranwendungen im Estrich, CEE-Steckvorrichtungen oder seine Modul 45-Steckdosen?

Von Genscher über Kissinger bis Gorbatschow

Um dieses Manko auszugleichen, umgibt sich der gelernte Bankkaufmann, der nach eigenen Angaben mit Mühe die mittlere Reife geschafft und nie studiert hat, mit Glamour und Prominenz. Er mischt beim jährlichen Weltwirtschaftsgipfel im Schweizerischen Davos im Hinter- und Vordergrund mit. Als der russische Oligarch und Kremlkritiker Chodorkowksi 2013 sein Heimatland verlassen will, stellt Bettermann ihm eine seiner Maschinen zur Verfügung. Zehn Jahre zuvor bestellt er den früheren US-Außenminister Henry Kissinger, dessen damaligen deutschen Amtskollgen Dietrich Genscher und den ehemaligen russischen Staatschef Michail Gorbatschow für umgerechnet 270 000 Euro zu sich nach Menden ein, unter anderem um eine neue Palettenwechselanlage in deren Beisein in Betrieb zu nehmen. Gästen zeigt er gern Fotos zusammen mit allen möglichen Politgrößen, von den Kanzlern Helmut Kohl (CDU) und Gerhard Schröder (SPD) bis zum früherer bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauss (CSU). Manchmal verliert er regelrecht die Facon, wenn er mit so wichtigen Männern eins wird: „Als ich mit Genscher, Kissinger und Gorbatschow in Halle zusammensitzen durfte, liefen mir links und rechts die Tränen herunter.“

Einen auf dicke Hose

Fliegerkollen aus seiner Region sehen den Flughafen und die Düsenflugzeuge, die Bettermann sich zugelegt hat, deshalb als weiteren Versuch, sich mit einer Aura zu umgeben, die ihm Zugang zu den Celebritys und zum internationalen Jetset verschafft. „Es gibt keinen rationalen Grund, solche Flugzeuge zu fliegen, außer was fürs eigene Ego zu tun“, sagt ein Hobbyflieger aus der Region, der Bettermanns Treiben seit Jahren verfolgt – „und natürlich, um einen auf dicke Hose zu machen.“

Eigentlich wäre daran nichts Schlimmes – würden nicht die Steuerzahler und das Klima darunter leiden.

Von Reinhold Böhmer

*Geht man davon aus, dass eine Kuh je nach Größe und Rasse pro Tag zwischen 400 und 700 Liter Methan ausrülpst, dann sind das 292 Gramm bis 511 Gramm Methan, die dadurch in die Luft gelangen. Allerdings erwärmt Methan die Erdatmospähre 21-mal so stark wie Kohlendioxid. Also entsprechen die Methan-Aussonderungen einer Kuh 6 132 bis 10 731 Gramm CO2 pro Tag. Demgegenüber entstehen bei der Verbrennung von Kerosin pro Kilogramm rund 3 150 Gramm klimaschädliches CO2. Bezogen auf einen Liter Kerosin sind das 2 520 Gramm. Eine Cesna Citation 3+, die mit Bettermanns D-COBO vergleichbar ist, verbraucht pro Stunde in der Luft im Schnitt rund 655 Liter Kerosin, das sind 524 Kilogramm. Dadurch gelangen in einer einzigen Flugstunde 1,65 Millionen Gramm CO2 in die Atmosphäre. Das heißt, dazu müsste eine Kuh 154 bis 269 Tage lang rülpsen, um im gleichen Umfang zu Erderwärmung beizutragen.