Solarstrom
Solarstrom: Städte verschenken großes Potential

Die Dächer von Neubauten sind ideale Orte, um darauf Photovoltaik-Anlagen zu installieren. Doch in vielen deutschen Städten wird der Platz nur wenig für die Erzeugung von Solarstrom genutzt. Defizite auch bei der Gebäudesanierung.

Photovoltaik-Anlage
Dachkraftwerk Kommt die Solarpflicht für Neubauten? Foto: Pixabay

Fraunhofer-Forscher haben es jüngst genau ausgerechnet: Will Deutschland seinen Energiebedarf zu 100 Prozent mit Erneuerbaren decken, um klimaneutral zu werden, müsste die heutige Photovoltaik (PV)-Leistung um das Sechs- bis Achtfache ausgebaut werden. Eine gewaltige Aufgabe.

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Spitzenreiter Essen, Schlusslicht Hamburg

Bisher sieht es nicht danach aus, als würde die Solaroffensive so beherzt angegangen wie notwendig. Im Gegenteil: Selbst einfach umzusetzende Chancen wie die möglichst flächige Bestückung von Neubauten mit grünen Dachkraftwerken bleiben unausgeschöpft. Gerade in Städten, wo die meisten Stromkunden sitzen. Das zeigt eine Studie im Auftrag des Hamburger Ökostromanbieters Lichtblick.

Dabei gehen Kommunen und Bauträger die Herausforderung sehr unterschiedlich erfolgreich an. Beim Spitzenreiter Essen ständerten Handwerker 2019 auf fast zwei Drittel der neu verfügbaren Dachfläche PV-Module auf. Schlusslicht Hamburg bringt es gerade einmal auf gut zehn Prozent (siehe Grafik unten).

Von wegen Power Strom vom Dach fließt weit weniger als möglich Quelle: Lichtblick

Im Durchschnitt der 14 untersuchten Metropolen lag der Solarfaktor – das Verhältnis neu errichteter Solaranlagen zu neu gebauten Dachflächen – 2019 bei 29 Prozent: ein Anstieg um drei Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Solarpflicht für Neubauten

Der Koordinator für Klima- und Energiepolitik bei Lichtblick, Ralf Schmidt-Pleschka, kommentiert das lahme Ausbautempo kritisch: „Die Solarförderung greift in den Metropolen bei weitem nicht so, wie es erforderlich wäre, um die neuen Klimaziele zu erreichen. Dabei könnte Klimaschutz gerade dort bezahlbar und verbrauchernah realisiert werden.“ Um endlich Schwung in die Sache zu bringen, schiebt er eine klare Forderung hinterher: Die nächste Bundesregierung sollte eine bundesweite Solarpflicht für Neubauten einführen.“

Welches Potential verschenkt wird, verdeutlicht ein einfaches Rechenexempel: Hätte etwa Berlin seine neuen Dachflächen 2019 komplett mit PV-Panelen ausgerüstet, hätte deren Erzeugung der Studie zufolge 19 311 Haushalte komplett mit Elektrizität versorgen können. Die realisierten Solardächer lieferten dagegen Strom für nur 2 880 Haushalte. In den anderen Städten sieht das Verhältnis ähnlich ungünstig aus (siehe Grafik unten).

Pioniere und Schlafmützen Wie gut Metropolen ihr Solarpotential ausschöpfen Quelle: Lichtblick

Solar ist das eine. Solange aber noch fossile Kraftwerke Strom liefern, hilft genauso jede eingesparte Kilowattstunde (kWh) im Kampf gegen die Erderwärmung. Einen gewichtigen Beitrag dazu leisten sollen nach dem Willen der Bundesregierung die Gebäude über eine verbesserte Energieeffizienz. Doch der Sektor hat als einziger 2020 das Jahresziel für die erlaubte Emissionsmenge überschritten – um zwei Millionen Tonnen Treibhausgase.

Rote Karte für den Bundeswirtschaftsminister

Das neue Bundesklimaschutzgesetz schreibt für diesen Fall vor, dass die zuständigen Ministerien ein Sofortprogramm erarbeiten müssen, um das Defizit zu beheben. Bundesbau- und Bundeswirtschaftsministerium haben es jetzt vorgelegt – und sehen dafür die rote Karte.

Der Expertenrat für Klimafragen der Bundesregierung hält die zusätzlich vorgesehenen Fördermittel in Höhe von 5,8 Milliarden Euro für unzureichend. Sein Vorsitzender Hans-Martin Henning formuliert es verklausuliert so: „Aus der Prüfung kann man den Schluss ziehen, dass darüber hinaus gehende Anstrengungen nötig werden.“

Die meisten Gebäude sind Energieschleudern

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) nimmt hingegen kein Blatt vor den Mund und tituliert das Programm als „Armutszeugnis“. Provokant fragt Barbara Metz, stellvertretende Bundesgeschäftsführerin der DUH: „Wie viele Prognosen braucht diese Bundesregierung noch, um festzustellen, dass sie zu wenig für den Klimaschutz tut? Der Gebäudesektor liegt klimapolitisch brach.“

Die Organisation belässt es aber nicht bei Kritik. Sie hat der Regierung als Blaupause ein konkretes Aktionsprogramm für klimaneutrales Wohnen vorgeschlagen, um endlich mehr Gebäude klimafit zu machen. Noch immer sind fast die Hälfte wahre Energieschleudern und stecken in der schlechtesten Effizienzklasse (siehe Grafik unten)

Alte Heizung, kaum isoliert Nicht einmal zehn Prozent der Gebäude erfüllen die Klimakriterien Quelle: DUH

Zu den wichtigsten Maßnahmen gehören aus Sicht der DUH ein sofortiges Verbot neuer Ölheizungen. Gasgeräte sollten von 2025 an tabu sein. Die Fördermittel müssten zudem erhöht und zielgenauer eingesetzt werden. Statt jedes Haus separat mit Heizungen auszurüsten, sollten sie besser an grüne Wärmenetze angeschlossen werden.

Unstrittig ist unter Experten, dass die energetische Aufrüstung der CO2-Bilanz zugute kommt. Weniger einig sind sie sich in der Frage, ob sich die Investitionen auch für die Hauseigentümer und Mieter auszahlen, etwa weil sie weniger Energie einkaufen müssen. Der Immobilien-Ökonom Harald Simons äußert sich im Greenspotting-Interview skeptisch über die Renditechancen. „Es gibt nur einen Verlust.“

Mehr: Zeit Lichtblick

Von Dieter Dürand