Plasmalyse statt Elektrolyse
Wasserstoff aus der Kläranlage kostet weniger als die Hälfte

Ein findiger Unternehmer aus Berlin hat ein Verfahren entwickelt, dass Schmutzwasser in Stickstoff und Wasserstoff aufspaltet. Die Technik schlägt gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Abwässer werden gereinigt, Energieträger werden erzeugt.

Anlage für Schmutzwasser-Plasmalyse Aus Gülle wird Gold (Foto: Graforce)

Der Berliner Mathematiker Jens Hanke hat dafür mit seinem 30-Personen-Startup Graforce den sogenannten Plasmalyser weiterentwickelt. Die Anlage erzeugt ein hochfrequentes Spannungsfeld über Schmutzwasser und spaltet damit die im Wasser enthaltenen Kohlenstoff- und Stickstoffverbindungen. Diese sind in den Abwasserbestandteilen als Harnstoff, Aminosäuren, Nitrate und Ammonium enthalten. Schmutzwässer aus Klärwerken, Biogas- oder Industrieanlagen enthalten einen hohen Anteil solcher wertvollen Stickstoff- und Kohlenstoffverbindungen.

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Das Ergebnis der Aufspaltung sind einzelne Kohlen-, Stick-, Wasser- und Sauerstoff- Atome. Sie gruppieren sich anschließend neu und liegen dann als Wasserstoff, Methan oder Stickstoff vor. Als Nebenprodukt bleibt weitgehend gereinigtes Wasser zurück. Mit Hilfe einer von Graforce entwickelten Membran-Technologie werden die Gase separiert und in Behältern zur weiteren Verwendung aufgefangen.

Laut Tagesspiegel erregen die Entwicklungen von Graforce bei potentiellen Kunden wie Stadtwerken starkes Interesse. „Wir müssen nicht mehr acquirieren“, verrät Hanke dem Berliner Blatt, „die Telefone stehen nicht mehr still.“ Nach Einschätzung Hankes ist das Verfahren einzigartig. Der Berliner gründete Graforce im Jahr 2012. Jetzt profitiert das im Technologiepark Adlershof ansässige Unternehmen vom aktuellen Wasserstoffhype. Hanke rechnet vor, dass seine Anlage mit grünem Strom aus Wind- oder Solaranlagen, bei einem Preis von 18 Cent pro Kilowattstunde, das Kilogramm Wasserstoff für 3,80 Euro liefern kann. Bei der herkömmlichen Elektrolyse betrage der Preis neun Euro.

Kohlenstoff geht in den Straßenbau

Finanzgeber ist die Familie Wendeln, zu deren Markenportfolio einst GoldenToast oder Lieken Urkorn gehörten. Hanke und seine Mannschaft können daher in Ruhe ihre Produkte entwickeln. Sie stehen nicht wie viele andere Startups unter dem Druck kurzfristig denkender Investoren aus der Venture-Kapital-Szene. Zurzeit startet eine Großversuchsanlage bei den Klärwerken der Berliner Wasserbetriebe. In Waßmannsdorf, zwischen Adlershof und dem neuen Flughafen gelegen, verarbeitet eine Anlage pro Stunde 3 000 Liter Schmutzwasser. Die Wasserbetriebe wollen ihren Fuhrpark von rund tausend Fahrzeugen teils auf Wasserstoffbetrieb nach und nach umstellen und sich soweit wie möglich selbst versorgen.

Doch das ist für Hanke nur der Anfang. Er will die Plamalyse in großen Maßstab auch für die Dekarbonisierung von Erdgas einsetzen. Auch für Verwendung des dabei anfallenden Kohlenstoffs hat er Ideen. Statt in Kavernen oder unterseeischen Speichern zu landen, soll der Kohlenstoff bei der Asphaltproduktion Dienste leisten.

Mehr: Der Tagesspiegel