Italien
Invasion der Wildschweine in der heiligen Stadt

Rom leidet, wie die umliegende Region Latium, unter einer massiven Wildschweinplage. Die Bürgermeisterin der italienischen Hauptstadt, Virginia Raggi, hat nun, wegen der Untätigkeit der Regionalregierung, Anzeige vor Gericht erstattet.

Wildschweine Landesweit über 10 000 Zusammenstöße mit Autos (Miginfo/Pixelio.de)

Die Bürgermeisterin, politisch beheimatet in der Protestbewegung Movimento 5 Stelle (Bewegung 5 Sterne), macht den Chef der Regierung von Latium, von der Links-Mitte-Partei Partito Democratico, für die Wildschweinplage verantwortlich. Die Plage ist nichts Neues in Italien. Raggi hatte bereits im vergangenen Oktober eine Untersuchung angeordnet. Damals musste eine Wildschweinfamilie auf einem Kinderspielplatz in der Nähe des Vatikans von Polizisten erlegt werden. Tierschützer nahmen den Zwischenfall zum Anlass für Proteste.

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Die Wildschweine finden dank unregelmäßiger Müllabfuhr und weggeworfener Lebensmitteln sowohl auf dem Land wie in den Großstädten Italiens ideale Lebensbedingungen. Jeder vierte erwachsene Italiener war bereits mit Wildscheinen konfrontiert. Im Juli gab es eine Protestversammlung von Bauern und Schafzüchtern vor dem Parlament unter dem Motto „Stadt und Land vereint gegen Wildschweine.“

Die Sauen reißen auf dem Land Zäune nieder. Sie wühlen die Felder um und verursachen in der Landwirtschaft jährlich Schäden von 200 Millionen Euro. „Die Mehrheit der Italiener betrachtet die übermäßige Präsenz als einen nationalen Notfall, der die Sicherheit der Menschen sowie die Wirtschaft und die Arbeit beeinträchtigt“, sagte der Chef des Landwirtschaftsverbandes Coldiretti, Ettore Prandini. Es sei unbedingt notwendig, in gezielten „Interventionen Region für Region“, die „Bedrohung durch Wildtiere zu reduzieren“.

Wildschweine greifen Frau auf Parkplatz an

Die Diskussion um die Borstentiere hat seit der Veröffentlichung eines Videos weiteren Auftrieb bekommen. Der Film zeigt, wie eine Frau beim Verlasen eines Supermarktes in der Nähe von Rom von einer Rotte von sechs Sauen bedrängt wird. Die Schweine verfolgen und bedrängen die Frau auf dem belebten Parkplatz und nötigen sie, die frisch eingekauften Lebensmittel fallen zu lassen. Die Beute wird von den vier ausgewachsenen Sauen und den beiden Frischlingen sofort verschlungen. Im Hintergrund hört man die Kommentare der zahlreichen Anwesenden.

Wildschweine in Lazio Mundraub auf Supermarkt-Parkplatz (Carl Sonnthal)

Die coronabedingten Ausgangssperren haben die Tiere noch stärker als zuvor in die Städte gelockt. Doch ist die Plage vor allem eine Folge jahrelanger Versäumnisse. Hobby-Jäger, in Italien in der Regel ohne oder mit mangelhafter Ausbildung, haben die Wildschweinflut geschaffen, indem sie in Neunzigerjahren zusätzlich eine ungarische Wildschweinart in Italien ansiedelten. Die Tiere sind größer und fertiler als die heimische Variante. Schlimmer noch: Die Dumm-Jäger schießen die Leitweibchen ab, so dass die Rotten sich auflösen und die rangniedrigen Weibchen brünstig werden. Die werfen mehrmals im gleichen Jahr.

Die Intensivierung der Jagd durch die Hobby-Jäger hat keinen Rückgang der Population bewirkt. Im Gegenteil: Die Vermehrung wird durch das naive Jagdmanagement noch angeregt. In Italien streunen heute 2,3 Millionen Wildschweine herum. Im Jahr 2010 waren es nur 500 000. Sauenjagd ist besonders auf dem Land zu einem populären Vergnügen geworden. Tröstlich: Wildschweingerichte gehören zu den Köstlichkeiten der umbrischen und toskanischen Regionalküche.

Mehr: The Guardian