„Unser Ziel ist es, mehr als 100 000 Rohstoffe zu listen“

Die Gründerin des Düsseldorfer Start-ups Leroma über ihre Pläne, die Verschwendung von Rohstoffen zu bekämpfen und daraus zugleich ein Geschäft für alle Beteiligten zu machen.

Marina Billinger, 37, kam im Alter von neun Jahren als Tochter wolgadeutscher Eltern aus Kirgistan nach Deutschland, wo sie nach dem Abitur Internationales Management und Internationales Handelsrecht in Essen studierte. Die Mutter zweier Kinder gründete im vergangenen Jahr die Restrohstoff-Börse Leroma in Düsseldorf, die gegen Verschwendung vorgehen will, indem sie Unternehmen mit überschüssigen Rohstoffen wie Lebensmitteln und deren Zutaten mit Produzenten gegen Zahlung einer Provision zusammenbringt. Das Unternehmerische hat sie offenbar von ihrem Vater, der in seiner Heimat als Lkw-Fahrer garbeitet und sich danach in Deutschland als Bauunternehmer selbstständig gemacht hatte (Foto: Leroma)

Frau Billinger, weshalb haben Walnüsse es Ihnen so angetan?

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(lacht) Ja, komisch, ich weiß nicht genau, worauf Sie anspielen, aber es stimmt. Vor ein paar Jahren bin ich in der der Nähe von Wittlich in Rheinland-Pfalz Mitbesitzerin einer Walnussplantage mit 800 Bäumen geworden, die wir vor dem Verkümmern gerettet haben. Walnüsse sind lecker und gesund, und auch ihre Schalen kann man vielseitig verwenden…

… genau darauf spielen wir an. Denn auf ihrer Website loben Sie Walnusschalen in höchsten Tönen. Wieso?

Weil sie für unheimlich viele Roh- und Reststoffe stehen, die man nutzen kann, statt sie wegzuwerfen, und mit denen man ein Geschäft machen kann. In China wurden im vergangenen Jahr mehr als eine Millionen Tonnen Walnüsse geerntet, in den USA gut 700 000 Tonnen und in Europa knapp 127.000 Tonnen. Da fallen ganz schön viele Schalen an.

Wozu sollen die gut sein?

Walnussschalen enthalten Farb- und Gerbstoffe, die in der Textil-, Holz- und Möbel- sowie in der Kosmetikindustrie etwa zur Herstellung von Haarfärbemittel verwendet werden. Sie stehen für die riesigen Möglichkeiten, die ungeheuren Mengen an vermeintlichen Abfällen in der Lebensmittelindustrie einschließlich übriger Materialien aufzugreifen und sie anderen Unternehmen zugänglich zu machen. Dazu bauen wir ein globales Vermittlungsportal mit einer riesigen Datenbank auf.

Wie wollen Sie es schaffen, dass es dafür einen Markt gibt?

Wenn man sich die Ressourcenproblematik weltweit anschaut, kommt man zu dem Ergebnis: Auf der einen Seite werden so viele Ressourcen verschwendet und weggeworfen. Auf der anderen Seite gibt es die Erfordernis, Ressourcen zu sparen, um unseren Planeten und das Klima zu schonen. Bei meiner Arbeit bin auf unglaublich viele Stoffe gestoßen, die man verwenden kann, statt sie wegzuwerfen. Dazu muss man  diejenigen, die über Reststoffe verfügen, zu Anbietern und die Produzenten, die Rohstoffe brauchen, zu Kunden von Reststoffen machen. Das gibt es noch viel zu wenig. Deshalb haben wir uns Leroma genannt, für Lebensmittel Rohstoffe Markt, und deshalb versuchen wir das.

Wie muss man sich das vorstellen?

Schauen Sie sich Trinkbecher aus Pappe an: Das Holz wird in Skandinavien geschlagen, nach China gebracht, dort zu Pappe verarbeitet, diese mit einer Chemikalie überzogen, damit das Ganze wasserabweisend ist, dann nach Europa transportiert, dort fünf Minuten lang für einen Coffee to go benutzt und dann weggeworfen. Das macht mich nicht nur wahnsinnig. Das geht auch anders. Man könnte Ersatzrohstoffe von hier verwenden, indem man aus Abfällen zum Beispiel bei der Rapsölerzeugung, der Spargelernte oder Apfelentkernung Fasern oder ein Granulat gewinnt und daraus Becher herstellt. Alles in Granulat- oder Faserform kann Plastik ersetzen. Die Technologien dafür sind da, wir wollen den Markt schaffen.

Wie viele solcher Stoffe oder Reststoffe haben Sie zur Zeit in Ihrer Datenbank?

Über 8000. Wir planen aber, alle handelsüblichen Rohstoffe der Lebensmittelindustrie auf unsere Plattform zu heben. Dazu kommen Reststoffe, die momentan als Abfallstoffe deklariert werden. Für sie wollen wir eine Industriegütergruppe schaffen. Unser Ziel ist es, mehr als 100 000 Rohstoffe zu listen. Schaffen wollen wir das in sieben Jahren. Mit jedem Kunden wächst unsere Datenbank und die Hersteller teilen uns mit, was sie suchen oder haben möchten.

Wie wird Ihr Angebot angenommen?

Wir haben momentan deutlich über 400 Nutzer, davon sind rund 300 Anbieter und etwa 150, die Rohstoffe suchen. Bei Reststoffen, die Anbieter übrig hatten, haben wir bisher über 200 Tonnen vermitteln können. Das Interesse von Unternehmen ist groß, etwa wenn sie zu viel bestellt haben oder ein Kunde abgesprungen ist, gerade im Lebensmittelbrereich. Denn irgendwann läuft das Mindesthaltbarkeitsdatum ab und die Rohstoffe sind wertlos. Unternehmen inserieren den Reststoff  auf unserer Plattform und setzen darauf, einen Abnehmer zu finden.

Wie groß schätzen Sie das Geschäftspotenzial von Leroma ein?

Die 200 Tonnen, die wir bisher vor dem Wegwerfen gerettet haben, ist nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein, wenn man sich die 1,6 Milliarden Tonnen Lebensmittel vor Augen hält, die weltweit jedes Jahr verschwendet werden. Ich habe auch die großen Berge an überschüssigen Rohmaterialen in den Unternehmen gesehen, die wertlos zu werden drohen. Da sehe ich große Wachstumsmöglichkeiten für Leroma.

Wie finanzieren Sie sich?

Wir sind komplett selbst finanziert, also ohne Bankkredite. Dazu haben wir Fördergelder vom Land Nordhrein-Westfalen und von der EU erhalten. Wir hoffen, mit Leroma einen neuen Meilenstein im E-Commerce setzen und ein großes Tech-Unternehmen aufbauen zu können. Unsere Einnahmen stammen aus Provisionen, wenn Deals zustande kommen, und von den Gebühren für die Präsenz auf unserem Portal.

Haben Sie schon prominente Kunden? Nestlé stellt bekanntlich viel löslichen Kaffee her, dabei fällt sehr viel Kaffeesatz an.

Also Nestlé ist noch kein Kunde. Wir haben aber schon ein paar große Kunden, die unsere Plattform entweder für die Rohstoffsuche oder als Überschussbörse nutzen. Wir dürfen diese Kunden aus Datenschutzgründen leider nicht nennen, es handelt sich jedoch durchaus um große Lebensmittelhersteller mit einer Milliarde Euro Umsatz.

Was kann Leroma, das herkömmliche E-Commerce-Portale nicht können?

Die meisten Portale im Geschäft zwischen Unternehmen sind so eine Art Gelbe Seiten, auf denen man die Namen und Kontaktdaten von Unternehmen findet. Wir hingegen zeigen die einzelnen angebotenen Rohstoffe, und man kann diese filtern. Ein Ananas-Aroma ist zum Beispiel unempfindlich gegen Kälte und Hitze und muss natürlichen Ursprungs sein. Solche und andere Eigenschaften von Rohstoffen kann man bei uns herausfiltern. Das verkürzt die Suchzeit extrem, da Interessenten nicht die Websites mehrerer Anbieter und dort die genauen Spezifizierungen durchsuchen müssen. Ich sage mal, bei uns soll der Einkäufer eines Unternehmens nicht Monate benötigen, um den gewünschten Stoff zu finden, sondern dank verschiedener produktspezifischer Filter zwei Minuten.

Erstellen Sie die Datenbank selber oder lassen Sie das andere machen?

Die Datenbank ist unser Alleinstellungsmerkmal, deshalb bauen wir sie selber auf. Zugleich arbeiten wir an einem Tool,  mit dem wir das Rohstoffportfolio jedes Kunden automatisch analysieren können. Dadurch wollen wir zum Beispiel 50 Rohstoffe automatisch in die passenden Rubriken unserer Datenbank stellen. Das soll unser Geschäft skalierbar machen, also auf jede Kundenzahl ausweitbar.

Das klingt nach mehr Mitarbeitern und hohen Investitionen. Wie wollen Sie das bezahlen?

Wir haben vier fest angestellte und acht freie Mitarbeiter. Wir binden einen Teil unserer Mitarbeiter an uns durch Anteile an Leroma. Unser langfristiges Ziel ist es, circa zehn Prozent von Leroma für die talentiertesten Mitarbeiter zu reservieren, damit sie das Unternehmen hochbringen. Aktuell sind wir aktiv auf der Suche nach Partnern, die uns unterstützen.

Was sollen das für Partner sein?

Wir können uns alle Arten von Partnerschaften vorstellen, von Business Angels, die uns beim Geschäftsaufbau unterstützen, über Venture Capitalists,  die uns Risikokapital geben, bis zu kleinen oder großen Unternehmen. Wir sind für alle Investoren offen.

Das Interview führte Reinhold Böhmer