Bundestagswahl
„Die Wähler honorieren Ehrlichkeit und wollen, dass die Politik einen klaren Fahrplan vorgibt“

Der Chef des Wuppertal-Instituts, Manfred Fischedick, kritisiert im exklusiven Greenspotting-Interview zur Bundestagswahl fehlende Klarheit in den Plänen der Parteien zur Klimarettung. Er nennt die unerlässlichen Schritte zumTotalumbau der Wirtschaft und fordert, sofort damit zu beginnen. Sonst sei es zu spät.

Manfred Fischedick, 57, ist seit Anfang 2020 wissenschaftlicher Geschäftsführer des renommierten Wuppertal Instituts. Im Mai schlugen der promovierte Ingenieur der Verfahrens- und Energietechnik und weitere Experten des Thinktanks der künftigen Bundesregierung ein detailliert ausgearbeitetes 100-Tage-Sofort-Programm zur Klimarettung vor. Es umfasst entschiedene Maßnahmen in den Bereichen Verkehr, Ressourcen, Energie, Städte, Ernährung, Konsum und Industrie. Der in Heiden gebürtige Westfale ist ein Leitautor des Weltklimarats und lehrt an der Schumpeter School of Business and Economics der Bergischen Universität Wuppertal unter anderem über die dynamische Entwicklung von Märkten. Foto: Wuppertal Institut
Herr Fischedick, wir stecken im Endspurt zur Bundestagswahl. Welche Partei überzeugt Sie mit ihren Vorschlägen zum Stopp der bedrohlichen Erderwärmung?

Anders als noch bei der vergangenen Bundestagswahl haben alle etablierten Parteien mit Ausnahme der AfD das Thema dieses Mal zumindest auf der Agenda. Das ist schon einmal ein Fortschritt. Doch dann kommt das große Aber.

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Das da lautet?

Vielen Parteien fehlt der Mut zur Klarheit. Es gibt zu viele Allgemeinplätze und zu wenig konkrete Vorgaben wie zum Beispiel quantifizierte Ausbauziele für die Erneuerbaren. Zielkonflikte, etwa beim Ausbau der Windenergie, werden kaum ausgesprochen, geschweige denn Lösungen dafür angeboten. Genehmigungsverfahren sollen richtigerweise beschleunigt werden, wie das genau, das heißt ganz praktisch gehen soll, bleibt aber vielfach im Dunkeln. Vor allem aber: Die Wahlprogramme sind relativ einseitig auf einige wenige Klimaschutzthemen fokussiert – die notwendige Breite fehlt.

Wo sehen Sie die Nullstellen?

Die reichen von der Erschließung der Energieeffizienzpotentiale, einer wirklichen Mobilitätswende durch eine nicht-fossile Verkehrsinfrastruktur bis hin zu einer weniger klimaschädlichen Ernährung und dem Schließen von Stoffkreisläufen im Rahmen einer Circular Economy. Die Vielschichtigkeit der Herausforderungen kommt in den meisten Programme schlicht zu kurz und suggeriert zum Teil, dass es „das eine Königsinstrument“ für den Klimaschutz gäbe.

Nähren die Parteien mit wohlklingenden Formeln wie der vom klimaneutralen Wohlstand die Illusion, niemand müsse sich allzu sehr von liebgewonnenen Gewohnheiten im Kampf um das 1,5-Grad-Ziel verabschieden?

Jedem muss klar sein: Soll Deutschland im Jahr 2045 – oder besser noch früher – wirklich klimaneutral wirtschaften, ist das mit nichts weniger als dem Komplettumbau wesentlicher wirtschaftlicher Strukturen verbunden. Die damit verbundenen strukturellen Veränderungen müssen pro-aktiv gestaltet werden, sie zu verschweigen, halte ich für gefährlich. Zudem wird die Energieversorgung der Zukunft für uns alle sichtbarer werden: Allein die Verdopplung der installierten Leistung von Wind- und Sonnenkraft verlangt uns einiges ab. Dafür müssen deutlich mehr Flächen ausgewiesen werden, das wird unweigerlich Konflikte herauf beschwören, die man lösen muss. Und es muss schnell gehen. Die Programme täuschen eine Leichtigkeit vor, die mit der Realität wenig zu tun hat.

Steht im Vordergrund, nur ja keinen Wähler zu verschrecken?

Es klafft eine große Diskrepanz zwischen der Formulierung von Zielen und überzeugenden Konzepten für die Umsetzung. Die Flutkatastrophe war ein Menetekel für die Zuspitzung des Klimawandels, sie schafft noch einmal eine ganz besondere Sensibilisierung für die Notwendigkeit des Handelns. Wenn die neue Regierung nicht gleich zu Beginn der Legislaturperiode in die Puschen kommt, ist das Momentum verpasst.

Wir haben schlicht und ergreifend keine Zeit mehr?

Genau! Dieses Jahrzehnt ist das entscheidende. Und eine Wasserstoff-Infrastruktur zum Beispiel, die für den Klimaschutz im Bereich der energieintensiven Industrie unerlässlich ist, baut man nicht mal eben über Nacht auf. Ebenso wenig ändern die Menschen ihr Konsumverhalten so mir nichts dir nichts. Wir müssen Routinen mit Mut und Überzeugungskraft aufbrechen, nur so entsteht die notwendige Veränderungsdynamik. Es braucht intelligente Aktivierungsformate um die Menschen zum Mitmachen und Mitgestalten zu motivieren.

Zu viel Veränderung auf einmal weckt schnell ein Gefühl der Überforderung.

Das Werben für den notwendigen Bewusstseinswandel kommt in den Programmen ebenfalls zu kurz. Dabei bin ich sicher: Die Wähler würden eine größere Ehrlichkeit durchaus honorieren. Eine Mehrheit ist ja bereit, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Aber sie will, dass die Politik einen klaren Fahrplan vorgibt, statt wie in der Vergangenheit sich vor klaren Aussagen zu drücken. Voraussetzung ist allerdings, dass das Gefühl da ist, dass die Anforderungen sozial gerecht verteilt sind.

Sie schelten die Politik. Aber ist der Veränderungswille der Bürger tatsächlich so groß, wie Sie unterstellen?

Es funktioniert, wenn die Politik sich mehr Mühe machte, die Themen mal etwas breiter zu erklären und die vielen Win-Win-Konstellationen offensiver darzustellen.

Heißt konkret?

Eine Umstellung auf biologisch erzeugte Produkte zum Beispiel und weniger Fleischkonsum hülfen nicht nur dem Klima, sondern auch den Landwirten, der Volksgesundheit und dem Tierwohl. Wenn das auf eine Weise gelänge, dass jeder Bürger sich die gesunde Kost leisten kann, wüsste ich nicht, wer etwas dagegen haben sollte.

Und das geht?

Auf jeden Fall. Wir reden am Wuppertal-Institut ja nicht nur, sondern zeigen realisier- und finanzierbare Innovationspfade auf und testen sie unter realen Bedingungen. Beim Verkehr beispielsweise geht es ja nicht darum, auf Mobilität zu verzichten, sondern attraktive Alternativen anzubieten, auf die die Leute Lust und Laune haben: gut ausgebaute Fuß- und Radwege und ein eng getaktetes öffentliches Verkehrsnetz zum Beispiel. Dafür muss die Welt nicht neu erfunden werden. Mailand, Kopenhagen und auch zahlreiche US-Städte machen vor, dass ein solches Angebot in kurzer Zeit und zu überschaubaren Kosten auf die Beine gestellt werden kann. Mit solchen Erfolgstories erreichen wir weit mehr als mit Verboten. Klimaschutz heißt entsprechend nicht Verzicht auf Mobilität, sondern eine intelligente Gestaltung.

Gehört zu diesen Stories auch das Versprechen, wir könnten uns mehr von allem leisten, wenn es nur klimaneutral hergestellt wird?

Wir messen Wohlstand noch immer viel zu eindimensional an ökonomischen Kennziffern wie dem Bruttoinlandsprodukt und der Höhe des Einkommens. Der Versuch, zum Beispiel einen Glück- und Zufriedenheitsindex einzubeziehen, hat sich bisher leider nicht etabliert. Wir müssen uns aber klarmachen, dass wir beim Wachstum an Grenzen stoßen, nicht nur in Sachen Klimawandel, sondern auch durch den ungebremsten Ressourcenkonsum.

Wo zum Beispiel?

Jeder Bundesbürger beansprucht heute etwa zweieinhalb Mal so viel Wohnfläche für sich wie in den 1950iger Jahren. Das lässt sich nicht endlos weiter steigern, es sei denn, wir versiegeln in den Metropolregionen noch die letzten freien Naturflächen auf Kosten der Umwelt und vor allem auch der Lebensqualität. Mehr Quadratmeter Wohnfläche heißt unweigerlich mehr Ressourcen- und  erhöhter Energiebedarf. Zudem gibt es heute keine ganz einfachen Lösungen: so ist es zum Beispiel nicht damit getan, den Verbrennungsmotor gegen einen Elektroantrieb zu tauschen, und alles ist gut.

Aber diese Vorstellung wird gerade nach Kräften propagiert.

Man muss aber mit bedenken: Jedes neue Auto, auch das mit Stecker, verbraucht in der Herstellung sehr viele Rohstoffe und Energie. Wächst der Autobestand, erhöht das den Natur- und Flächenverbrauch. Daher ergibt es wenig Sinn, einen Benziner-Mittelklassewagen gegen einen Elektro-SUV zu tauschen und zu glauben, die dringend notwendige Mobilitätswende wäre geschafft.

Welches ist der beste Weg, Natur und Rohstoffe zu schonen?

Der Aufbau einer effizienten Kreislaufwirtschaft, in der wir alle einmal gewonnenen Ressourcen so oft wie nur möglich erneut verwenden. In einer solchen Circular Economy steckt ein riesiges unerschlossenes Potential mit vielen attraktiven neuen Geschäftsmodellen und damit verbundenen Beschäftigungseffekten.

Zieht die Industrie mit oder erklärt sie sich für überfordert?

Einige Bereich wie die Stahlindustrie sind beim Recycling bereits sehr weit. Anders ist dies bei der Kunststoffindustrie, hier ist noch viel Luft nach oben. Nicht einmal zehn Prozent der Ausgangsmaterialien für die Kunststoffherstellung kommt heute aus Altkunststoffen.

Müsste der Gesetzgeber Recyclingquoten vorschreiben, um Tempo in den Prozess zu bringen?

Absolut. Als allererstes müsste er aber einen Produktpass vorschreiben, damit man weiß, welche Materialien in welchen Mengen überhaupt in einem Produkt stecken. Mit modernen Methoden der Digitalisierung lassen sich dann Angebot von Reststoffen und Nachfrage gut miteinander verbinden. Das Wissen über die Inhaltsstoffe würde im Übrigen den Verbrauchern helfen, sich gezielt für umweltfreundliche Produkte zu entscheiden.

In der Öffentlichkeit herrscht die Meinung vor, die Industrie wehre sich nach Kräften gegen zu viele ökologische Zumutungen.

Wir erleben gerade eigentlich das Gegenteil. Mit der Stahlindustrie erforscht unser Haus schon länger wirtschaftlich tragfähige Wege, Stahl mit grünem Wasserstoff zu produzieren. Unternehmen aus der Energie-, Chemie- und Zementbranche legen Pläne vor, wie sie zukünftig klimaneutral produzieren können, weil sie wissen, dass dies die Zukunft ist. Während die Industrie früher den Umbau der Energieversorgung auf erneuerbare Energien versucht hat zu bremsen, gehören die Unternehmen jetzt zu den lautesten Rufern nach einem beschleunigten Ausbau.

Zur Circular Economy gehört auch die Langlebigkeit von Produkten. Ein krasses Gegenbeispiel ist die Elektronikindustrie. Sie will uns weismachen, wir müssten spätestens nach zwei Jahren das Smartphone oder Tablet wechseln, weil doch die neue Generation so viel mehr Leistung bietet.

Es ist ein Unding, dass Samsung, Apple & Co. uns quasi zum Neukauf zwingen, indem sie für Altgeräte keine Software-Updates mehr anbieten. Da muss die Politik eingreifen. Die EU geht jetzt voran, indem sie solchen Unfug verbietet und die Reparaturfähigkeit der Geräte verlangt.

Die Fridays-for-Future-Bewegung prägt das Bild einer jungen Generation, die sich mit allen Mitteln gegen die Zerstörung ihrer Zukunft wehrt. Ist das Bild nicht arg schön gezeichnet?

Leider gibt es neben den Problembewussten einen großen Kreis derjenigen, die weiter kritiklos dem Massenkonsum frönen. Und längst nicht alle Jüngeren leben vegan oder vegetarisch, oder machen sich zumindest Gedanken über eine gesunde und weniger klimaschädliche Ernährung. Und sie schwimmen auf der Welle billiger Wegwerf-Mode mit.

Wie wollen Sie die erreichen?

Wichtig ist, sie im häuslichen und schulischen Umfeld stärker für die negativen Folgen dieser Art des Konsums zu sensibilisieren. Da können Aufklärungskampagnen ihren Teil leisten. Oder auch der Hinweis auf die Diskrepanz im eigenen Verhalten und die Sorge um die Zukunft. Das geht nicht immer konfliktfrei, wie ich in der eigenen Familie erlebe. Wir Älteren haben den Jungen die Misere zwar eingebrockt, aber sie müssen verstehen, dass sie eine eigene Verantwortung tragen. Es muss uns aber auch gelingen, Systeme zu entwickeln, mit denen Klimaschutz Spaß macht. Die sich stark ausbreitenden Läden, die Second- oder Thirdhand-Textilien anbieten, sind ein Beispiel dafür.

Sie geben die Hoffnung nicht auf?

Auf keinen Fall. Warum auch? Die Lösungen liegen alle vor – technisch wie ökonomisch. Ökostrom zum Beispiel ist inzwischen wettbewerbsfähig. Das heißt: Die Umstellung der Wirtschaft auf Klimaneutralität kostet heute deutlich weniger als noch vor kurzem berechnet. Dagegen steigen die Kosten des Nichttuns ins Unermessliche. Das führen uns die jüngsten Klimakatastrophen rund um den Globus drastisch vor Augen. Es wäre also auch aus wirtschaftlicher Sicht unverantwortlich, einfach so weiterzumachen wie bisher.

Das Interview führte Dieter Dürand