Klimaziel
Klimaziel ohne Kohleausstieg 2030 unmöglich

Experten des Berliner Thinktanks Agora Energiewende machen klar: Das jüngst von der Regierung verschärfte Klimaziel lässt sich nur unter zwei Bedingungen erreichen: Ausstieg aus der Kohle schon 2030 und Verdreifachung erneuerbarer Energien.

Meereswindpark Klimaziel erzwingt Verdreifachung erneuerbarer Energiequellen Foto: David Will auf Pixabay

Im laufenden Bundestagswahlkampf bekennt sich einzig die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, zum vorgezogenen Aus für die Kohle. Ihre Kontrahenten Olaf Scholz (SPD) und Armin Laschet (CDU) wollen dagegen nicht am vereinbarten Ausstiegstermin 2038 für den schmutzigsten Energieträger überhaupt rütteln. Auf dieses Datum hat sich die Bundesregierung mit den Stromkonzernen geeinigt, die dafür fast 4,5 Milliarden Euro als Entschädigung kassieren. Aufzubringen vom Steuerzahler.

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65 Prozent weniger Treibhausgas-Emissionen notwendig

Mit ihrem Festhalten an 2038 verschweigen Scholz und Laschet den Wählern eine Wahrheit, die sich nach Auffassung der Agora-Experten Philipp Litz und Patrick Graichen zwingend aus dem Klimaschutzgesetz ergibt. Das hat die Große Koalition kürzlich nachgeschärft – als Reaktion auf ein Urteil der Bundesverfassungsrichter.

Das neue 2030-Klimaziel von minus 65 Prozent Treibhausgas-Emissionen gegenüber 1990 sei nur zu erreichen, wenn das letzte Kohlekraftwerk schon acht Jahre früher als bisher geplant vom Netz geht. Und sich die installierte Leistung von Windrädern, Solarfarmen und Biogasanlagen bis dahin verdreifacht hat. Das betonen die Forscher unter Verweis auf die Auswertung eigener und der Szenarien anderer angesehener Institute wie Fraunhofer und Prognos (siehe Grafik unten).

„Es führt nur ein Weg nach Rom,“ wandelt Litz ein bekanntes Zitat ab.

Die Kohle muss weg, soll das Klimaziel für 2030 eingehalten werden

Welcher Energieträger aber füllt die entstehende Lücke in der Stromversorgung, wenn Kohle keine Option mehr ist?

Gaskraftwerke werden es nach Einschätzung der Agora-Experten nicht sein. Spätestens von Anfang der 2030er Jahre an werde der Anteil von Erdgas am Strommix kontinuierlich sinken – bis er dann im Jahr 2045, dem Jahr der Klimaneutralität, bei Null liege, schreiben Graichen und Litz.

Jedes Jahr müssen 6000 Megawatt Windkraft an Land dazu kommen

Da bis dahin auch der letzte Atommeiler herunter gefahren ist, müssen die Erneuerbaren in die Bresche springen. Nach Berechnungen von Graichen und Litz braucht Deutschland netto bis zu 554 Terawattstunden Strom aus Wind, Solar, Biomasse und Wasserkraft, um das Klimaziel 2030 einzulösen. Was doppelt so viel im Vergleich zu dem, was diese Quellen im vergangenen Jahr lieferten.

Das setze, so die Forscher, deren zügigen und unverzüglichen Ausbau voraus. Jedes Jahr müssten allein an Land bis 6000 Megawatt Windkraft und 15 000 Megawatt Solarenergie dazu kommen. Und eine Mahnung schicken sie hinterher: „Das alles muss in den ersten 100 Tagen der neuen Legislaturperiode in Gang kommen.“

Fossile Vorräte unter der Erde lassen

Der schnelle Ausstieg aus den Fossilen ist nicht nur in Deutschland zwingend sondern weltweit, soll überhaupt noch eine Chance bestehen, die Erderhitzung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, wie im Pariser Klimaschutzabkommen vereinbart. 90 Prozent aller globalen Kohlevorräte müssten unter der Erde bleiben statt verbrannt zu werden, hat der Energie- und Umweltökonomen Dan Welsby vom University College London ausgerechnet. Und auch rund 60 Prozent der Erdöl- und Erdgasvorkommen. Der Energiesektor steht vor drastischen Einschnitten.

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Von Dieter Dürand