Erdwärme
Genf will den Klimawandel mit Geothermie bewältigen

Im westlichsten Kanton der Schweiz läuft zurzeit eine 3D-Seismik-Kampagne. Sechs Wochen lang wollen die Eidgenossen einen digitalen Abdruck des Untergrunds des Genfer Beckens erstellen. Die Kantonalpolitiker hoffen, bis 2035 etwa ein Fünftel der Energie für Gebäudeheizung und -kühlung aus den Tiefen der Erde zu beziehen.

Genfer Wahrzeichen Jet d’Eau Wohnungen, Büros und Werkhallensollen künftig aus der Erde beheizt werden (Mario Heinemann/Pixelio)

Geothermie sei keine Option, sondern schlichtweg eine Notwendigkeit, sagt Antonio Hodgers, grünes Mitglied des Genfer Staatsrates. Die Klimaziele des Kantons sind ehrgeizig. Bis zum Ende des Jahrzehnts sollen die CO2-Emissionen um 60 Prozent reduziert werden. Bis 2050 soll die vollkommene Klimaneutralität erreicht sein.

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Die Genfer wollen aber vorsichtig sein. Sie wollen nur in Tiefen bis zu 1 500 Meter vorstoßen. Als mahnendes Beispiel dienen ihnen die Erfahrungen in Basel, wo es 2006/2007 zu Erdbeben gekommen war. Diese hatten auch die deutschen und französischen Nachbargebiete getroffen. Mit ziemlicher Sicherheit gab es einen Zusammenhang mit dem Projekt „Deep Heat Mining Basel“. Die Geologen waren damals in Tiefen bis zu 5000 Meter vorgestoßen. Allerdings hielten sich die Schäden bei einer Stärke von nur 3,5 auf der Richterskala in Grenzen.

Nächtliche Erkundungen

Während der sechswöchigen Kampagne fahren elf Speziallaster durch das Kanton und senden an 12 000 Orten 15 Minuten lang Vibrationen oder Schallwellen in die Erde. Dank der Kombination mit den Daten fest installierter Geräte ergeben sich 50 000 Messpunkte. Die Fahrzeuge arbeiten zwischen neun Uhr abends und sechs Uhr morgens, um Störrauschen durch den Verkehr zu meiden. Der Lärm und die Erschütterungen für die Anrainer ist vergleichbar mit der Durchfahrt einer Straßenbahn.

Messfahrzeuge 15 Minuten erträglichen Lärm für eine klimaneutrale Zukunft (Quelle: GEothermie)

Mögliche Gebäudeschäden werden ausgeschlossen. Zusammen mit den Erkundungen aus Bohrungen seit 2014 im Rahmen des nationalen Erkundungsprojekt GEothermie soll das Ergebnis eine präzise 3D-Kartographie des kantonalen Untergrunds sein.

Die Erde unterhalb der sich über 187 Quadratkilometer erstreckenden „République et Canton Genève“, so der offizielle Name, war lange Zeit, wie der Rest der Eidgenossenschaft, wenig erforscht. Denn die Schweiz verfügte anders als die Nachbarländer über wenig Bodenschätze. Erst die Tunnelbauten seit dem 19. Jahrhundert, vor allem aber die Bohrungen der NAGRA, der Nationalen Genossenschaft für Lagerung radioaktiver Abfälle sowie das nationale GEothermie-Projekt haben das Wissen über den Schweizer Untergrund erweitert.

Wissenschaftler optimistisch

„Wir kennen den Schweizer Untergrund heute deutlich besser als noch vor wenigen Jahren“, stellt Andrea Moscariello, Professor für Geoenergie an der Universität Genf gegenüber dem SRF (Schweizer Rundfunk und Fernsehen) fest. Das so gewonnene Wissen stimme optimistisch für die Zukunft der Geothermie.

Die Bevölkerung des Kantons steht dem Projekt abwartend gegenüber. Zu Demonstrationen, die in Welschschweiz häufiger als im deutschsprachigen Teil vorkommen, ist es bislang noch nicht gekommen. Hilfreich ist dabei sicher, dass die Grünen, denen die meisten Bürgerinitiativen nahe stehen, sich entschieden für das Projekt aussprechen. Aber auch die weniger forsche Herangehensweise als in Basel, Sankt Gallen oder in den zur Schweiz benachbarten Regionen Elsass und Baden beruhigt die Bevölkerung.

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