Agrarindustrie
Geflügellobby weitet Propaganda in sozialen Medien aus

Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft reagiert damit auf den Druck von Tierschützern und Agrarkritikern. Seit dem Frühjahr hat er die Präsenz der Geflügel-Industrie in den Sozialen Medien massiv ausgebaut. Ziel der Auftritte auf Linkedin, Twitter und Facebook sei es, aktuelle Entwicklungen mit Bezug zur Fleischerzeugung zu kommentieren und einzuordnen.

Enger geht’s kaum Massenhaltung von Puten (Uschi Dreiucker/Pixelio)

Man wolle in einen aktiven, gesellschaftlichen Diskurs eintreten. „Das Bewusstsein der Bevölkerung für Nachhaltigkeit, Umwelt- und Tierwohl steigt. Vor diesem Hintergrund sind wir als deutsche Geflügelwirtschaft gefragt, unsere Erzeugnisse und Prozesse stetig zu verbessern – aber vor allem auch, sie verständlich und anschaulich zu erklären“, sagt Friedrich-Otto Ripke, Präsident des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG).

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Um weiter voranzukommen, brauche es künftig neben der Unterstützung der Verbraucher dringend die richtigen politischen Rahmenbedingungen. Für Verbandschef Ripke ist es dabei von zentraler Bedeutung, eine langfristige Planungssicherheit für die Mäster zu schaffen, „damit der Standort Deutschland mit seinen hohen Standards für die Geflügelfleischerzeugung gehalten werden könne.“

Zehntausend Tiere in einem Stall

Hoch sind die Standards bestenfalls im Vergleich zur Geflügelhaltung in Schwellenländern oder der Dritten Welt. Tatsächlich teilen sich bei der gängigen Intensivmast in Deutschland bis zu 25 Hähnchen einen Quadratmeter Boden. Häufig leben zehntausend Tiere in einem Stall. Nur fünf Wochen Lebenszeit werden den Hähnchen gewährt. Dann haben sie das Zielgewicht von etwa zwei Kilo erreicht und werden geschlachtet. Allein in Deutschlands Schlachthöfen werden im Jahr über 700 Millionen Hähnchen, Puten oder Gänse getötet.

Die Tiere sind häufig Ergebnisse von Qualzüchtungen. Die Knochen der Tiere sind zu schwach, um die Massen an Muskelfleisch zu tragen. Es kommt dadurch zu schmerzhaften Fehlhaltungen und Verformungen. Hähnchen beispielsweise nehmen während der Mast Tag für Tag um bis zu 60 Gramm zu. Bei einem Menschen würde das, abhängig vom Anfangsgewicht, einer täglichen Zunahme von etwa vier Kilogramm entsprechen. Das Skelett eines Kindes müsste demnach das Gewicht eines Erwachsenen tragen.

Ripke ist dagegen der Meinung, die Industrie habe „schon eine ganze Menge für Tierwohl, Gesundheit und Umweltschutz erreicht“. Um weiter voranzukommen, brauche es künftig neben der Unterstützung der Verbraucher dringend der richtigen politischen Rahmenbedingungen.

Alter Bekannter von LobbyControl

Für die Aktivisten von LobbyControl ist Ripke kein Unbekannter. Der ehemalige CDU-Staatssekretär im niedersächsischen Landwirtschaftsministerium wechselte 2013 die Seiten und wurde zunächst Präsident der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft. Seit Ende 2016 führt er den Bundesverband.

Der Bremer Weserkurier kommentierte seinerzeit den Wechsel des Staatssekretärs in die Agrarwirtschaft: „Der Verfechter der Agrarindustrie wäre auf diesem Posten von Anfang an besser aufgehoben gewesen als im Ministerium.“ Er habe zwar nach etlichen Skandalen den niedersächsischen Tierschutzplan den Weg gebracht, dabei aber vor allem auf die wirtschaftlichen Interessen Rücksicht genommen. Der Wechsel möge „ein gewisses Geschmäckle haben und könnte als eine Art Belohnung für jahrelange treue Dienste im Sinne der Massentierhaltung verstanden werden.“

Man müsse Ripke allerdings zugutehalten, dass er konsequent den Austausch mit der Öffentlichkeit suche. Daran, das zeigt auch die neue Offensive des ZDG auf Facebook und Co., scheint sich wenig geändert zu haben.

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