Frankreich
Glücklich dank Atomenergie!

Staatspräsident Emmanuel Macron will die Kernenergie ausbauen. Eine Unzahl von Kleinkraftwerken soll den veralteten Atompark ergänzen. Doch die sogenannten SMR-Reaktoren sind nicht sicherer als herkömmliche AKWs. Und ihr Beitrag zur Lösung der Klimakrise käme zu spät.

Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron Viele kleine Atomkraftwerke (Foto: Arno Mikkor)

„Frankreich hat Glück, denn Frankreich hat die Atomkraft“, sagte Macron bei der gestrigen Vorstellung seines Industrie-Programms „France 2030“. Spätestens jetzt ist klar: Der vor Jahren verkündete Rückbau der Atomenergie findet nicht statt. Macron sieht die Kernkraft als Instrument zur Verminderung des Ausstoßes von Kohlenstoff. Folgerichtig drängt die französische Regierung bei der EU-Kommission darauf, die Atomkraft als nachhaltig und förderungswürdig einzustufen. Setzt sich die französische Haltung in Brüssel durch, werden Europas Steuerzahler den Bau von AKWs noch mehr als bislang unterstützen.

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In der Tat ist die französische Stromerzeugung deutlich weniger CO2-trächtig als die deutsche. Dank des hohen Anteils des Atomstroms fallen im Durchschnitt pro Kilowattstunde nur 80 Gramm Kohlenstoff an. In Deutschland ist der vergleichbare Ausstoß fünfmal so hoch. Dennoch wirft das Atomprogramm Macrons Fragen auf – nicht nur für überzeugte AKW-Gegner.

Immer mehr Störfälle

Frankreichs AKWs sind zum Teil über 40 Jahre alt und werden zunehmend störanfälliger. Immer wieder wurden die Laufzeiten verlängert. Immer häufiger kommt es zu Störfällen. Doch auch der im Neubau befindliche Reaktorblock im normannischen Flamanville macht Probleme. Der Block sollte 2012 fertig werden. Mit einer Fertigstellung vor 2025 ist kaum zu rechnen. Statt wie ursprünglich geplant 3,3 Milliarden Euro wird das Projekt über 19 Milliarden Euro kosten.

Umso stärker setzt Macron auf den neuen Hoffnungsträger Mini-AKW. Die sogenannten SMR (Small Modular Reactors) sind ein Abfallprodukt der militärischen Forschung. Die Kleinkraftwerke sollten ursprünglich U-Boote mit Energie versorgen. Zwar forschen Militärs und zivile Einrichtungen bereits seit den Fünfzigerjahren an der Technik. Doch es gibt bis jetzt so gut wie keine praktische Erfahrung im Dauerbetrieb von Zivilkraftwerken. Als Lösung für die Klimakrise eignen sie sich folglich nicht. „Für den Klimaschutz (…)“, zitiert die Wirtschaftswoche den Berliner Elektrotechnik-Experten Volker Quaschning, „dürften die neuen Mini-Reaktoren wahrscheinlich zu spät kommen.“

Teuer und wenig sicher

Auch mit der vermeintlichen Sicherheit ist es nicht weit her. Die Befürworter argumentieren nach der Logik „Kleiner Reaktor, kleiner Unfall“. Dabei blenden die SMR-Freunde jedoch aus, dass tausende Klein-Reaktoren in der Summe ein vergleichbares Risiko ergeben wie einige Dutzend Großanlagen. Und bei den Kosten schneiden die Mini-Meiler schlecht ab. Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung geht davon aus, dass etwa 3 000 SMR gebaut werden müssten, um die Entwicklungskosten zu erwirtschaften. Die gestern von Macron in Aussicht gestellten SMR-Förderungen von etwa einer Milliarde Euro sind in diesem Kontext von zu vernachlässigender Kleinheit.

Warmlaufen für den Wahlkampf

Macrons Programm „France 2030“ ist nach Ansicht von Pariser Beobachtern bereits Teil des Vorwahlkampfs. Im kommenden Mai finden in Frankreich Präsidentschaftswahlen statt. Der amtierende Präsident hat zwar seine Kandidatur noch nicht verkündet, doch zweifelt in Pariser Politkreisen so gut wie niemand an seinen Absichten. Bei steigenden Gas- und Strompreisen wäre ein Anti-Atomkurs in Frankreich wenig populär.

Mehr: Wirtschaftswoche Le Monde