E-Revolution
Schock: E-Auto könnte Volkswagen bis zu 30 000 Stellen kosten

VW-Chef Herbert Diess hat seinen Aufsichtsrat davor gewarnt, dass der Umbau der Branche an den deutschen Standorten rund ein Zehntel der Arbeitsplätze kosten könnte. Grund ist nicht nur die einfachere Technik der Stromer, sondern auch der unaufhaltsame Aufstieg neuer Wettbewerber wie Tesla.

Käfer-Produktion 1955 in Wolfsburg Glückliche Zeiten (Foto: VW)

Im Aufsichtsrat soll es nach der Vorstellung des Szenarios hoch hergegangen sein. In dem Kontrollgremium stellen Gewerkschaften, Betriebsräte und das Land Niedersachsen die Hälfte der Vertreter. Diess hatte zwar versichert, er wolle alles tun, um das Schreckensszenario abzuwenden. Dennoch verbaten sich die Kontrolleure, dass Diess weitere Vorausschauen dieser Art in Umlauf bringe. Das Zahlenspiel hatte bei der Kernmarke Volkswagen den Wegfall jeder vierten Stelle nicht ausgeschlossen. Die Sitzung fand bereits am 24.September statt. Der Streit wurde aber erst jetzt durch einen Bericht des Handelsblattes bekannt. VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo bezeichnete heute die Planspiele als „absurd“.

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Diess hatte den Aufsichtsrat an seine Erfahrungen bei BMW im Vereinigten Königreich erinnert. Dort hatte er die Schließung des Standorts Birmingham erlebt. Das Management hatte geschlafen. Damals hatten sich die Gewerkschaften auf stur gestellt und Veränderungen verhindert. Die Geschichte erinnert an die Situation im VW-Stammwerk Wolfsburg. Der Konzernführer hatte Wolfsburg frühzeitig an die E-Mobilität heranführen wollen. Jedoch hatte sich der mächtige VW-Betriebsrat unter Führung von Cavallo-Vorgänger Bernd Osterloh dagegen ausgesprochen. Die Revolution fand daher zuerst an den Rändern in Werken wie Zwickau, Hannover und Emden statt. Zeit wurde vertan.

Mangelnde Produktivität

Diess ist in der Automobil-Industrie einer der Vorantreiber beim Umbau zur Elektromobilität. Früher als andere erkannte er, dass die Epoche der Verbrenner unweigerlich zu Ende geht. Der VW-Vormann weiß aber auch, dass mit der E-Revolution die Branche gründlich umgekrempelt wird. Ob VW seinen Spitzenplatz auch unter den Bedingungen der Elektromobilität hält, ist ungewiss.

Auf dem E-Auto-Markt führt ohnehin Tesla. Das Tesla-Werk vor den Toren Berlins wird in wenigen Wochen in Betrieb gehen. Dort ist, laut Tesla, die modernste Fertigungsanlage für Stromer entstanden. Tesla will dort mit nur 10 000 Mitarbeitern 500 000 E-Autos pro Jahr bauen. Zum Vergleich: In der Wolfsburger Produktion fertigten im vergangenen Jahr 25 000 Beschäftigte 700 000 Autos.

Birmingham als Warnung

VW hat zwar – abgesehen von den allgegenwärtigen Beschaffungsproblemen für Chips – einen bemerkenswerten Start für die Modelle auf Basis des Modularen E-Antriebs-Baukastens (MEB) ID.3 und ID.4 hingelegt. Möglicherweise wird VW schon im kommenden Jahr Tesla beim Stromer-Absatz einholen. Doch bleibt das Rennen für den langjährig weltgrößten Autobauer anspruchsvoll. Umso wichtiger ist es, dass die VW-Aufsichtsräte Warnrufe akzeptieren und den Boten nicht mit der Botschaft verwechseln. Damit Wolfsburg nicht das Schicksal von Birmingham ereilt.

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