Natur und Kultur
Vogelschwund macht den Frühling akustisch ärmer

Verkehr, moderne Landwirtschaft und mangelnde Nistmöglichkeiten schränken den Lebensraum der Singvögel zunehmend ein. Die Folgen sind zu hören: Das Vogelkonzert in Nordamerika und Europa wird leiser und eintöniger.

Junger Star Früher häufig in den Gärten Deutschlands vertreten (Uschi Dreiucker/Pixelio)

Die Vielfalt der Vogelwelt in Stadt und Natur wie die Vielfalt der darin eingebetteten Klanglandschaften schwinden. In Deutschland sind früher häufige Arten mit charakteristischen Stimmen fast verschwunden – wie zum Beispiel Feldlerche oder Kiebitz. Vor allem die Agrarlandschaften sind merklich ruhiger geworden.

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Forscher der Universität Göttingen haben im Verbund eines internationalen Forscherteams und vogelkundlicher Vereinigungen dazu Daten aus Vogelmonitor-Programmen mit Tonaufnahmen von Bürgern in freier Natur kombiniert. Die Daten stammten aus Langzeitprogrammen, die die Veränderungen im Aufkommen von Vogelarten überwachen. Diese Daten wurden mit Tonaufnahmen von über tausend Arten aus der Online-Datenbank Xeno Canto verknüpft.

Auf diese Weise entstanden Klanglandschaften von über 200 000 Aufnahmeflächen der vergangenen 25 Jahre. Die Wissenschaftler ordneten den Klanglandschaften zusätzlich Indizes zu. Diese Indizes unterscheiden die Landschaften danach, wie komplex, variabel und intensiv sie sind. Änderungen der Artenzusammensetzung oder der Populationsdichte verändern zwangsläufig das Klangbild der Landschaft.

Kultureller Verlust

Sven Trautmann, Koordinator des Vogel-Monitorings beim Dachverband Deutscher Avifaunisten kommentiert die Ergebnisse der Untersuchung: „Wir müssen den Rückgang der Vogelpopulationen stoppen. Die heutigen verarmten Klanglandschaften werden von der jüngeren Generation bereits als normal empfunden.” Die Forscher befürchten über die Schädigung der Natur hinaus einen kulturellen Verlust mit Folgen für das Wohlbefinden der Menschen. Der Rückgang an Erfahrungsreichtum beim alltäglichen wie beim organisierten Naturerleben führe zu negativen Auswirkungen auf die mentale Gesundheit, die kognitiven Fähigkeiten und das seelische Gleichgewicht. Man könne nicht zulassen, dass sich die Situation weiter verschlechtere, da sonst Folgen für öffentliche Gesundheit zu erwarten seien.

Mehr: Nature Communications