Die miesen Tricks der Lebensmittelindustrie
Foodwatch sucht die dreisteste Werbelüge 2021

Angeblich klimaneutral, angeblich gesund, angeblich kompostierbar – mit falschen Angaben täuscht die Lebensmittelindustrie die Verbraucher. Sie glauben, mit dem Kauf sich oder der Umwelt Gutes zu tun. Weit gefehlt. Hier die nominierten Übeltäter.

Einkaufswagen im Supermarkt
Augen auf beim Einkauf von Lebensmitteln Greenwashing all über all Bild: Alexas_Fotos auf pixabay

Aus Sorge ums Klima und ihre Gesundheit greifen die Deutschen verstärkt zu Bioware. 14 Milliarden Euro machten sie 2020 dafür locker – 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Doch wie vertrauenswürdig sind die Angaben der Hersteller auf ihren Produkten?

Krasse Greenwashing-Märchen

Die Verbracherorganisation Foodwatch in Berlin sieht wenig Grund für blindes Vertrauen. Auch dieses Jahr deckte sie wieder aus ihrer Sicht dreiste Werbelügen auf, mit denen die Lebensmittelindustrie die Käufer in die Irre führt. Fünf besonders krasse Greenwashing-Märchen stellt Foodwatch bis zum 12. Dezember für den “Goldenen Windbeutel 2021” zur Auswahl. Hier geht’s zur Abstimmung, und das sind die Anwärter:

1. Volvic natürliches Mineralwasser von Danone

“Klimaneutral zertifiziert” prangt als Label auf der Flasche und weckt den Anschein, Inhalt und Verpackung seien besonders grün. Das sei jedoch mitnichten der Fall, kritisieren die Foodwatch-Experten. Danone karre das Wasser über Hunderte Kilometer zumeist per Lkw aus Frankreich heran. Und die Einweg-Flaschen seien trotz teilweiser Verwendung von recyceltem PET-Kunststoff gegenüber Mehrweg-Flaschen mit Wasser aus der Region eindeutig unökologischer.

Als wirklich gute Alternative fürs Klima schlägt die Organisation schlichtes Leitungswasser aus dem Hahn vor. Bei seiner Gewinnung fallen einer aktuellen Studie zufolge nur 0,35 Gramm CO2-Äquivalent je Liter an – ein Bruchteil der Emissionen einer Volvic-Flasche.

2. Mövenpick Kaffeekapseln Green Cap von J.J. Darboven

Angeblich kompostier- und biologisch abbaubar – in Wirklichkeit Plastikmüll. So urteilen die Umweltprüfer kurz wie harsch. Im heimischen Komposthaufen zersetzten sich die Kapseln viel zu langsam zu wertlosem CO2 und Wasser. Überdies fehlten Studien zur Umweltwirkung von Weichmachern und Farbstoffen in dem Material. Selbst der Hersteller empfiehlt die Entsorgung in der Restmülltonne. Die Abfälle darin werden aber nicht kompostiert, sondern verbrannt. Klarer Fall einer Mogelpackung. Zudem türmen sich die Millionen Caps zu Müllbergen.

Wer wirklich Ressourcen schonen wolle, dem raten die Foodwatch-Prüfer zu Filterkaffee oder zu einem Schwarzen aus dem Expressokocher.

3. Katjes Wunderland Fruchtgummis

„Wer hätte gedacht, dass Naschen so vitaminreich sein kann?” Mit diesem Slogan bewirbt der Hersteller auf dem Social-Media-Kanal Instagram seine Süßigkeit speziell für Kinder. Suggeriert gesunde Nascherei für die Kleinsten. In Wahrheit handelt es sich jedoch um eine extreme Zuckerbombe – 60 Gramm Zucker pro 100 Gramm -, was das Unternehmen bei ben Nährstoffangaben auf seiner Webseite laut Foodwatch aber unterschlägt.

Eltern also aufgepasst! Doch damit der Nachwuchs gar nicht erst angepiekst wird und quengelt, tritt die Organisation dafür ein, ein an Kinder gerichtetes Marketing generell zu verbieten. Zudem solle die Ernährungsindustrie Produkte mit hohem Salz-, Fett- oder Zuckergehalt nicht fälschlicherweise als förderlich für die Gesundheit verkaufen dürfen.

4. Protein-Riegel “Naturally Pam” der Influencerin Pamela Reif

Ein weiteres krasses Beispiel erfundener Nachhaltigkeit. Die Lifestyle-Influencerin, der rund acht Millionen Menschen online folgen, behauptet mit , so Foodwatch, “frei erfundenen Logos” auf der Verpackung ihres Riegels, diese sei kunststofffrei, biologisch-abbaubar und umweltfreundlicher als konventionelles Plastik. Alles frei erfunden, monieren die Kontrolleure. Tatsächlich landen auch diese Folien am Ende in der Müllverbrennung.

Ebenso aus dem Reich der Fabel stamme Reifs Behauptung, das Plastik vermülle wegen seiner vermeintlichen Kompostierbarkeit nicht die Weltmeere. Lande es versehentlich oder aus Unachtsamkeit in der Natur, gelangten seine Partikel wegen der extrem langsamen Zersetzung über Regen, Bäche und Flüsse an Ende genau dort. Auch im Heimkompost habe die Verpackung nicht zu suchen.

Das Umweltbundesamt hat in einer Studie festgestellt, das biobasierte Kunststoffe die Umwelt nicht weniger belasten als konventionelle.

5. Wilhelm Brandenburg Hähnchen-Brustfilet von Rewe

Hart gehen die Foodwatch-Experten auch mit dem Geflügelfleisch der Eigenmarke der Lebensmittelkette ins Gericht. Deren Manager gäben die Filets als “klimaneutral” aus, benutzten dafür aber falsche CO2-Zertifikate. Angeblich kompensierten Aufforstungsprojekte in Peru die bei der Fleischproduktion entstehenden Treibhausgas-Emissionen. Lüge, sagt Foodwatch. Tatsächlich würden dort Bäume abgeholzt, habe eine Recherche ans Tageslicht befördert.

Mit dem Aufpappen des Klimaneutral-Logos von Climate Partner, wecke Rewe zudem die Vorstellung, Fleisch sei ein klimaverträgliches Nahrungsmittel. Das Gegenteil sei der Fall: “Die Tierhaltung trägt weltweit mit über 15 Prozent zu den vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen und damit zum Klimawandel bei”, betonen die Verbraucherschützer.

Angebliche Freilandkühe standen im Stall

Eine kürzlich veröffentlichte Greenpeace-Studie bestätigt die negative Seite eines ausufernden Fleischkonsums. Das Fazit: Die Schäden für die Umwelt seien viel größer als bisher angenommen. Edeka verliehen die Aktivisten jüngst die “Goldene Kotzwurst”. Die Begründung: Deutschlands umsatzstärkste Lebensmittelkette weigere sich anders als Aldi, Rewe und Penny ein Datum zu nennen, zu dem sie kein besonders problematisches Billigfleisch mehr verkaufe.

Foodwatch verleiht den Schmähpreis “Goldener Windbeutel” zum elften Mal. Vergangenes Jahr gewann der Käsereikonzern Hochland für seinen Grünländer Käse, der mit “Milch von Freilandkühen” warb, In Wahrheit standen die Viecher im Stall, deckten die Kontrolleure auf.

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Von Dieter Dürand