Mega-Batterie
Gigantisches Pumpspeicher-Werk sichert die grüne Energieversorgung der Schweiz ab

Stark wie zwei Kohlemeiler kann das Pumpspeicher-Werk (PSW) Nant de Drance im Wallis einspringen, wenn Wind und Sonne zu wenig Strom produzieren. Ohne Abkommen mit der EU ist es jedoch unrentabel. Deutschlands Potential ist begrenzt.

Zusammenbau des riesigen Stromgenerators für das Pumpspeicher-Kraftwerk Nant de Drance
Montage des riesigen Generators für Pumpspeicher Nant de Drance in einer Halle Mehrere Hundert Tonnen schwer
Foto: GE Renewable Energy

17 Kilometer Tunnel haben Arbeiter durch die Bergwelt im Wallis oberhalb des Dörfchens Trient gefräst. Fünf Kilometer Wasserwege angelegt und sieben Millionen Kubikmeter Gestein bewegt. Jetzt, nach mehr als 13 Jahren Bauzeit, beginnen die Testläufe für das Nant de Drance-Pumpspeicher-Werk. Mit einer Leistung von 900 Megawatt (MW) ist es eines der größten in der Schweiz, berichtet die Neue Züricher Zeitung (NZZ).

Genug Strom für eine Million Eidgenossen

Durch zwei sieben Metet dicke Rohre schießt das Wasser mit enormer Wucht aus dem oberen Staubecken 470 Meter tief in Richtung eines Sees. Auf seinem Sturzweg bringt es in zwei kathedralengleichen Kavernen sechs 30 Meter hohe Turbinen ins Rotieren, die ihrerseits einen Strom erzeugenden Generator in Gang setzen.

20 Stunden würde es dauern, das Bergreservoir komplett zu entleeren. 18 000 Megawattstunden würden dabei produziert – genug um knapp eine Million Schweizer in dieser Zeit mit Strom zu versorgen. Steht Energie im Netz der Eidgenossen im Überschuss bereit, wird diese genutzt, um das Wasser zurück nach oben zu pumpen (siehe Video unten).

Errichtung des Pumpspeicher-Kraftwerks Nant de Drance im Wallis Eines der größten Bauprojekte der Schweiz
Quelle: Nant de Drance SA

So elegant die Technik auch funktioniert – ökonomisch haben die vier Aktionäre der Betreibergesellschaft ein Problem, ihre Investition von 2,2 Milliarden Schweizer Franken zurück zu verdienen. Es entstand, weil auch unser Nachbar Sonnen- und Windkraft kräftig ausbaut und die Erneuerbaren den Strom zu vielen Zeiten inzwischen nahezu zum Nulltarif bereit stellen. Die neuen Dauertiefpreise zerrütten die ursprüngliche Rentabilitätskalkulation, etwa des Stromkonzerns Alpiq (39 Prozent Anteil).

Gut bezahlte Regelenergie gegen den Blackout

Erschwerend kommt hinzu, dass der Schweizer Bundesrat die Verhandlungen mit der Europäischen Union (EU) über ein Stromabkommen auf Eis gelegt hat. Die Folge: Das Nant de Drance-Konsortium kann nicht am europäischen Markt für kurzfristige Regelenergie teilnehmen, auf dem jede Kilowattstunde besonders hoch vergütet wird. Mit Regelenergie gleichen die Stromnetzbetreiber Schwankungen in den Leitungen aus, um die Frequenz stabil zu halten. Sonst droht im Extremfall ein Blackout.

China treibt Ausbau seiner Pumpspeicher voran

Dabei sind PWS grundsätzliche ideale Pendants zum volatilen Angebot von Wind und Sonne. Perioden einer Dunkelflaute können die Hydro-Batterien zumindest für begrenzte Zeit zuverlässig überbrücken. Herkömmliche Batterien stellen für diesen Zweck viel zu wenig Kapazität bereit.

Die chinesischen Planer haben die Bedeutung der Pumpspeicher für die Energiewende und Klimarettung erkannt. Kürzlich kündigten sie an, in den nächsten vier Jahren 176 neue Anlagen zu erstellen und die Kapazität auf 62 000 MW zu verdoppeln. Das entspricht der Leistung von 62 großen Kohlekraftwerken.

Seekabel nach Norwegen

In Deutschland ist das Ausbaupotential begrenzt. Derzeit stehen gerade einmal 9600 MW für das Stromsystem zur Verfügung. Der Ausweg könnte sein, die Ausgleichselektrizität mit Ländern wie Österreich und Norwegen auszutauschen, wo bessere Voraussetzungen für das Anlegen von PWS gegeben sind.

Der deutsche Netzbetreiber Tennet und die norwegische Statnett haben erste Schritte in diese Richtung zurückgelegt. Im Mai dieses Jahres gaben sie ein Seekabel frei, über das sie jetzt Ökoenergie austauschen: hiesige Wind- und dortige Wasserkraft. Produzieren die Windräder Strom über der Nachfrage, pumpen die Norweger damit Wasser hoch in den oberen Speicher. Herrscht an Elbe und Rhein Mangel, öffnen sie die Schleusen – der Strom fließt umgekehrt.

Mehr: NZZ

Von Dieter Dürand