Aktivistische Investoren
Hedgefonds gegen Sozial- und Umweltsünder

Ausgerechnet Hedgefonds, die Ausgeburt des Kapitalismus und der Spekulation, beginnen, sich auf Unternehmen einzuschießen, die Sozial- und Umweltstandards missachten – in den USA, aber auch in Europa.

Klimaschädliches Braunkohle-Kraftwerk des Essener Energiekonzerns RWE: Post von aktivistischen Investoren (Foto: Benita5 / pixabay)

Ihr Ziel ist es überhaupt nicht, Gutes zu tun, weder für die Beschäftigten noch für die Umwelt. Sie wollen nur eines: Profit. Dass dies auch dazu führen kann, die Lage der Belegschaften und der Umwelt zu verbessern, zeigen die Hedgefonds und sogenannten aktivistischen Investoren mit einem bemerkenswerten Schwenk. Grundsätzlich veruchen diese Erzkapitalisten, durch den Kauf von Aktien und Eingriffe ins Management, Unternehmen zu Änderungen der Geschäftspolitik dazu zu bringen, damit der Aktienkurs steigt oder sinkt – um auf diese Entwicklung zu spekulieren und am Ende die Aktien mit Gewinn zu verkaufen. Bei sinkenden Kursen gelingt dies auch, dann allerdings durch sogenannte Leerverkäufe. Hierbei leihen sich Investoren Aktien und verkaufen diese umgehend, um sie später für weniger Geld zurückzukaufen und die Differenz einzustreichen.

Zweieinhalb mal so viel Attacken in Europa

Der neueste Clou dieser Investoren besteht darin, dass sie sich Unternehmen vorknöpfen, die gegen Klima- oder Sozialvorgaben verstoßen und ihrer Ansicht nach auf diese Weise die positive Entwicklung des Aktienkurses gefährden. So hat sich die Zahl der Attacken aktivistischer Investoren, die deshalb Druck auf Unternehmen ausübten, in Europa von 2018 bis 2021 verzweieinhalbfacht, hat die US-Beratungsgesellschaft Alvarez & Marsal errechnet. Auch in den USA nahmen Angriffe wegen Verstöße gegen Regeln der umweltgerechten und sozialen Unternehmensführung, kurz: ESG, nach einem Rückgang 2020 in diesem Jahr wieder zu.

RWE und Shell im Visier

Laut der Nachrichtenagentur Reuters hat zum Beispiel der Vorstand des Essener Energiekonzerns RWE-Führung Post von dem aktivistischen Investor Enkraft Capital aus Unterhaching bei München bekommen, der angeblich mehr als 500 000 Aktien des Unternehmens hält. Das „strategische Festhalten an den (…) Braunkohleaktivitäten führt zu einer signifikanten Werteerosion“, heißt es darin. Dies sei für die Aktionäre nur schwer akzeptabel. Wenn sich der Konzern auf die erneuerbare Energien konzentriere, würde dies „ein enormes Wertsteigerungspotential bei RWE“ freisetzen. Encraft Capital fordert deshalb eine schnelle Abspaltung der Braunkohle-Einheit, in der Hoffnung der Wert der RWE-Aktien könnte sich dadurch verdoppeln. Bei dem britisch-niederländischen Mineralölkonzern Shell drängt der US-Hedgefonds Third Point auf eine Aufspaltung in einen Teil für den alten Geschäftsbereich des Ölkonzerns und einen Teil für erneuerbare Energien.

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