Lebensmittel
Özdemir verdammt Ramschpreise für Lebensmittel

Der neue grüne Agrarminister fordert Lebensmittel-Preise, die die ökologische Wahrheit “stärker ausdrücken” und will Fertigprodukte mit weniger Zucker, Fett und Salz gesünder machen. Konsumenten essen wenig klimabewusst.

Studentin mit ihrem Mittagessen auf einem Tablett
Essen fassen in der Mensa Schlecht für Klima und Gesundheit – mir egal
Foto: Volker Lannert/Studierendenwerk

Die Ampel springt auf Grün. Mied die ausgeschiedene CDU-Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner die Konfrontation mit Agrarlobby und Lebensmittel-Industrie nach Kräften, schlägt ihr grüner Nachfolger im Amt, Cem Özdemir, neue Töne an. Er schreckt ebenso wenig vor klaren staatlichen Vorgaben zurück wie seine Parteikollegin, die neue Bundesumweltministerin Steffi Lemke.

Schutzschirm gegen Artensterben und ruinöse Landwirtschaft

So spricht sich Özdemir gegen “Ramschpreise für Lebensmittel” aus. Sie trieben Landwirte in den Ruin, verhinderten bessere Haltungsbedingungen für Schlachttiere, versauten das Klima und trieben das Artensterben voran. “Das will ich ändern”, verkündet der Minister.

Zwar sollen Lebensmittel auch für Geringverdiener bezahlbar bleiben. Doch ganz im Sinne des langjährigen Ko-Vorsitzenden des Club of Rome, Ernst Ulrich von Weizsäcker, ergänzt er: “Die Preise müssen die ökologische Wahrheit stärker ausdrücken.”

Nachfragemacht des Staats nutzen

Als ein konkretes Ziel nennt Özdemir die Verdreifachung ökologisch bewirtschafteter Ackerflächen von heute zehn auf 30 Prozent bis 2030. Die Initalzündung soll vom Staat ausgehen. Er solle seine Nachfragemacht dazu nutzen, die Verpflegung etwa in öffentlichen Kantinen, Krankenhäusern und Pflegeheimen auf mehr regionale und Bio-Produkte umzustellen.

Fettbremse für übergewichtige Deutsche

Anders als seine Vorgängerin Klöckner, die auf freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie bei der Herstellung gesünderer Lebensmittel setzte, baut der Grüne auf verbindliche Reduktionsziele. Weniger Zucker, weniger Salz, weniger Fette in Fertigkost, heißt sein Motto, mit dem er den Bürgern zu einer schlankeren Linie verhelfen will. “Deutschland ernährt sich zu ungesund”, sagt Özdemir. “Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist übergewichtig.” Setzt er seine Pläne durch, müssen Nahrungsmittelkonzerne wie Nestlé viele ihrer Rezepturen neu mischen.

Klima- und naturgerechter Umbau des Agrarsektors

Schützenhilfe bei seinem Bestreben, den Agrar- und Ernährungssektor im Einklang mit den Empfehlungen der Zukunftskommission Landwirtschaft klima- und naturgerecht zu reformieren, erhält Özdemir von seiner Parteigängerin Lemke. In den Fokus nimmt sie den Einsatz von Pestiziden. “Wir brauchen eine deutliche Verringerung, wenn wir das Insektensterben aufhalten wollen.“ Finanzielle Anreize, notfalls aber auch das Ordnungsrecht, sollen die Bauern dazu bewegen, die Giftspritze seltener einzusetzen.

Comeback der Verbotspartei?

Ist sie wieder zurück – die Verbotspartei? Am liebsten würden auch die grünen Politiker auf Einsicht und freiwilligen Sinneswandel vertrauen, lassen sie keinen Zweifel.

Doch allzu weit ist es damit wohl nicht her, wie ein jüngstes sozialpsychologisches Experiment der Uni Bonn offenbart. Ein Forscherteam um Nina Weingarten informierte eine Gruppe von Mensaessern ausführlich, welche massiven Umweltprobleme mit der Fleischerzeugung einher gehen. Ein zweite Gruppe wurde über die Gesundheitsgefahren eines täglichen Fleischkonsums aufgeklärt.

Aufklärung ohne Effekt

Bewirkt hat die Aufklärung kaum etwas. Im Vergleich zu einer uninformierten Kontrollgruppe griffen die Probanden am Ende der Kampagne fast genauso oft zu Schnitzel und Steak wie vorher. Der Verhaltenseffekt der Kampagne tendierte gegen Null, so das ernüchternde Fazit.

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Von Dieter Dürand