Die Bundesregierung will den Ausbau der erneuerbaren Energien bremsen, wo der Ausbau der Stromnetze stockt. Das ist falsch, sagt die Berliner Denkfabrik Energy Watch Group in ihrer Agenda 2026 zum Gelingen der Energiewende.

Die Einsicht ist nicht neu: „Ein zügiger Ausbau der Netze ist entscheidend für das Gelingen der Energiewende. Die Bundesregierung hat heute die Weichen dafür gestellt, den Netzausbau weiter zu beschleunigen.“ Das sagte vor ziemlich genau 13 Jahren der damalige Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler von der FDP. Doch allein die Weichenstellung brachte nicht genug, um etwa Windstrom aus dem dünnbesiedelten Norden Deutschlands problemlos in die bevölkerungs- und industriereichen Regionen weiter südlich zu transportieren. Von den etwa 9600 Kilometern erforderlichen Hochspannungsübertragungsleitungen, für die die Bundesnetzagentur zuständig ist, waren Anfang dieses Jahres erst rund 4 700 Kilometer abgeschlossen. Und die zentralen Nord-Süd-Verbindungen sind zwar im Bau, eine Inbetriebnahme wird aber erst in den Jahren 2027/2028 erwartet. Dies führt regelmäßig zu Engpässen, bei denen die Erzeugung von erneuerbarem Strom teuer abgeregelt werden muss. Der zögerliche Fortschritt ist für die Bundesregierung ein Vorwand, um den Ausbau der erneuerbaren Energien zu bremsen, bis das Stromnetz weiter ausgebaut ist.
Was gesagt wird…
Laut Bundeswirtschaftsministerium muss der Ausbau der Stromnetze und der erneuerbaren Stromerzeugung synchron erfolgen. Gemeint ist damit, dass der Ausbau der Wind- und Solarkraft gebremst werden müsse, solange sich der Ausbau der Stromnetze hinziehe.
Was zutrifft…
+ Mit seiner Behauptung verschweigt das Bundeswirtschaftsministerium, dass es sehr wohl möglich ist, die erneuerbaren Energien weiter zügig auszubauen, auch wenn der Ausbau des Stromnetzes nur langsam vorankommt. Denn in den durchschnittlich großzügig ausgelegten regionalen Verteilnetzen gibt es noch ungenutzte Kapazitäten. Hier ist ein Ausbau erneuerbarer Erzeugung unproblematisch. Wo wieviel freie Kapazitäten liegen, ist den Verteilnetzbetreibern mangels Echtzeitmessung innerhalb ihrer Netze jedoch nur zum Teil bekannt. Dies muss schleunigst geändert werden. Auch in den überregionalen Übertragungsnetzen gibt es noch freie Kapazitäten, die mit einem modernen Monitoring für den Wind- und PV-Zubau erschließbar sind.
+ Den Anschluss eines Stromerzeugers an das Netz kann man „überbauen“, wie Fachleute sagen, das heißt, man kann durch geschicktes Kombinieren von Erzeugerleistung mehr Erzeuger anschließen. Das kann 50 bis 100 Prozent mehr sein, zum Beispiel indem eine Solaranlage und Großbatterie oder eine Solaranlage und ein Windrad kombiniert werden, die zusammengerechnet eine höhere Kapazität haben, als der Netzanschluss verkraftet. Da jedoch beide Anlagen ihren Strom in aller Regel zeitversetzt ins Netz einspeisen, lassen sich diese so steuern, dass die Leistungsfähigkeit des Netzanschlusspunktes nicht überschritten wird. Das ist nebenbei auch wirtschaftlich, weil sich die heutige Gesamtkapazität von knapp 200 Gigawatt an Batteriespeichern, Wind- und PV-Anlagen ohne Netzausbau in etwa verdoppeln lässt und mit dem zügigen Speicherausbau mehr günstiger Wind- und Solarstrom nutzbar wird.
+ Die Netzentgelte sind inzwischen fast so hoch wie die Kosten der Stromerzeugung. Netzentgelte, die entfernungsabhängig sind und auch bei kleineren Stromverbrauchern nach dem Beitrag zur Leistungsspitze erhoben werden, schaffen starke Anreize, neue Anlagen zur Stromerzeugung näher am Verbraucher anzusiedeln und die Nachfrage nach Strom aus den Zeiten der maximalen Last im Netz in heraus zu verlagern. Das setzt über die Zeit erhebliche Kapazität im Netz frei für den Anschluss von mehr Wind-, Solar und Speicheranlagen. Zudem senkt dies die Netzkosten für alle.
+ Der Monitoringbericht der Bundesregierung zum Stand der Energiewende zeigt eine Reihe von Ansätzen, wie der Ausbau der Stromnetze beschleunigt werden kann. Darauf ist das Bundeswirtschaftsministerium in seinen im September vergangenen Jahres vorgestellten zehn Punkten zur weiteren Gestaltung des Ausbaus und des Strommarktes mit keinem Wort eingegangen.
+ Aus all diesen Gründen ist es in den kommenden Jahren – trotz begrenzter Netzkapazität – weder erforderlich noch wirtschaftlich, den Ausbau der erneuerbaren Energien zu bremsen.
Geboten ist…
… alle Verteilnetzbetreiber zu verpflichten, ihre Netze bis 2028 in Echtzeit zu messen und freie Kapazitäten laufend zu veröffentlichen;
… Anlagenbetreibern den Rechtsanspruch zu geben, ihre Netzanschlüsse mit Anlagen zu überbauen, die eine zeitversetzte Einspeisung von Strom aus Batterien sowie Wind- und Solaranlagen erlauben oder die ein hoher steuerbarer Stromverbrauch auszeichnet. Dies können zum Beispiel Elektrolyseure zur Nutzung überschüssigen Stroms für chemische Prozesse wie die Wasserstoffproduktion sein.
… entfernungsabhängige und zeitlich dynamische Netzentgelte einzuführen, um wirtschaftliche Anreize für systemdienliche Nachfrageverlagerung und verbrauchsnahe Stromerzeugung zu schaffen;
… aus den Ursachen für den schleppenden Netzausbau umgehend effektive Maßnahmen zur Beschleunigung abzuleiten und umzusetzen;
… nur wenn diese Optionen ausgeschöpft sind und an einzelnen Netzabschnitten dennoch mehr Anschluss verlangt werden als Kapazität vorhanden ist, sollten neue Anschlüsse und damit auch der Zubau erneuerbarer Stromerzeugung befristet begrenzt werden.


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