Agenda 2026: Für die Versorgungssicherheit braucht es keine Gaskraftwerke, sondern mehr Erneuerbare und Batterien

Um die Versorgungssicherheit bei wenig Wind und Sonne zu sichern, braucht es keine fossilen Gaskraftwerke, wie die Bundesregierung behauptet. Besser, kostengünstiger und klimafreundlicher sind Batterien und mehr erneuerbare Energien, sagt die Berliner Denkfabrik Energy Watch Group in ihrer Agenda 2026 zum Gelingen der Energiewende.

Geplantes Gaskraftwerk von RWE in Voerde am Niederrhein: Unnötig und zu teuer, um bei einer Dunkelflaute einzuspringen (Modellskizze: RWE)
Geplantes Gaskraftwerk von RWE in Voerde am Niederrhein: Unnötig und zu teuer, um bei einer Dunkelflaute einzuspringen (Modellskizze: RWE)

Der unschlagbar günstige Wind- und Solarstrom hat einen großen Nachteil. Die Anlagen tragen kaum zur Stromversorgung bei, wenn die Sonne nicht oder zu wenig scheint und/oder wenn kein oder zu wenig Wind weht. Wenn gar nichts geht, nennen Fachleute das Dunkelflaute. Laut dem Netzbetreiber Amprion mit Sitz in Dortmund, passiert es im Jahr etwa sechsmal, dass Strom- und Photovoltaikanlagen über 24 Stunden hinweg keinen Strom liefern. Oft explodieren dann die Strompreise an der Leipziger Strompreise auf das Zwanzig- und Mehrfache. Um derlei zu verhindern, braucht es Stromquellen, die ganz schnell an- und abgeschaltet werden können, sogenannte Sicherheits- oder steuerbare Kapazitäten. Geht es nach der ehemaligen Energiekonzernmanagerin und heutigen Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reicher (CDU), sollen neue fossile Gaskraftwerke dafür sorgen. Anlagen mit einer Leistung von insgesamt zwölf Gigawatt will Reiche dazu deutschlandweit jetzt ausschreiben, das dürfte rund 20 Gaskraftwerken entsprechen, die bei zu wenig Strom aus erneuerbaren Energien einspringen sollen. Doch das ist unnötig, viel zu teuer und obendrein klimaschädlich, sagt die Berliner Denkfabrik Energy Watch Group in ihrer Agenda 2026 zum Gelingen der Energiewende. Es gebe kostengünstigere, bessere und klimafreundliche Alternativen, so der sechste von insgesamt elf Punkten in der Forderungsliste, über die Greenspotting exklusiv berichtet.

Gesagt wird…

… 2026 müssten Gaskraftwerke, gemeint sind Erdgaskraftwerke, ausgeschrieben werden, um in der Zeit nach dem geplanten Kohleausstieg bis spätestens 2038 genug sogenannte steuerbare Stromerzeugungskapazitäten zur Verfügung zu haben. Das sind Kraftwerke, die im Gegensatz zu Solar- und Windanlagen, schnell zu- und abgeschaltet werden können. Dafür sei eine Stromerzeugungskapazität von mindestens zwölf Gigawatt nötig, was rund 20 Gaskraftwerken entspricht. Diese Gaskraftwerke sollen mit einer sogenannten Umstellungsperspektive auf Wasserstoff ausgeschrieben werden, das heißt, sie sollen auf die Verbrennung von Wasserstoff, möglicherweise grünem, anstelle fossilen Erdgases umgestellt werden können. Nach der Vergabe des Gastkraftwerkbaus soll sodann, im Jahr 2027, ein Markt für weitere steu­er­bare Stromerzeugungskapazitäten geschaffen werden. Dies soll dann technologieoffenen erfolgen, also auch andere Möglichkeiten als fossile Gaskraftwerke zulassen.

Richtig ist…

  • Um die Stromversorgung in Dunkelflauten zu sichern, kann in vielen Fällen auf (grünen) Strom aus dem Ausland zurückgegriffen werden, da selten alle Nachbarländer Deutschlands gleichzeitig eine Dunkelflaute erleben. Diese Möglichkeit muss ausgebaut werden. Auf diese Weise lässt sich ein großer Teil der Stromkapazität, die zur Überbrückung solar- und windenergiearmer Zeiten nötig ist, die sogenannte Residuallast, minimieren beziehungsweise sehr kostengünstig abdecken.
  • Ausschließlich für die dann noch verbleibende Residuallast ist eine steuerbare Stromerzeugung aufzubauen, keinesfalls jedoch in dem von Ministerin Reiche vorgesehenen Umfang.
  • Der Bau neuer, fossiler Gaskraftwerke widerspricht den Klimazielen der Bundesregierung bis 2045. Nähme sie diese ernst, dürfte sie nicht von einer „Umstellungsperspektive“ auf Wasserstoff sprechen, sondern von einer definitiven „Umstellung“ oder von einer „Stilllegung“ der Gaskraftwerke.
  • Im Vergleich zu fossilen Gaskraftwerken ließen sich Biogaskraftwerke deutlich schneller auf steuerbare Kraftwerke umzurüsten. Zudem bieten die beste­henden Biogaskraftwerke mit Umrüstung schon in wenigen Jahren etwa dreimal so viel steuerbare Kapazität, wie die von der Bundesregierung derzeit avisierten Erdgaskraftwerke, die frühestens Anfang der 2030er Jahre in Betrieb gehen können.
  • Die Gestehungskosten für Strom aus umgerüsteten Biogasanlagen belaufen sich etwa 40 Cent pro Kilowattstunde.
  • Die Umrüstung der fossilen Gaskraftwerke auf Wasserstoff kostet in etwa soviel wie ein Neubau. Das heißt, die Erd­gaskraftwerke wären bis 2045 vollständig abzuschreiben. Diese Kosten führen dazu, dass die Stromgestehungskosten der fossilen Gaskraftwerke bis 2045 gute 40 Cent pro Kilowattstunde betragen werden, nach Umrüstung auf grünen Wasserstoff jedoch auf 70 Cent pro Kilowattstunde steigen werden. Damit sind die fossilen Gaskraftwerke  der Bundesregierung die teuerste verfügbare Lösung für die Dunkelflaute.
  •  Der Bedarf an diesen teuren Kraftwerken lässt sich durch den Ausbau von Stromspeichern kürzere Dunkelflauten überbrücken. Damit kann überschüssiger Strom aus Erneuerbaren Energien gespeichert und in wind- und sonnenarmen Zeiten wieder abgerufen werden. Eine aktuelle Untersuchung der Internationalen Energie Agentur (IEA) in Paris zeigt, dass die Kosten pro Kilowattstunde gespeichertem Strom in den vergangenen fünf Jahren auf ein Drittel gesunken sind. Die Kosten des Stroms aus diesen Speichern liegt im Lebenszyklus bei etwa 20 Cent pro Kilowattstunde.
Kosten des Stroms aus Batterien: Drittelung in fünf Jahren (Quelle: IEA)

Geboten ist…

  • … der konsequente Ausbau der der Stromaustauschstellen, der sogenannten Innerkonnektoren, zwischen den Nachbarländern mit dem Ziel, möglichst nahe an die benötigte steuerbare Erzeugungskapazität in Deutschland zu gelangen;
  • der Verzicht auf neue Erdgaskraftwerke, da diese sowohl die teuerste als auch die klimaschädlichste steuerbare Stromerzeugung sind;
  • die Schaffung eines technologieoffenen Marktes für erneuerbare, steuerbare Stromerzeugungskapazitäten bereits in diesem Jahr, etwa mit Hilfe von Batterien, anderer Strom­spei­cher, flexibilisierten Biogas- und grünen Wasserstoffkraftwerken, Wasserkraft, abschalt­baren Stromverbrauchern und mehr; in anderen EU-Ländern ist das bereits gängige Praxis. Für niedrige Stromkosten und schnellen Hochlauf sollten diese Stromerzeugungskapazitäten ebenfalls eine feste Vergütung über 20 Jahre für den eingespeisten Strom erhalten.

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