Die Bundesregierung will die erneuerbaren Energie bremsen und erst das Stromnetz weiter ausbauen. Die Berliner Denkfabrik Energy Watch Group hat untersucht, ob die Schlussfolgerung stimmt. Greenspotting veröffentlicht den Check exklusiv.

Laut Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) muss der Zubau von erneuerbaren Energien gebremst werden. Dies ist eine von elf Behauptungen, die unter anderem von der ehemaligen Energiekonzernmanagerin verbreitet werden. Die Berliner Denkfabrik Energy Watch Group hat diese Behauptungen überprüft, Greenspotting veröffentlicht den Check in loser Reihenfolge. Dieses Mal geht es um die
BEHAUPTUNG: Der Ausbau der Stromnetze und der erneuerbaren Stromerzeugung muss synchron erfolgen.28 Zu diesem Zweck muss mit verschiedenen Maßnahmen30 der Ausbau von Wind- und Solarenenergie sowie von Batteriespeichern gebremst werden, weil das vorhandene und nur langsam wachsende Netz nicht genügend zusätzlichen grünen Strom aufnehmen könne.
ZUTREFFEND IST JEDOCH: Es gibt erhebliche freie Kapazitäten im Bestandsnetz. Zudem kann sowohl der Ausbaubedarf relativ leicht gesenkt als auch das Ausbautempo erhöht werden. Der Ausbau der Erneuerbaren muss deshalb gelenkt, aber nicht gedrosselt werden. Sollte der Ausbau der Erneuerbaren verlangsamt werden, können die Klimaziele nicht erreicht werden,
während die Verbraucher mit höheren Stromkosten rechnen müssen.
Die Fakten
Kapazitäten – Der Netz-Ausbaubedarf wird durch die jährliche Leistungsspitze für Leitungen und Umspannwerke im Netz bestimmt. Die im Bestandsnetz mögliche Leistungsspitze ist an vielen Stellen noch nicht erreicht. Deshalb ist ein Bremsen der Netzanschlüsse und damit des Erneuerbaren-Ausbaus noch nicht erforderlich. Laut Monitoringbericht der Bundesregierung sind in den Übertragungsnetzen bis 2030 keine relevanten Netzengpässe zu erwarten.31 An vielen Stellen in den Verteilnetzen bestehen darüber hinaus noch freie Kapazitäten, die ungenutzt sind.32
Spielräume – Erneuerbare können noch in erheblichem Umfang ausgebaut werden, ohne relevanten Netzausbau zu erfordern. Es gibt große und rentable Potenziale, die im Netz bei Ausbau entstehende und ausbaubestimmende Leistungsspitze zu senken
- Überbauung – Es sind derzeit etwa 220 Gigawatt-Peak (GWp, maximale Spitzenleistung) an Wind- und Photovoltaik-Erzeugung am Netz.33 Wenn man den Betreibern das Recht zur Überbauung dieser Netzanschlüsse gibt, also zum Anschluss von mehr Leistung als vorgesehen, ist etwa doppelt so viel an Wind und Photovoltaik, flexibilisierter Bioenergie, Batteriespeichern und Elektrolyse mit geringem oder keinem Netzausbau anschließbar. Da Wind, Photovoltaik und Batterien sich in der Einspeisung in der Regel ergänzen, lässt sich allein damit der bis 2030 benötigte Ausbau an Erneuerbaren und Speichern mit dem bestehenden Netz weitgehend abdecken.34
- Preisanreize – Sie können die Nachfrage steuern. Dabei senken sie die Leistungsspitze im Netz deutlich35 und führen effizient gestaltet zu geringeren Kosten als der Netzausbau. Dies erfordert einen beschleunigten Roll-Out von intelligenten Stromzählern, sogenannten Smart Metern, sowie von dynamischen Stromtarifen und Netzentgelten. Eine fast hundertprozentige Abdeckung mit Smart Metern in Deutschland wäre mit zehn Prozent der Elektrikerkapazität in etwa vier Jahren machbar.36
- Regionale Steuerung – Der Ausbau von Wind-, Photovoltaik- und steuerbaren Kapazitäten lässt sich regional so lenken, dass die Systemkosten – also die Gesamtkosten für Erzeugung sowie für Netzausbau und -betrieb – sinken.37 Diese regionale Steuerung ist in Vergaben neuer Grünstrom-Erzeugungskapaziäten nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz einfach integrierbar.
Netzausbau – Der Monitoringbericht bietet zudem einige Ansatzpunkte zur Beschleunigung des Netzausbaus38, auf den die Bundesregierung noch nicht erkennbar eingegangen ist. Erst wenn all diese Möglichkeiten ausgeschöpft worden sind und die Netzkapazität stellenweise dennoch nicht ausreicht, kann ein lokales Bremsen des Ausbaus notwendig sein.
Das ist jedoch die ein letztes Mittel, eine „ultima ratio“, nicht die erste zu ergreifende Maßnahme wie das Bundeswirtschaftsministerium es derzeit nahegelegt.
Von Hartmut Fischer und David Goeßmann
Quellen:
28 S. 5 Punkt 3 in Klimaneutral werden – wettbewerbsfähig bleiben, BMWE, 2025
29 S. 5-8, Punkte 4-10 3 in Klimaneutral werden – wettbewerbsfähig bleiben, BMWE, 2025
Dies findet sich so auch im dann Anfang 2026 vorgelegten Entwurf des „Netzpakets“ wieder.
Siehe Viel Kritik an Plänen Reiches zu Reformen in Energiewende, Die Welt, 2026
30 „Netzpaket“ des BMWE: Was der Referentenentwurf für Netzanschluss, Redispatch 2.0 und EE-
Projekte bedeuten könnte, Rödl GmbH, 2026: Siehe dort den Abschnitt „Kapazitätslimitierte Netzbereiche und Redispatchvorbehalt“ zur Einschränkung des Netzzugangs für Erneuerbare und Speicher und der Einspeisevergütung bei Netzengpässen „Baukostenzuschüsse (BKZ) auch für Erzeugungsanlagen“ zur Erhebung von Baukostenzus-
chüssen beim Anschluss von Anlagen nach dem Erneuerbaren Energien Gesetz (EEG)
31 S. 13, erster Anstrich im Abschnittt „Analyse des Stands des Übertragungsnetzausbaus“ in
Energiewende. Effizient. Machen. Monitoringbericht zum Start der 21. Legislaturperiode, BMWE,
2025
32 S. 10 und 110, Gutachten für die dena-Verteilnetzstudie II, dena, 2025
S. 19, Kostensenkungspotenziale im Verteilnetz, Tim Meyer, 2026
33 117 GW Photovolatik, 68 GW Wind an Land, 10 GW Wind auf See – siehe Ausbau Erneuerbarer
Energien 2025, BNetzA, 2026
25 GW Batteriespeicher – siehe Stromerzeugung in Deutschland im Jahr 2025, Fraunhofer ISE,
2026
34 S. 105, Energiewende. Effizient. Machen. Monitoringbericht zum Start der 21. Legislaturperiode,
BMWE, 2025
35 S. 103+104, Energiewende. Effizient. Machen. Monitoringbericht zum Start der 21.
Legislaturperiode, BMWE, 2025
36 Eigene Auswertung der Energy Watch Group: Nach Aussagen aus der Branche ggü. der Energy
Watch Group sind je Elektriker und Arbeitstag 10 Smart Meter umstellbar. Bei nur 5 Umstellung-
en pro Tag und 220 Arbeitstagen sind pro Vollzeitbeschäftigten Elektriker 1.100 Smart Meter
installierbar. Bei insgesamt 55 Millonen Stromanschlüssen in Deutschland (S. 157, Energiewende.
Effizient. Machen. Monitoringbericht zum Start der 21. Legislaturperiode, BMWE, 2025) sind für
Umstellung damit eine Elektriker-Arbeitszeit im Umfang von maximal 50.000 Personenjahren
erforderlich. Bei Einsatz von nur 2% der 516.709 Beschäftigten im Elektrohandwerk (Branchen-
kennzahlen, ZVEH, 2025) ist dies in knapp 5 Jahren leistbar.
37 S. 106+107, Energiewende. Effizient. Machen. Monitoringbericht zum Start der 21.
Legislaturperiode, BMWE, 2025
38 S. 202-210, Energiewende. Effizient. Machen. Monitoringbericht zum Start der 21.
Legislaturperiode, BMWE, 2025

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