Dämmen am Bau – Laborwerte haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun

Viele Bauvorschriften beruhen auf theoretischen Modellen, die von idealen Bewohnern ausgehen. Neue Untersuchungen belegen, dass Spitzenstandards beim Dämmen deshalb kaum ökologischen Nutzen bringen.

Dämmen nutzt wenig, wenn die Fenster dauernd offen stehen (Rainer Sturm/Pixelio.de)
Dämmen nutzt wenig, wenn die Fenster dauernd offen stehen (Rainer Sturm/Pixelio.de)

Die High-End-Förderung beim Dämmen am Bau gerät zunehmend unter Beschuss. Neuere Untersuchungen belegen, dass Spitzenstandards beim Dämmen sich weder klimapolitisch noch kaufmännisch rechnen. Der Grund: Die meisten Dämmvorschriften gehen von Laborwerten aus. Sie ignorieren das Verhalten der Bewohner. Im Alltag fallen deshalb auch bei maximal gedämmten Häusern deutlich höhere Heizkosten an als erwartet.

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Der Architekt Florian Nagel hatte dazu mit Forschern der Technischen Universität München sieben baugleiche Häuser einer Wohnungsiedlung in Heidelberg saniert. Die Häuser stammten aus den Fünfzigerjahren. Einige wurden höchst aufwendig auf KfW-Standard-55 gebracht. Bei anderen begnügten sich die Forscher mit KfW-Standard-85. Oder sie ließen nur im Wohnzimmerfenster die Glasscheibe auswechseln und die Kellerdecke dämmen.

Mini-Sanierungen lohnen sich

Diese Mini-Variante kostete nur rund 160 Euro pro Quadratmeter; die Variante nach KfW-Standard-55 war mit 1750 Euro pro Qudratmeter etwa elfmal teurer. Bei der Maximalsanierung wurden alle Fenster getauscht, die Fassade gänzlich gedämmt, Wärmebrücken beseitigt und vorstehende Balkonplatten eingepackt. Das Ergebnis der Spitzenrenovierung war enttäuschend: Pro Tonne eingespartem CO₂ zahlten die Sanierer das Vierfache der Einfachsanierungen. Auch die Einsparungen beim Energieverbrauch hielten sich bei der Top-Sanierung in Grenzen.

Nagler hatte vor Beginn der Baumaßnahmen den Energieverbrauch der etwa hundert baugleichen Wohnungen in der Heidelberger Siedlung analysiert. Erstaunliches Ergebnis: Der Verbrauch schwankte zwischen 20 und 300 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Das Auseinanderklaffen der Verbräuche bestätigt, dass die Heizgewohnheiten der Bewohner den Energieverbrauch viel stärker beeinflussen als die bauliche Qualität.

Bewohnerverhalten killt Laborwerte

Bereits vor Jahren hatte ein Forschungsprojekt der Universität Aarhus festgestellt, dass technisch bedingte Einsparungen häufig durch das Verhalten der Nutzer teilweise zunichte gemacht werden. So können geringere Energieverluste nach baulichen Veränderungen die Bewohner dazu verleiten, höhere Raumtemperaturen einzustellen oder verschwenderisch zu lüften. Die dänischen Forscher prägten dazu den Begriff Reboundeffekt. Das Umweltbundesamt schätzt den möglichen Mehrverbrauch nach energetischen Sanierung immerhin auf zehn bis 30 Prozent ein. Vermindert eine Sanierung also die physikalisch bedingten Wärmeverluste eines Hauses um 50 Prozent, so beträgt die tatsächliche Einsparung im Durchschnitt nur 30 Prozent, weil die Bewohner – im Wissen um den verminderten Energiebedarf des Hauses – großzügiger heizen und lüften.

Zusätzlich gibt es einen Preboundeffekt. Eine umfassende Literaturanalyse des Umweltbundesamtes kommt zu dem Schluss, dass die tätsächlichen Verbräuche deutscher Wohngebäude um 30 Prozent unter den errechneten Energiekennwerten liegen. Ursache: Der Normalbürger heizt anders, als Bauexperten und Gesetzgeber es in ihren Normen festsetzen. In deren Welt heizen die Bewohner auch bei längerer Abwesenheit die Wohnung weiter. Sie beheizen grundsätzlich alle Zimmer mehr oder weniger gleich – auch die der längst ausgezogenen Kinder oder die Schlafräume.

Die Abweichung von der Norm ist um so höher, je schlechter die Wohnung isoliert ist. Das leuchtet – zumindest Nichtexperten – ein: Nutzer, die um die schlechte Isolierung ihres Hauses wissen, verhalten sich beim Heizen besonders umsichtig. Folglich liegen in Wohnungen mit hohen Energiekennwerten – wie zum Beispiel 300 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr – die real gemessenen Verbräuche im Schnitt sogar 40 Prozent tiefer, als die offiziellen Kennzahlen angeben.

Selbst in besser isolierten Wohnungen mit Werten von 150 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr liegen die tatsächlichen Verbräuche 17 Prozent tiefer. Zur Einordnung: Energiekennwerte von mehr als 250 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr sind typisch für Häuser, die älter als 50 Jahre sind, 150 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr sind typisch für Gebäude der Achtzigerjahre. Moderne Neubauten verlieren – laut Norm – nur 30 bis 70 Kilowattstunden pro Jahr und Quadratmeter.

Enttäuschender Spareffekt

Renovierungen lohnen sich folglich deutlich weniger, als Bau- und Heizungsfirmen auf ihren Internetportalen den Kunden und Interessenten vollmundig versprechen. Denn die erwähnten Rebound- und Preboundeffekte zusammen genommen ermöglichen in der Regel nur Einsparungen, die in der realen Welt der Hausbewohner oft um mehr als die Hälfte geringer sind als nach den Normwerten errechnet. Hinzu kommt noch der abnehmende Nutzen bei besonders aufwendigen Sanierungen. Denn eine Verdoppelung der Investionen bringt keine Verdoppelung der Einsparungen.

Der Immobilienexperte Harald Simons, Vorstandsmitglied des Forschungsinstitut Empirica AG, brachte dieses Problem in einen Greenspotting-Interview auf den Punkt: „Wie viel kostet mich der Mehraufwand für die letzten eingesparten Kilowattstunden für die Heizung? Da lohnt sich zwar eine höhere energetische Qualität, aber die letzten zwei Zentimeter Dämmung bringen nicht viel. In der aktuellen Diskussion schauten viele nur auf Durchschnittswerte und sagen: ’28 Zentimeter Dämmung sind doch super.‘ Dass 26 Zentimeter sich vielleicht noch viel mehr rechnen würden, interessiert kaum einen.“

Baubranche freut sich über Staatsknete

Nötig wäre – spätestens nach den enttäuschenden Ergebnissen des Heidelberger Experiments von Architekt Julius Nagel – zumindest eine Reform der Förderpolitik. Immerhin betrug die Bundesförderung für effiziente Gebäude im vergangenen Jahr über 16 Milliarden Euro. Tatsächlich bewirken diese Ausgaben ökologisch und okönomisch wenig. Sie sind ordnungspolitisch ein Skandal und bringen den Markt durcheinander.

Sie helfen allerdings den Zulieferern der Bauindustrie. Tatsächlich gibt es wenige Industrien, die in der Vergangenheit vergleichbare Preiserhöhungen durchsetzen konnten. Wenig erstaunlich, denn Häuslebauer und Großinvestoren spüren die überhöhten Preise dank reichlich fließender Staatsknete nur gedämpft.

Mehr: Wirtschaftswoche; Institut für Baubiologie + Nachhaltigkeit

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