Eine Wasserstoffproduktion im großen Stil in Marokko wäre absurd

Politiker in Deutschland träumen davon, in Marokko klimafreundlichen Wasserstoff für die hiesige chemische Industrie zu produzieren. Dem Wüstenland würde das aber vermutlich mehr schaden als nützen.

Satelliten-Aufnahme des Solarkraftwerks Noor im südmarokkanischen Ouarzazate: Wasserstoff oder Leben (Foto: ESA)

Der scheidende Entwicklungshilfeminister Gerhard Müller (CSU) zeigte sich stolz, im Interview mit Greenspotting die Pläne der Bundesregierung für eine Kooperation mit Marokko präsentieren zu könnnen. Marokko, so die Idee, baut riesige Solarparks in der Sahara, mit deren Strom das Land dann klimaneutral Wasserstoff etwa für die deutsche Chemieindustrie produzieren kann. Ein Pakt, so scheint es, bei dem beiden Seiten gewinnen. Den erste Riesensolarpark hat Marokko bereits in Betrieb genommen: die Anlage Noor, 2016, in Ouarzazate südlich des Hohen Atlas, wo einst der Wüstenschmachtstreifen “Lorenz von Arabien” gedreht wurde.

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Doch der Schein trügt. “Wasserstoffproduktion in großem Maßstab in Marokko ist absurd”, hält Jamal Chaouki, Professor für Verfahrenstechnik an der Polytechnischen Hochschule im kanadischen Montreal, dagegen. Grund sei der hohe Wasserbedarf, um Wasserstoff durch die Spaltung von Wasser in Sauer- und Wasserstoff herzustellen – und das in einem Wüstenland wie Marokko.

Dramatischer Appell

“Wir wissen, Wasser, das ist das Leben. Man darf nicht vergessen, dass Marokko ein Agrarland ist, das enorme Wasserprobleme hat”, so Chemieprofessor Chaouki. “Man stelle sich die Reaktion der Bauern vor, wenn man ihnen sagen würde, sie könnten das Wasser nicht nutzen, weil man es für die Produktion von Wasserstoff nutzen werden! Man muss entscheiden, Wasser oder Leben.”

Gigantischer Wasser- und Finanzbedarf

Seinen dramatischen Appell begründet der Verfahrenstechniker mit zwei Rechnungen. Die eine gilt dem Wasserbedarf für eine Wasserstoffproduktion großen Stils. Um mit Hilfe von Solarstrom 140 000 Tonnen Wasserstoff pro Jahr zu produzieren, brauche man so viel Wasser wie eine Stadt mit 200 000 Einwohnern, umgerechnet 600 olympische Schwimmbecken. Die andere Rechnung bezieht sich auf die Investitionen, die für eine Wasserstoffproduktion in dieser Größenordnung erforderliche wären. Denn dazu wäre der Bau eine Giga-Solaranlage mit einer Leistung von mindestens 1,5 Gigawatt nötig, das entspricht eineinhalb großen Kohlekraftwerken. “Vergleicht man das mit dem Solarpark Noor mit seinen etwa 600 Megawatt, wären das zwei bis dreimal so viel”, so Chaouki. “Die Investitionen wären also enorm, im Minimum 2,5 Milliarden Dollar.”

Der weltgrößte Chemiekonzern, BASF im pfälzischen Ludwigshafen, lässt sich auf solche Konflikte erst gar nicht ein und baut zusammen mit dem Essener Energiekonzern RWE Windparks in der Nordsee, um grünen Wasserstoff zu produzieren.

Mehr: H24info

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