Fliegen ohne Scham? Bundesregierung legt Fahrplan für nachhaltig produziertes Kerosin vor

Wieder ein Ankündigung zur Bewältigung der Klimakrise. Bund, Luftfahrtbranche und Mineralölwirtschaft peilen an, dass Flugzeuge, die 2030 von deutschen Flughäfen abheben, mit 200 000 Tonnen grünem Kerosin betankt werden. Umweltschützer halten den Plan für schlecht.

Betankung eines Flugzeugs mit Biosprit Traum vom klimaneutralen Fliegen mit grünem Kerosin Foto: Airbus

“Flieger, grüß mir die Sonne”, schmetterte Schauspieler Hans Albers Anfang der 1930iger Jahre im UFA-Film “F.P.1 antwortet nicht”. Mit der PtL-Roadmap erhält der Text neue Bedeutung. Das Kürzel steht für Power-to-Liquid, ein Verfahren, bei dem, vereinfacht ausgedrückt, aus elektrisch erzeugtem Wasserstoff unter Beigabe von CO2 flüssiges Kerosin erzeugt wird. Und stammt der Strom aus regenerativen Quellen wie Sonnen- und Windkraftwerken, gilt das Flugbenzin als grün, mithin ökologisch unbedenklich.

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Weiter Weg zur Klimaneutralität

Die 200 000 Tonnen, die in neun Jahren zur Verfügung stehen sollen, würden ausreichen, um ungefähr ein Drittel des innerdeutschen Flugverkehrs mit Biosprit zu versorgen. Bezogen auf alle Starts von hiesigen Airports tankten jedoch gerade einmal zwei Prozent der Jets sauberen Treibstoff. Ein weiter Weg also noch bis zur 100prozentigen Klimaneutralität, die die Regierung für 2045 verspricht.

Zumal noch viele technische und wirtschaftliche Hürden zu überspringen sind. Zunächst müssen erst einmal Pilotanlagen aufgebaut werden, um die Gewinnung des synthetischen Kraftstoff im großen Stil zu beherrschen. Noch ungeklärter die Frage: Wo sollen eigentlich die riesigen Mengen Strom herkommen, die für die Produktion der E-Fuels notwendig sind? Allein für die anfangs angestrebten 200 000 Tonnen Kunstkerosin müssten mehr als 400 große Windmühlen aufgestellt werden.

Große Umwandlungsverluste bei der Produktion von E-Fuels

Der Stromhunger erklärt sich aus den hohen Umwandlungsverlusten, die bei der Wasserstoffherstellung entstehen. Je nach Verfahren gehen nach heutigem Stand 50 Prozent und mehr der eingesetzten elektrischen Energie verloren. Dennoch hält der Wasserstoffexperte des Karlsruher Fraunhofer Instituts für System- und Innovationsforschung ISI, Martin Wietschel, die Entwicklung von E-Kerosin gerade in der internationalen Luft- und Schifffahrt für alternativlos.

“In einer klimaneutralen Wirtschaft sind grüner Wasserstoff und seine Derivate wie E-Kerosin im Fernverkehr nicht wegzudenken”, sagt er im exklusiven Greenspotting-Interview.

Airbus kündigt für 2035 erster Wasserstoff-Flugzeug an

Auch die Flugzeugbauer wissen, dass von einem Durchbruch bei sauberem Sprit ihre Zukunft abhängt. Airbus kündigte vergangenes Jahr an, bis 2035 als erster Hersteller weltweit ein Passagierflugzeug mit Wasserstoffantrieb zu produzieren. Und präsentierte dafür drei Konzepte. Hoffnung macht der Branche zudem ein Verfahren, das ein Forscherteam der Universität Oxford erprobt: Ein neuartiger effizienter Katalysator produziert aus Wasserstoff und CO2 ein Flugbenzin, mit den schon heutige Maschinen betankt werden könnten.

Besser Zug fahren statt fliegen

Rückt der Traum von der grünen Fliegerei also näher? Verkehrsexperten von Umweltverbänden bleiben skeptisch. Greenpeace-Mann Benjamin Stephan kritisiert: “Mit gerade einmal zwei Prozent synthetischen Kerosins verpasst die Flugbranche die neuen Klimaziele für den Verkehr meilenweit.” Jens Hilgenberg vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) schlägt vor, nach französischem Vorbild Inlandsflüge zugunsten von Schnellzugverbindungen zu verbieten. Das bringe auf einen Schlag deutlich mehr Klimaschutz.

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