Der jährliche Vernichtungsfeldzug französischer Jäger und Bauern gegen Fuchs, Krähe und anderes Getier kostet über hundert Millionen Euro. Er bringt aber nichts – außer Schäden an der Natur.

Jahr für Jahr schießen französiche Jäger rund 1,7 Millionen Wildtiere ab, die als schädlich gelten. Zu den Arten, die in unserem Nachbarland auch außerhalb der Jagdsaison zum Abschuss freigegeben sind, gehören Fuchs, Steinmarder, Baummarder, Iltis, Wiesel, Aaskrähe, Rabe, Elster, Eichelhäher und Star. Die Arten werden vor allem von Landwirten und Jägern als schädlich definiert.
Für die Jäger sind Raubsäuger wie Füchse und Marder Konkurrenten, weil auch sie Fasane, Rebhühner oder Kaninchen jagen. Die Landwirte hingegen klagen über Geflügelrisse durch Füchse und Marder sowie Saat- und Jungpflanzenverluste durch Raben und Krähen. Die Schäden durch Rabe, Marder, Fuchs & Co. liegen frankreichweit je nach Jahr und Schätzung zwischen acht und 23 Millionen Euro.
Schäden klein, Kosten hoch
Jedoch hat die betreffende Studie des Nationalen naturgeschichtlichen Museums (Muséum national d’Histoire naturelle) ermittelt, dass sich Kosten der Dezimierungsjagd auf 103 bis 123 Millionen Euro belaufen. Sie übersteigen damit die Schäden etwa um das Fünf- bis Fünfzehnfache. Die nationale Strecke von über 12 Millionen erlegten Wildtieren – allein in den Jahren zwischen 2015 und 2022 – stand in keinem Verhältnis zu den gemeldeten Schäden.
Darüber hinaus stellten die Forscher fest, das der Zusammenhang zwischen Schäden und folgender Bejagung gering war. Anders gesagt: Gejagt wurde nicht unbedingt da, wo die Schäden am höchsten waren. Ebenso gab es keinen Zusammenhang zwischen der Bejagung in den Vorjahren und dem Rückgang der Schäden in den Folgejahren. In manchen Regionen war das Verhältnis sogar umgekehrt: Je mehr Tiere einer Art in einem Jahr getötet wurden, desto größer waren die Schäden im Folgejahr. Das galt insbesondere für Eichelhäher und Stare. Es gibt folglich keinerlei handfeste Beweise für den Nutzen der massenhaften Vernichtung bestimmter Arten.
Fuchs – Nutzen überwiegt
Im Gegenteil: Die Vernichtungskampagnen der Jäger und Bauern hindern die Wildtiere daran, wichtige Öko-Leistungen zu erbringen. So erfüllen Eichelhäher eine wesentliche Funktion bei der Verbreitung von Samen. Der Rabenvogel vergräbt im Herbst Eicheln und trägt so zur Pflanzung vieler Eichen bei. Marder und Fuchs halten die Populationen von Ratten und Mäusen nieder. Füchse verzehren darüber hinaus Abfälle.
Zur Eindämmung von Krankheiten trägt die Abschlachtung der Tiere auch nicht bei. Denn die Gesundheitsgefahren, die zum Beispiel von Füchsen ausgehen sollen, halten sich in Grenzen. So ist die terristische Tollwut, als deren Hauptüberträger Füchse lange galten, in Frankreich seit dem Jahr 2001 verschwunden. Ähnliches gilt für den Fuchsbandwurm. Er ist einer der seltensten Parasiten in Europa. Die Gefahr eines Blitzschlages ist einer Studie der Universiät Würzburg zufolge deutlich höher als das Risiko einer Erkrankung an alveolärer Echinokokkose, die durch den Fuchsbandwurm übertragen wird.
Ministerium hält Studie zurück
Die Autoren der Studie empfehlen daher, die bisherige Politik zu überdenken. Die Forscher schlagen unter anderem vor, die Bemühungen auf tierschonende Strategien wie Saatgutschutz oder intelligenten Vogelscheuchen auszuweichen. Wie zu erwarten, stieß die Untersuchung auf entschiedene Ablehung bei den Interessenvertretern der französischen Agrarindustrie und der Jagdlobby. Die Studie liegt zwar dem Ministerium für Ökologischen Wandel vor. Das Ministerium wagte es aber zunächst nicht, die Analyse zu veröffentlichen. Der führenden französischen Tageszeitung Le Monde beschied das Ministerium auf eine diesbezügliche Anfrage, die Studie weise erhebliche Lücken auf. Eine solche Untersuchung erfordere eine nuancierte Betrachtung der Positionen aller betroffenen Seiten.
Jagdunwesen kaum reguliert
Kein Wunder: Die Verantwortlichen in dem Pariser Ministerium wissen, dass die Studie ein heißes Eisen ist. Würden die Vorschläge der Forscher umgesetzt, entfiele für die 1,2 Millionen französischen Jäger ein ganzjähriges, an keiner Saison gebundenes Jagdvergnügen. Ebenso wie die Landwirte sind die Jäger hervorragend organisiert. In der Vergangenheit erzielte ihre Partei bei Wahlen bis zu sieben Prozent der Stimmen.
In Frankreich ist Jagen Volkssport. Der Zugang zum Jagdschein ist deutlich einfacher als in Deutschland – auch, weil Einschränkungen die Landbevölkerung auf die Straße bringen könnten. Ein Resultat des Waidwerks für alle ist die höchste Zahl an Jagdunfällen in Europa. Um die Jahrtausendwende noch trafen die Jäger 232 Menschen, 39 starben. In der Jagdsaison 2022/23 starben allerdings nur noch sechs Menschen in Frankreichs Jagdgründen. Politiker und Jagdverbände hatten – unter dem Druck der städtischen Mehrheit über Jahre und in kleinen, unmerklichen Schritten – regelmäßige Kontrollen der Jäger durchgesetzt. Dennoch: Ein sonntäglicher Aufenthalt im Grünen bleibt im Nachbarland ein Risiko. Nicht nur für Fuchs, Marder und Rabe.
Auch in Deutschland keine ökologische Jagdkultur
In Deutschland gibt es zwar kein exzessives, gemeingefährliches Jagdunwesen wie in Frankreich. Doch von einer ökologischen Jagdkultur ist unser Land weit entfernt. Für viele Wildtiere gibt es nur sehr eingeschränkte oder überhaupt keine Schonzeiten. Als Schadwild gelten ähnlich wie in Frankreich Marder, Fuchs und Dachs, Kähen und Elstern. Hinzu kommen Einwanderer wie Waschbären, Marderhund oder Nutria. Auch Wildschweine werden wegen der Schäden in der Landwirtschaft und der möglichen Verbreitung der Afrikanischen Schweinepest fast ganzjährig bejagt.

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