G7-Staaten wollen raus aus der Kohle – lassen aber offen bis wann

Von 2035 an wollen die sieben führenden Industrienationen ihren Strom CO2-frei produzieren. Auf den ersten Blick sieht der Beschluss nach Rückenwind für die Energiewende aus. Doch wie glaubhaft ist der Ausstieg aus Gas und Kohle?

Abbau von Kohle im Tagebau Garzweiler mit einem Riesenbagger
Braunkohle-Tagebau Garzweiler Ausgerechnet diese besonders dreckige Kohle wird zur nationalen Energiereserve
Foto: jplenio auf Pixabay

Tausend Mal gehört – tausend Mal ist nix passiert. Hat es dieses Mal wirklich wumm gemacht? Bundesklimaschutzminister Robert Habeck bemühte zum Abschluss des Treffens der G7-Klima-, Umwelt- und Energieminister in Berlin jedenfalls eimal mehr die altbekannte Floskel vom “starken Signal für mehr Klimaschutz”. Der Grüne bezog sie auf das erstmals bekundete Ziel Deutschlands, Japans, Kanadas, Italiens, Frankreichs, Großbritanniens und der USA, ihren Strom bis 2035 CO2-frei herzustellen. Also ohne Kohle, Öl und Gas. Allerdings versehen mit dem kleinen Zusatz “überwiegend”.

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Viel Schwammiges zur Kohle

Genau an solch Schwammigem entzündet sich Kritik. “Zu viel Bekundungen und Unkonkretes”, formuliert die Greenpeace-Klima- und Energieexpertin Lisa Göldner das Unbehagen unter Umweltweltschützern. So vermisst sie ein klares Bekenntnis Habecks, am vorgezogenen Kohleausstieg 2030 festhalten zu wollen.

Legt man jüngste Entwicklungen als Maßstab an, rückt der in immer weitere Entfernung. Vergangenes Jahr war Kohle wieder die wichtigste Stromquelle an Elbe und Rhein. Und aus Angst, Russlands Kriegstreiber Wladimir Putin könnte uns den Gashahn zudrehen, adelt die Bundesregierung ausgerechnet die besonders klimaschädliche Braunkohle zur eisernen nationalen Energiereserve. Dabei ist längst klar: Ohne früheren Kohleausstieg verfehlt Deutschland seine Klimaziele.

Der neue Gasrausch der Bundesregierung

International sieht es nicht besser aus. Im Gegenteil: Weil die Gaspreise infolge des Ukraine-Kriegs zeitweise regelrecht durch die Decke schossen, erlebe die billigere Kohle vor allem in Asien ihre Wiedergeburt, klagt Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). “Wir sehen leider ziemlich deutlich, dass es mit einem raschen Kohleausstieg sehr schwer werden könnte.”

Das andere Ärgernis aus Sicht von Greenpeace-Expertin Göldner ist der “Gasrausch”, in den sich die Bundesregierung steigere. Gleich zwölf Standorte für Flüssiggas (LNG) würden laut Habecks LNG-Beschleunigungsgesetz auf Eignung geprüft. “Das ist völlig überdimensioniert”, kritisiert sie unter Verweis auf eine im Greenpeace-Auftrag erstellte Studie von Energieökonomen des Berlin DIW Econ.

Langfristige LIeferverträge fesseln für Jahrzehnte ans LNG

Deren Quintessence: Schon bis 2025 könnten die G7-Staaten fast ein Fünftel ihres Gasverbrauchs einsparen. Und das, ohne auf Atomkraft, Biomasse oder Kohle umzusteigen und die industrielle Produktion zu reduzieren.

Jetzt mit Ländern wie Katar und den USA 15 bis 20-jährige Lieferverträge für das gegenüber Erdgas CO2-haltigere LNG abzuschließen, schade dem Klima, schimpft Göldner. Und es sei unnötig. Es gehe um eine Überbrückung von ein bis zwei Jahren, um aus der Abhängigkeit von russischem Gas herauszukommen. Dafür reiche die vorübergehende Stationierung schwimmender Tanker vor der Küste. “Solche Lieferverträge fesseln uns hingegen für Jahrzehnte ans Gas.”

Spektakuläre Kehrtwende in Niedersachsen

Wie rasch gegenwärtig die Hemmungen der Politiker fallen, das Gaszeitalter auf unbestimmte Zeit zu verlängern, zeigt ein anderer Vorgang. Es ist erst wenige Monate her, dass der niedersächsische Landtag ein Förderverbot für Gas in den Küstengewässern des Landes beschloss. Jetzt die Kehrtwende.

Sonnenuntergang am Strand auf der Nordseeinsel Borkum
Sonnenuntergang auf Borkum Geplante Erdgasförderung bedroht das Inselidyll Foto: Nordseeheilbad Borkum GmbH

Gegen den Protest der Insulaner und von Umweltschützern will Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) das Verbot aufheben. Die Rücknahme würde dem niederländischen Energieunternehmen One-Dyas ermöglichen, westlich der Insel Borkum eine Bohr-Plattform ins empfindlich Wattenmeer zu rammen. Die Niederländer wollen dort ein Vorkommen von rund 60 Milliarden Kubikmeter Erdgas ausbeuten.

Umweltbedenken plötzlich verflogen

Plötzlich sieht Althusmann “keine Umweltgefährdung” mehr. Dagegen warnt Borkums parteiloser Bürgermeister Jürgen Akkermann vor möglichen “desaströsen Folgen” für seine Nordsee-Insel: Absenkung des Insel-Sockels, Erdbeben und der Eintrag gefährlicher Schadstoffe wie Benzol und Quecksilber in das sensible Ökosystem sind die gewichtigsten.

Drängt sich wieder einmal die Frage auf: Wie glaubwürdig sind die Klimaschwüre der Politik?

Mehr: Tagesschau greenpeace Welt

Von Dieter Dürand

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