Große Klappe, wenig dahinter – Europas Konzerne vermasseln Klimarettung und Schutz der Natur

Verbal bekennen sie sich zu Klimarettung und Umweltschutz. Doch weniger als fünf Prozent der Unternehmen lassen den Worten Taten folgen.

Zertifizierte Palmöl-Plantage von Beiersdorf auf Borneo - Pakt mit dem WWF zur Klimarettung und Waldschutz
Zertifizierte Beiersdorf-Palmöl-Plantage in Indonesien Der Hamburger-Kosmetikkonzern verfolgt eine nachprüfbare Strategie zur Klimarettung Foto: Matthieu Paley/Beiersdorf

Europas Industrie gibt gerne den Vorreiter in Sachen Klimarettung und Umweltschutz. Und in der Tat behauptet rund die Hälfte der Unternehmen auf dem alten Kontinent, sie fühlten sich dem Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens verpflichtet, die Erhitzung der Erde auf 1,5-Grad-Celsius zu begrenzen. Doch weniger als fünf Prozent können nachprüfbar angeben, welche Maßnahmen sie dazu ergreifen und wie groß die Fortschritte sind.

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Klimarettung zu oft ein bloßes Lippenbekenntnis

Das geht aus einer aktuellen Befragung von Hunderten Unternehmen hervor, die drei Viertel der europäischen Aktienmärkte repräsentieren. Durchgeführt haben die Erhebung die Organisation Carbon Disclosure Project (CDP), die sich die Dekarbonisierung der Wirtschaft auf die Fahnen geschrieben hat, und die Beratung Oliver Wyman. Eine weltweite Studie förderte vor zwei Jahren das gleiche ernüchternde Ergebnis zu Tage.

“Jedes umweltrelevante Unternehmen braucht klare Ziele, aber auch klare Pläne und Nachweise, dass es die Ziele auch umsetzt.”

Maxfield Weiss, CDP-Chef

CDP-Chef Maxfield Weiss hält das Zögern für verantwortungslos. Auch weil spätestens nächstes Jahr EU-weit und in Großbritannien Vorgaben gelten, die die Konzerne verpflichten offenzulegen, wie sie ihre Geschäfte gemäß dem 1,5-Grad-Ziel neu ordnen wollen. “Jedes Unternehmen, das Auswirkungen auf die Umwelt hat, braucht klare Ziele, aber auch klare Pläne und Nachweise, dass es die Ziele auch umsetzt,” formuliert Weiss.

Ignoranz bei Lieferketten und dem Schutz der Wälder

Doch da klaffen riesige Lücken. Biodiversität, Wald- und Gewässerschutz beispielsweise haben nur wenige Unternehmen im Blick. Mehr als die Hälfte berücksichtigt die Lieferketten nicht. Und gerade einmal jeder zehnte Autohersteller unterstützt seine Zulieferer dabei, auf CO2-arme Verfahren umzustellen.

Bei der Betrachtung nach Branchen schneiden noch der Agrarkomplex und die Nahrungsmittelindustrie am besten ab. Im Länderranking liegen die skandinavischen Länder vorn. Deutschland ist weit abgeschlagen, in Polen sind die Versäumnisse am größten (siehe Grafik unten).

Die Grafik zeigt den Anteil der Unternehmen, die sich im jeweiligen EU-Land auf dem Pfad zur Klimarettung befinden
Skandinavische Unternehmen sind am weitesten bei der Klimarettung Quelle: Oliver Wyman

In der Gesamtwertung erreichen gerade einmal neun Unternehmen in allen drei Kategorien – Klima, Wasser, Wälder – die Bestnote. Darunter drei französische (Danone, der Luxusgütehersteller LVMH und der Konsumgüterkonzern L’Oréal), zwei finnische (Kartonhersteller Metsä und der Holzkonzern UPM-Kymmene) und zwei aus Deutschland: der Duft- und Geschmacksstoffanbieter Symrise sowie der Kosmetikkonzern Beiersdorf.

Beiersdorf macht ernst bei Klimarettung

Die Hamburger wollen zum Beispiel schon Ende des Jahrzehnts alle ihre Fabriken klimaneutral betreiben und haben für das Ziel einen konkreten Zeitplan entwickelt. Jüngst verlängerten die Hanseaten ihre Zusammenarbeit mit der Naturschutzorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) für eine nachhaltigere Palmölproduktion auf der indonesischen Insel Borneo um drei Jahre.

Die Herausforderung: Die Plantagen sollen so angelegt werden, dass wenig in den Regenwald eingegriffen wird und, so Silke Düwel-Rieth, Leiterin Wirtschaft und Märkte beim WWF Deutschland, “gesunde und artenreiche Waldsysteme erhalten bleiben”. Zudem sollen die rund 200 Kleinbauern, mit denen Beiersdorf kooperiert, einen direkten Marktzugang zu einer Palmölmühle erhalten, um höhere Erlöse erzielen zu können.

Noch immer fließt viel Geld in schmutzige Geschäfte

Solche umfassenden Ansätze müssen in naher Zukunft Standard in allen Unternehmen werden, soll es mit der Rettung von Klima und Natur klappen. Darin sind sich die Experten von CDP und Oliver Wyman einig. Konzerne, die das Thema hingegen weiter auf die leichte Schulter nähmen, würden zunehmend Probleme haben, an Finanzierungen für ihre Vorhaben zu kommen, prophezeien sie. Noch allerdings stecken Investmentfonds den Großteil der Gelder von Anlegern in schmutzige Geschäfte.

Mehr: cdp oliver wyman Beiersdorf

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